Abbé Galiani
Briefe an Madame d'Epinay und andere Freunde in Paris 1769-1781
Abbé Galiani

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[160] An Frau von Epinay

Neapel, den 18. Mai 1776

Welche Gotteslästerung! Sie nennen einen Brief, den Sie ganz mit eigener Hand geschrieben haben, der mir bessere Nachrichten, als ich sie zu erwarten wagte, über Ihre Gesundheit gibt, der mir den Plan eines Hauswechsels, eines Ankaufs und andere durchaus angenehm langweilige Dinge meldet, einen Fetzen! Was konnten Sie mir aber Wichtigeres mitteilen?

Hätten Sie mir von euren Edikten, von euren Reformen erzählt? Über die erlassenen Edikte habe ich Ihnen schon meine Meinung gesagt. Ich zolle allem Beifall, die Zünfte ausgenommen, deren Abschaffung den Todesstreich für das französische Gewerbe bedeutet; aber die Wirkung wird sich in dreißig Jahren, und nicht früher, zeigen. Was die Reformen betrifft, so begrüße ich sie alle beifällig, um so mehr, als keine mich berührt. Titus Livius urteilte aber über sein Jahrhundert, das dem unsrigen so sehr gleicht: Ad haec tempora ventum est, quibus nee vitia nostra nee remedia pati possumus. »Wir leben in einem Jahrhundert, wo die Heilmittel ebenso schädlich sind als die Krankheiten.« Wissen Sie, was das bedeutet? Die Zeit des gänzlichen Niedergangs Europas und der Auswanderung nach Amerika ist gekommen. Alles gerät in Fäulnis hier: die Religion, die Gesetze, die Künste, die Wissenschaften. Und alles wird in Amerika sich neu gestalten. Das ist kein Scherz, noch ein Gedanke, der den englischen Zwistigkeiten entstammt : ich habe es vor mehr als zwanzig Jahren behauptet, verkündigt, gepredigt. Und ich habe stets erlebt, daß meine Prophezeiungen in Erfüllung gingen. Kaufen Sie also kein Haus an der Chausee d'Antin; Sie werden es in Philadelphia erwerben. Ich allein werde unglücklich sein, da es keine Abteien in Amerika gibt.

Umarmen Sie mir Schomberg und die Freunde, die nicht abwesend sind. Der Reisende wird in Venedig sein. Ich habe keine Nachrichten von ihm. Leben Sie wohl Da haben Sie einen Fetzen, wenn Sie wollen.


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