Abbé Galiani
Briefe an Madame d'Epinay und andere Freunde in Paris 1769-1781
Abbé Galiani

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[39] An Herrn Suard

Neapel, den 8. September 1770

Mein lieber Freund, ach, welch schönen Brief Sie mir geschrieben haben! Ich habe ihn gelesen, wieder gelesen, ihn andächtig durchgeschmeckt, und ihn sogar andern vorlesen wollen; aber bis zu dieser Stunde ist es mir nur geglückt, im ganzen drei Paar Ohren zu finden, die würdig wären, ihn zu hören. Ich möchte Ihnen jetzt antworten und habe eine so große Lust, mit Ihnen zu plaudern, daß ich, wenn ich mich gehen ließe, einen unendlichen Brief loslassen würde, um einem unersetzlichen Abbé Gesellschaft, Diners und unersetzliche Freunde zu ersetzen; aber ich fürchte, in ernsten Ton zu verfallen, denn ich will doch von meinen Dialogen mit Ihnen sprechen, da Sie einmal davon angefangen haben. Sie werden leicht erraten, daß ich mich nicht über die Lobreden, mit denen Sie mich überhäufen, mit Ihnen unterhalten will. Ich nehme sie an, ich halte sie fest, und weil sie von Ihnen kommen, so mache ich sie mir zu eigen; ich will sogar glauben, daß ich sie verdient habe, und gedenke, sie meinen Kindern zu vererben. Aber nun will ich von etwas anderem schwatzen.

Zunächst sagten Sie mir, nach dem Lesen meines Buches seien Sie kaum mehr tiefer in den Kern der Frage vorgedrungen. Wie zum Teufel ist das möglich! Sie, der Sie von Diderots und meiner Sekte sind, können nicht zwischen den Zeilen lesen? Ich lasse es gelten, daß diejenigen, die nur das schwarz Gedruckte lesen, nichts Entscheidendes in meinem Buche entdeckt haben; aber Sie, Sie müssen zwischen den Zeilen lesen; lesen Sie das, was ich nicht geschrieben habe und was trotzdem darin steht. Und Sie werden folgendes finden:

Unter jeder Regierung richtet sich die Getreidegesetzgebung nach dem Wesen der Regierung. Unter einem Despoten ist freie Ausfuhr unmöglich; der Tyrann hat zu viel Furcht vor dem Geschrei seiner hungrigen Sklaven. In der Demokratie ist die Ausfuhrfreiheit natürlich und unvermeidlich. Da Regierende und Regierte dieselben Personen sind, so ist das Vertrauen unbegrenzt. In einer gemischten und gemäßigten Regierung kann auch die Freiheit nur modifiziert und gemäßigt sein.

Korollarium: Wenn Sie zu stark an der französischen Getreideverwaltung rütteln, so werden Sie, falls es Ihnen gelingt, die Form und Zusammensetzung der Regierung verändern, einerlei, ob diese Veränderung die Ursache oder ob sie die Wirkung der unbeschränkten Ausfuhrfreiheit ist. Nun ist die Veränderung einer Verfassung eine sehr schöne Sache, wenn sie gemacht ist, aber eine sehr häßliche, wenn sie erst noch gemacht werden soll. Sie macht zwei oder drei Generationen ganz gewaltigen Verdruß und verschafft nur der Nachwelt Annehmlichkeit. Unsere Nachkommen aber sind nur mögliche Wesen, und wir sind wirkliche. Sollen die wirklichen sich wegen dieser andern Zwang auferlegen und sich sogar unglücklich machen? Nein! Behalten Sie also Ihre Regierung und Ihr Getreide.

Sie stimmen mit mir überein, daß Frankreich Verordnungen haben muß; aber die meinigen gefallen Ihnen nicht? Aber was sind denn meine Verordnungen? Ich habe einen Ermutigungspreis und eine Geldbelohnung allen denen zugestanden, die den unglücklichen Darbenden der Berge von Limoges und Gévaudan Getreide bringen werden. Wo, zum Teufel, haben Sie das gesagt? werden Sie lostoben; das steht nicht in Ihren Dialogen. – Es steht darin, antworte ich Ihnen ernst. Es steht zwischen den Zeilen. Suchen Sie gut nach. Stellen Sie als Grundsatz fest, daß in jeder Regierung Extravergütung und Steuer gleichbedeutend sind. Alles, was Ihnen ein Herrscher nicht nimmt, das gibt er Ihnen. Schöner Grundsatz, werden Sie ausrufen! Es gibt keinen andern, wiederhole ich kalt: ein Herrscher hat keine andern Einkünfte als die Steuern. Wenn er geben soll, so muß er nehmen: Et e converso, wenn er nicht nimmt, so gibt er. Was ist ein Generalkontrolleur? Ein großer Taschenspieler. Er hat in seiner Hand den Zauberstab, die sogenannten Patentbriefe, Verfügungen, Erklärungen; und er macht große Taschenspielerkunststücke, bald wirkliche, bald nur scheinbare; im Grunde hat er niemals mehr, niemals weniger von den kleinen Kugeln in seinen Händen. Ebenso gewährt der Herrscher, der nicht fünfzig Sous für das Malter Getreide nimmt, wenn das Getreide nach dem Limousin geht, und der sie nimmt, wenn es nach Portugal geschifft wird, den inländischen Händlern eine wirkliche Extravergütung, für die Unbequemlichkeit der schlechten Wege, und aus Rücksicht auf das Elend der Einwohner der inneren Provinzen.

