Abbé Galiani
Briefe an Madame d'Epinay und andere Freunde in Paris 1769-1781
Abbé Galiani

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[46] Frau von Epinay an Galiani

Auf der Briche, auf dem Wege, in Paris, überall, wo ich Feder und Tinte finde. Vom 3. November 1770 bis zum 10., wo dieser Brief abgehen wird.

Wie er ins Zeug geht, dieser kleine Abbé! Man könnte ihn für einen Ephemeristen halten, so ungerecht und lärmend ist er in seinem Brief vom 13. Oktober, den ich soeben erhielt. Was wollen Sie von mir? Ich schrieb Ihnen regelmäßig jede Woche und ließ darüber alles liegen. Welcher Pariser oder welche Pariserin tut so viel? Drei Wochen hintereinander elektrisiere ich Sie nicht mehr? Das ist ja eine schöne Neuigkeit, die Sie mir da mitteilen! Aber am meisten bin ich eigentlich darüber erstaunt, daß einige meiner Briefe diese überraschende Wirkung auf Sie hervorbrachten. Wer, zum Kuckuck, kann Geist und Phantasie einmal wöchentlich genau zum Posttag haben? Ich schreibe Ihnen alles, was mir durch den Kopf geht; ich schreibe Ihnen, weil ich Sie lieb habe, und weil ich Sie gern an mich erinnere; es ist nicht meine Schuld, wenn die ändern Ihnen nicht schreiben; Sie müssen nicht mit mir darüber zanken, sonst sage ich Ihnen wie jene Nonne: Ach! ehrwürdiger Vater, wenn Sie nicht mit mir zufrieden sind, so gehen Sie nebenan schlafen. Das ist bei uns ein Sprichwort, und will sagen: Gehen Sie zum Kuckuck! Warten Sie – man ruft mich, um nachzusehen, ob mein Wein gut verpackt ist, ich komme gleich wieder....Da bin ich.

Sie sagen ferner, ich antworte nicht auf die Hälfte Ihrer Briefe. Es kann sein, daß ich noch nicht auf die geantwortet habe, die ich noch nicht bekommen habe und die unterwegs sind; aber ich habe vom Monat August 1769 bis zum 13. Oktober 1770 keinen Satz unbeantwortet gelassen. Bedenken Sie, daß im Augenblick, wo Sie meine Briefe empfangen, es Antworten auf Fragen sind, die sechs Wochen zurückliegen, und daß ich Ihnen niemals schreibe, ohne Ihre Briefe zur Hand zu haben. Zum Beispiel schreibe ich Ihnen jetzt auf einem Damebrett, auf dem der Marquis gestern eine Partie Schach verlor. Ich habe die Füße auf einem Lehnstuhl, weil ich keinen Tisch mehr hier habe. Auf diesem Lehnstuhl liegen Ihre drei letzten Briefe, Schlüssel, zu bezahlende Rechnungen, ein Säckchen Geld, aus dem man unglücklicherweise so oft schöpfen kommt, daß es bald leer sein wird; und trotzdem gehöre ich im Augenblick ganz meinem Abbe, ohne geringste Ablenkung, weil ich – noch einmal sei es gesagt – ihn von ganzem Herzen, ganzer Seele, aus all meinen Kräften lieb habe.... Ah, welch ein Höllensabbat! Nun ja doch! Ja! Der Karren soll abfahren, soll zum Teufel gehen, man kann meine Pferde davor spannen!.... Ich sagte Ihnen also, um Ihnen meine Pünktlichkeit zu beweisen, daß ich nicht früher über die von Ihnen gewünschte Genugtuung antworten konnte; meine letzten Briefe sprechen eingehend davon. Den Grafen Schomberg habe ich nicht gesehen, er ist in Fontainebleau; Diderot ist im Grand-Val bis zum St. Martinstage: weil er versprochen hat, hier zu sein, so mußte er natürlich anderswo sein. Der Mann mit dem Strohsessel, der sicherlich kein Strohmann ist, schreibt immer viel mehr als alle ändern. Er führt ein Sträflingsleben und ist trotzdem abends, wenn er von seinem Dachstübchen herunterkommt, immer gleich lustig. Er hat Sie gern, er sagt Ihnen tausend zärtliche Dinge und hat unglücklicherweise nicht die Zeit, sie Ihnen selbst zu sagen. Dem Fürsten von Gotha geht es gut; aber es ist ein Jahrhundert her, seit er geschrieben hat; er hat für den Empfang der Prinzessinnen von Wales und anderer große Hoffeste gehabt. Herr de Saint- Lambert hat Sie noch immer sehr aufrichtig lieb, wie ich vermute; denn er spricht von Ihnen immer mit der gleichen Wärme, die Sie an ihm kennen. Die Gräfin d'Houdetot findet Sie reizend; aber Panurg ist ein ausgezeichneter Geist von bewunderungswürdiger Logik, und sie liebt die Logik sehr.

