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Vortragsabend Olga Wojan

Olga Wojan, die im Graphischen Kabinett Verse und Prosa von Klabund sprach, ist in den letzten Monaten wiederholt durch ihre aparte Vortragskunst aufgefallen. Ihr steht nicht nur ein außerordentlich gutgeschultes Organ zu Gebote, sondern auch eine Mimik von fast proteushafter Wandlungsfähigkeit, die indessen immer sich bewußt ist, nur Unterstreichung des Wortes zu sein, und deshalb himmelweit entfernt ist von der Gesichtsakrobatik gewisser moderner Rezitatörinnen, die am Vortragstisch immer nach dem Stativ zu schielen scheinen. Vielleicht wäre es aber Fräulein Wojan zu empfehlen, Klabunds hysterisch sein sollende und im tiefsten Innern unechte Lyrik hinter sich zu lassen, um sich einmal der sozialen Satire zu widmen. Ein Dialog von Lukian oder Heines »Wintermärchen« und »Ratten« müßten ihr glänzend liegen. Gelingt es ihr, den bisherigen Stoffkreis durch festere Gebilde zu erweitern, so wird ganz gewiß diese junge Künstlerin bald mit Erfolg in die Hürden des Meisters Ludwig Hardt einbrechen.

Berliner Volks-Zeitung. 23. April 1921


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