Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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167.
Auch neben dem Treufaug ist er weise.

Der gute Pfarrer hatte alle Hände voll zu tun, die Umstände zu benützen, die jetzt günstig waren, mancherlei Wahrheiten ans Licht zu bringen, die lange verborgen waren.

Am folgenden Tage kam der Treufaug der Abrede gemäß zu ihm zum Mittagessen. Es ging ihm jetzt wie dem Hartknopf; man ließ ihn stehen und gehen, und viele spotteten seiner noch. Er war sein Lebtag immer gewohnt gewesen, seine Stube voll Leute zu haben, die, wenn sie auch nichts wollten, zuletzt doch mit ihm sprachen; und er hatte todlange Zeit, daß ihn jetzt jedermann allein ließ.

Der Pfarrer setzte ihm eine Flasche vom besten Weine vor, den er im Keller hatte, und der Treufaug wurde so zutraulich, daß er fast nicht wußte, wie er tun solle. Er versprach ihm einmal über das andere, daß er keine Medizinen mehr geben, und seine Arzneimittel alle dem studierten Herrn Doktor Müller, den er als einen braven und sorgfältigen Mann kannte, anvertrauen wolle, wenn nur der Junker dann auch wieder gut mit ihm werde, und er auch wieder ins Schloß gehen dürfe, wie vorher, und die Leute es ihm nicht so machen dürften wie jetzt.

Der Pfarrer forschte ihn über alles aus. Er gestand, daß er seiner Arzneien nie sicher gewesen sei. Was die Gespenster und das Lachsnen betreffe, sagte er, habe er im Anfang daran geglaubt wie ans Unser Vater. Nach und nach habe er freilich angefangen, zu merken, daß nicht alles wahr sei, was in seines Großvaters Buch stand; aber er habe seine Manier forttreiben müssen, weil ihm niemand einen Heller zu verdienen gegeben hätte, wenn man nicht geglaubt hätte, er könne etwas wider die bösen Leute. Nach und nach sei es ihm so zur Gewohnheit und zum Handwerk geworden, daß er diese Zeremonien allemal mitgemacht habe, ohne weiter daran zu denken, ob sie etwas nützen oder nicht, wie hundert andere Leute auch unnütze Sachen mit den nötigen machen, wie zum Beispiel die Kaminfeger meinten, ihre Arbeit wäre nicht fertig, wenn sie nicht das Lied oben zum Kamin hinaus sängen. Er erzählte dann aber auch dem Pfarrer eine Menge Historien, wie er mit den Leuten den Narren trieb, und sie alles für bares Geld annahmen, was er ihnen gegeben habe. Einmal, sagte er, habe ich einem Kinde ein Brechmittel gegeben, und da behauptet, ein großes Stück Ziegel, welches ich in den Zuber geworfen hatte, sei von ihm gegangen. Der Vater und die Mutter, und wer da war, fanden das Stück auch gar zu groß, und konnten nicht glauben, daß es durch den Hals herauf habe kommen können. Das ist doch auch fast unglaublich, sagten sie zu mir. Ich antwortete ihnen: O ihr einfältigen Leute, daß ihr jetzt auch das nicht glauben, und so reden könnt! Ihr wißt doch auch, wie groß ein Kind ist, wenn es auf die Welt kömmt. Im Augenblick glaubten die Leute wieder, was ich ihnen vorgab, und erklärten dann noch selbst, wie dem Teufel nichts unmöglich, und wie man daraus, daß das Ziegelstück da sei, schließen müsse, daß es herauf gekommen sei.


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