Übrigens habe ich seit einem Monat keinen Menschen gesehen und führe ein Leben nach meinem Herzen und Geschmack; ich neige ja ein bißchen zur Menschenscheu. Ich schwöre Ihnen, außer drei oder vier Personen, von denen ich mich niemals ohne Schmerz trenne, kann ich alle Menschen sehr leicht entbehren. Ich fliehe zwar die Welt nicht, aber ich bedarf ihrer nicht; ich bedarf nur meiner Freunde. Ich lese noch einmal durch, was ich Ihnen geschrieben habe; es ist fürchterlich; verbrennen Sie es. Ich muß abreisen, ich werde fortfahren, wenn ich angekommen bin; aber verbrennen Sie's nur immer.

Den 6. in Paris

Eine Schmutzwohnung, ein Lärm, eine Kälte! Ach, Sie nahen keine Ahnung von den Übelständen, die mich umgeben. Ich bin schon einmal vergangene Woche in Paris gewesen, um mich häuslich niederzulassen. Der Malergeruch hat mich vertrieben; aber jetzt bin ich da und muß, ohne Barmherzigkeit, bleiben.

Der Abbé Grimod hat von Ihnen ein gebundenes Exemplar der Dialoge; das ist abgemacht, also sprechen wir nicht mehr davon. Nächste Woche werde ich Ihnen über Nicolai und Gatti schreiben. Der mir empfohlenen Person werde ich sagen lassen, sie könne zu mir kommen. Verlassen Sie sich auf meine Pünktlichkeit und meinen Eifer.

Wie kommen Sie denn darauf, daß ich über den »Radau« nicht hätte lachen können? Ich habe meine Ordre essentiel des Societes so gut im Kopf, daß ich all denen, die die Anspielungen nicht merkten, die betreffenden Stellen zitiert und ins Gedächtnis zurückgerufen habe. Es ist die scherzhafteste, originellste, blutigste Satire, die jemals geschrieben worden ist. Wir alle sind der Meinung, daß Sie, ohne den Scherz allzu sehr auszuspinnen, doch noch den eigentlichen »Radau« behandeln müssen, eben den, der am 30. Mai stattfand; wir erwarten wenigstens ein Kapitel. Unterzeichnet: der Philosoph, der Strohstuhl und Ihre Dienerin. – So ist unsere Meinung und unser Wille.

Das Buch des Grafen Lauraguais ist zum Totlachen; ich schicke es Ihnen; obgleich er Sie kritisiert, wird er Ihnen doch viel Spaß machen. Da es nur eine kleine, sehr kleine Broschüre ist, so habe ich Lust, sie Ihnen mit den Zeitungen bis Rom durchschmuggeln zu lassen. Ich werde sehen, ob ich irgendein anderes Mittel ausfindig machen kann, um sie Ihnen zuzustellen. Die Ökonomisten sind darin recht drollig verlästert.

Madame Geoffrin ist immer dieselbe, gut, vortrefflich und originell, wie das Genie es immer ist. Ich sehe sie nur, wenn ich ihr zufällig einmal begegne, wie Sie wissen. Es geht ihr vorzüglich. Warum sie mich nicht mag, das ist auch eins von den Rätseln, die ich niemals lösen konnte; denn ich müßte ihr doch gefallen, weil ich immer nur in Ruhe beobachte, nie jemand zu verdunkeln oder auszustechen suche, kein Vermögen habe, kein Haus mache, nicht dumm, nicht eroberungslustig bin. Es ist sonderbar.

