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Schmock in Wieringen

Wenn ein Mensch, der einmal bessere Tage gesehen hat und nun in einem vergessenen Erdenwinkel dahinlebt, einen Besuch von der Welt da draußen bekommt, so ist das gewiß ein Ereignis. Peinlich jedoch wird die Sache, wenn dieser Besuch der Herr Kriegsberichterstatter z. D. Karl Rosner vom »Lokalanzeiger« ist, der daraus sofort ein schleimiges Feuilleton für die »Woche« dreht. Peinlich für jeden Menschen von Geschmack, peinlich auch für den Gastgeber, der unter Karl Rosners sieggewohnten Fingern sofort das Exterieur eines Romanhelden erhält: »Der Kronprinz (er und kein anderer ist es) schweigt, sieht weiterschreitend – die leichte Mütze in der Hand – über das dunkle Grün der Weideflächen, hinaus in die von sachtem Dämmern überblaßte Ferne ... Länger als während der Jahre im Felde trägt er das volle, weich zurückfallende Haar – es glänzt von silbergrauen Fäden. Die hohe Stirn hat etwas Sinnendes bekommen, wie es um Menschen ist, die viel allein sind ...« Aber selbstverständlich leuchten die blauen Augen unbesiegbar jung und gläubig. Schließlich sind Courths-Mahlereien solcher Art alltäglich und bieten keinen Grund zur Aufregung. Bedenklicher ist schon folgendes: Der Kronprinz spricht – oder vielmehr läßt ihn Herr Rosner sprechen – von dem zurückgezogenen Leben, das er mit seinem getreuen Adjutanten führt und meint endlich, man werde es auch noch weiter aushalten, »solange es noch durch die Umstände nötig erscheint«. Und der große Beobachter Karl Rosner konstatiert: »Die Blicke der beiden Männer treffen sich in klarem Verstehen.« – Es interessiert uns wenig, ob Herr Rosner dieses Augenspiel richtig gedeutet hat, oder ob sich die beiden Männer nur über ihn lustig gemacht haben. Jedenfalls hätte er seinem Wirt in Wieringen einen besseren Dank erwiesen, wenn er geschwiegen hätte.

Berliner Volks-Zeitung, 25. Juni 1921


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