Beachten Sie, daß im heutigen Frankreich, das ein Handel, Seefahrt, Industrie treibendes Reich ist, der ganze Reichtum sich an den Grenzen angesammelt hat; alle seine großen, reichen Städte liegen an den Grenzen; das Innere ist von erschreckender Dürftigkeit, das Getreide strömt dorthin, wo das Geld ist. Es gibt also in Frankreich eine Zentrifugalkraft, die ausgeglichen werden muß; wenn das nicht geschieht, wird alles Getreide an die Grenzen gehen; dann wird es aus dem Lande herausgehen, aus einem andern physikalischen Grunde, den ich Sie in meinen Dialogen ebenfalls zwischen den Zeilen finden lasse.

Stellen Sie auf einen runden Teig ein schweres Gewicht:

sicherlich werden Sie ihn abplatten, zerquetschen und in der weichen Masse eine Zentrifugalkraft hervorbringen, weil sie dem Gewicht auszuweichen sucht. Nun stellen Sie mitten in einen Staat einen König, einen Ministerrat, ein Parlament, Intendanten etc.: das sind schwere Massen, die einen schrecklichen Druck ausüben. Sofort werden Sie soviel Menschen und Lebensmittel wie nur möglich sich über die Grenzen ergießen sehen, wenn Sie diese Bewegung nicht korrigieren.

Die Herren Ökonomisten sagen Ihnen, sie werden durch ihre Eintagsbroschüren, die Parlamente, die Intendanten etc. wohl verhindern, einen Druck auf dem Teig auszuüben. Arme fanatische Dummköpfe! Sie glauben, weil sie eine sehr bekannte Wahrheit entdeckt und in schlechtem Französisch hingeschmiert haben, wird sie sich sogleich ausführen lassen. Die Welt ist ganz anders eingerichtet, die Parlamente werden immer Beschlüsse fassen, die Ministerräte immer Erklärungen abgeben, die Intendanten immer Verordnungen erlassen, und zwar immer zu viele und immer im Innern. Darum wird ein armer Teufel, sobald er sein Getreide eingeschifft sieht, dafür Gott danken; er wird ihm das Sic te diva potens Cypri von Horaz singen oder das Si quae vis miracula des heiligen Antonius, und dann wird er schlafen gehen. Hätte ich gesagt, man solle die freie Ausfuhr bestehen lassen, außerdem aber dem Binnenhandel noch eine Ermutigung und Extravergütung gewähren, in Anbetracht der größeren Schwierigkeit der Anfuhr und des Absatzes in den armseligen Provinzen des Innern, da hätten mich alle Ökonomisten umarmt, hätten mich auf die Stirn und vielleicht noch wo anders hin geküßt. Ich habe genau das gleiche gesagt; sie wollten mich totschlagen. Und doch habe ich an Stelle eines unpraktischen Rates einen vernünftigen und leicht auszuführenden gegeben. Ziehen wir die Schlußfolgerung. Verdammt der Mensch, der für Menschen drucken läßt, wenn er nicht sein Manuskript den Buchhändlern um gute Bezahlung verkauft. Das habe ich für den Binnenhandel getan; aber ich habe noch viel mehr getan. Ich habe die Ausfuhr ermutigt, gesichert, heilig, unverletzlich gemacht. Das haben Sie keineswegs getan, wollen Sie mir wieder vorwerfen; Sie haben das Gegenteil getan, Sie haben der unumschränkten, absoluten Freiheit, wie mir mein lieber Abbé Morellet sagte – den ich immer noch lieb habe und gern über diese Dinge aufklären möchte –, Beschränkungen und Abänderungen auferlegt. Nun, sie täuschen sich alle, so viel ihrer sind; sie kennen die Menschen nicht. Habe ich nicht eine Steuer von fünfzig Sous auf die Getreideausfuhr gelegt? Diese Steuer soll in den Anfängen angewendet werden, solange die Erhitzung fürs öffentliche Wohl andauert, und soll den inneren Umlauf säubern; nachher wird sie wie üblich und wie billig in die königliche Schatzkammer fließen. Die Ausfuhr wird also einen nicht zu verachtenden Teil der Staatsfinanzen und -einkünfte bilden. Sie wird daher beliebt sein, weil sie nützlich ist; geheiligt, weil der Generalkontrolleur sie als seine Hilfsquellen ansehen wird, und wird von der Regierung geschätzt sein, weil sie einträglich ist. Sie kaufen, im wahren Sinne, Ihre Freiheit; Sie kaufen den Schutz; und dies ist die gute Art und Weise: Kauf ist sicher, Geschenke sind widerruflich.