Soll ich Ihnen von dem Werk erzählen, das Buffon soeben über die Vögel veröffentlicht hat? Ich, eine Frau, die nichts weiß, überhaupt eine Frau – das ist recht kühn! Schadet nichts, ich will Ihnen ganz, ganz leise ins Ohr sagen, was ich davon denke. Ich fürchte, das Buch enthält mehr Dichtung als Wahrheit. Nach seiner ersten Abhandlung über den Menschen ist dieser das erste und vollkommenste aller Tiere.

Seiner Abhandlung über die Vierfüßler merkt man an, daß er die größte Lust hatte, sie, wenn nicht über den Menschen, so doch neben ihn zu stellen. Erinnern Sie sich, wie er es nur dem Zufall zuschreibt, daß er ihm das Weltzepter in die Hand gab? Jetzt sagt er, in dem Buch über die Vögel, daß sie dank ihrem Gesicht, dem vollkommensten ihrer Sinne, und die Vierfüßler dank ihrem Geruch, beide Leistungen vollbringen, die weit über dem stehen, was der Mensch jemals leisten kann. Die Vögel also haben vor dem Menschen den Vorzug des Fliegens, des Gesichts, der Fortpflanzungsfähigkeit und Wahrnehmungen von gewisser Art. Die Vierfüßler haben die Vorzüge des schnellen Laufens, des Geruchs, der körperlichen Kraft und Wahrnehmungen gewisser Art. Es bleibt den Menschen nur Gefühlssirm, Geschmack und Vernunft. Aber hierauf geht er noch weiter: nachdem er in jedem Wesen die Produkte des einfachen Gefühls verglichen und den Ursachen der Verschiedenheit des Instinkts nachgespürt hat, findet er, daß ihre Resultate regelmäßiger, weniger willkürlich, weniger Irrtümern unterworfen sind, als die sogenannte Vernunft bei der einzigen Art, die sie zu besitzen glaubt. Es bleibt also dem Menschen nur Gefühlssinn und Geschmack. Und wenn das erste beste Rhinozeros sich hätte Mühe geben wollen, so hätte es über sein Wesen richtiger geurteilt als Buffon. Ich tue ihm nicht die Beleidigung an, ihn beim Wort zu nehmen. Man fühlt übrigens sehr gut, was er sagen will; aber warum Poesie einflechten und metaphysische Annahmen machen, wo es nur einer einfachen Darstellung der Tatsachen bedarf? Warum macht er sich zum Lobredner jeder Art, von der er spricht? Man ist wie man eben ist. Er sollte die Verkettung der Wesen zeigen vom kalten Marmor an, der sich auf dem Grunde der Höhle bildet, bis zur Eiche hinauf, die ihr Haupt in den Himmel erhebt; dann sollte er von der Eiche bis zur Auster gehen, und von dieser bis zum Menschen alle Tiere durchnehmen, für jedes Wesen die Grenzen festsetzen, und nicht eins dem ändern ins Gehege kommen lassen. Wenn die Bären und die Geier seine Sprache verstünden, so wären wir nicht mehr sicher auf unserer Erde! Die augenfälligen Widersprüche kommen jedoch nur davon her, daß er etwas zu verstehen geben will, aber nicht wagt, es auszusprechen, weil er beim Schreiben immer den Dr. Riballier unten auf seinem Blatt sieht, und wenn man eine derartige Vision vor Augen hat, ist es sehr schwierig, etwas wirklich Großes und Philosophisches zu schaffen. Trotzdem ist er ein sehr schönes Genie, seine Beredsamkeit ist edel, einfach und bezaubernd.

Da Sie meine Gefühle, mein lieber Abbe, nach der Länge meiner Briefe abschätzen, so liegt es nur an Ihnen, nach diesem hier zu glauben, daß ich Sie anbete, und, wahrhaftig – lassen wir das Zeichen der langen Briefe dahingestellt – Sie täuschen sich nicht gar sehr. Einstweilen leben Sie wohl bis zur nächsten Post!


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