Ich höre von hier die Ökonomisten, wüßten Sie von meinem Vorschlag, mit ihren großen Stiefeln trampeln und schreien, ich sei ein Italiener, ein Neapolitaner, ein Pfaffe, und ich werde ihnen ruhig antworten, daß sie Ökonomisten sind. Sie werden mich Macchiavel, Mazarin, Geldprotz, Schinder der Armen, Blutsauger des Volkes nennen. Ich werde sie arme Tölpel nennen, Blutsauger der Hämorrhoidaladern, die die Natur verbessern und die Menschen umändern wollen. Im Grunde sind die Franzosen ebenso italienisch wie die Italiener. Wenn die Ausfuhr dem König nichts einbringt, kein bares Geld in die Hand – das einzige, womit die großen Minister rechnen mögen und rechnen können –, so wird man bald vergessen, daß sie den Ackerbau begünstigt, daß der Ackerbau die Basis ist, daß Nationalreichtum, allgemeines Interesse, Grundeigentum, Reinertrag, die produzierende Klasse, der notwendige Preis, die ländliche Physionomie, die Konkurrenz, die Freiheit, der proportionale Preis, die Reproduktion, die erste Einlage über alle Maßen abgedroschene Gemeinplätze sind etc. etc. Das ist zu lang, um es auswendig zu behalten, und im wesentlichen läuft es auf folgendes hinaus: Wenn die Getreideausfuhr dem Herrn Generalkontrolleur nichts einbringt, so werden die Herren Intendanten damit nach Gutdünken verfahren; und ganz gewiß wird es ihnen gut dünken, besondere Erlaubnisse zu gewähren, Polizeiverordnungen zu erlassen und den Handel zu belästigen. Sie werden zuweilen ein bißchen gescholten werden: dann machen sie einen Ausflug nach Versailles, speisen beim Herrn Generalkontrolleur zu Mittag, himmeln die Bureaus an, plaudern mit den Beamten und kehren renommierend und triumphierend in ihre Intendanz zurück. Aber wenn die Getreideausfuhr königliches Recht ist, so müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn sie sie jemals belästigen könnten, ohne sich sehr ernsthafte Händel zuzuziehen.

Schlußfolgerung: Macht aus der Ausfuhr, wenn ihr wollt, daß sie ermutigt und beschützt werden soll, eine, wenn auch nur bescheidene, Einnahme des Fürsten: das sagt euch ein Mensch, der die Menschen kennt, und das ist die wahre Analyse meiner Dialoge, die sehr verschieden ist von der der Zeitungschreiber. Und nun sprechen Sie! Konnte ich von dem, was ich Ihnen eingestanden habe, ein einziges Wort sagen, ohne mein Geheimnis und das des Staates zu verraten? Ich weiß wohl, all dies ist den Köpfen der Ökonomisten hundert Meilen fern, aber auch dem Ihrigen und dem unseres großen Diderot? Der Abbé Morellet braucht nur Kopf oder Schrift zu spielen, ob er der Unsrige sein oder zu den Ökonomisten gehören will; das ist Geschmackssache. Indessen erkläre ich ihm, wenn er sich auf die Seite der Ökonomisten stellen will, so wird er niemals ein Wort von dem verstehen, was ich sage, ohne es auszusprechen. Gehört er zu den Unsrigen, so wird er verstehen, wie man die Leidenschaften, die Laster der Menschen, die Fehler, die Unbesonnenheiten und die falsche und übertünchte Wohlanständigkeit des öffentlichen Wohls in Anspruch nimmt. Der Enthusiasmus der Schriftsteller hat noch niemals etwas in dieser Welt zustande gebracht, sondern einzig und allein das persönliche Interesse.

Ich fürchtete ernst zu werden, und da sehen Sie: meine Furcht hat sich bewahrheitet. Ihr Urteil, Ihre Achtung, Ihre Stimme gelten mir zuviel, und ich will durchaus, daß Sie meiner Meinung sind. Es ist heut abend keine Zeit mehr zu Scherzen: diese also ein andermal. Darum umarme ich Madame nicht, sage kein Wort an Gatti, Marmontel, Thomas, Raynal, Arnaud, nicht mal an die, die mir die Teuersten auf der Welt sind, ich umarme Sie allein und damit genug!

Neuigkeiten weiß ich nicht, nur daß ich, anstatt mich beschneiden zu lassen, mich zu verheiraten und dabei doch meine Abteien zu behalten hoffe. Leben Sie wohl, behalten Sie mich recht lieb, denn ich verdiene es. Tausend Grüße an den Baron und die Baronin. Vergessen Sie Madame de Marchais nicht. Könnte ein Ungeheuer der Politik nicht liebenswürdig in der Gesellschaft sein?


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