Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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71.
Die Hauptauftritte nähern sich.

Als der Vogt heim kam, traf er seine Frau allein in der Stube an; er konnte also die Wut und Zorn, den er den Tag über gesammelt hatte, nun ausleeren. Auf dem Felde, im Schloß und in Hirzau, da war es anders. Unter den Leuten zeigt so einer nicht leicht, wie es ihm ums Herz ist.

Ungeschickt wie ein Schäferbube, würde man sagen, wäre ein Vogt, der das nicht könnte; und das hat man dem Hummel nie nachgeredet. Er konnte ganze Tage lang Zorn und Neid, Haß und Gram hinunterschlucken, und immer lächeln und schwatzen und trinken; aber wenn er heim kam, und zum Glück oder Unglück die Wohnstube leer fand, so stieß er die Wut, die er unter den Leuten gesammelt hatte, fürchterlich aus.

Seine Frau weinte in einer Ecke, und sagte: Um Gottes willen, tue doch nicht so! Mit diesem Rasen bringst du Arner nur immer mehr auf. Er ruht nicht, bis du dich zum Ziele legest.

Vogt. Er wird nicht ruhen, ich mag tun, was ich will; er wird nicht ruhen, bis er mich zugrunde gerichtet haben wird. Ein Schelm, ein Dieb, ein Hund ist er, der Verfluchteste unter allen Verfluchten.

Vögtin. Herr Jesus, um Gottes willen, wie du redest! Du bist von Sinnen!

Vogt. Habe ich nicht Ursache? Weißt du es nicht? Er nimmt mir das Wirtsrecht oder den Mantel innert vierzehn Tagen.

Vögtin. Ich weiß es; aber um Gottes willen, tue doch jetzt nicht so. Das ganze Dorf weiß es schon. Der Schloßschreiber hat es dem Weibel gesagt, und dieser hat es an allen Orten ausgekramt. Ich wußte nichts bis auf den Abend, da ich tränkte; da lachten die Leute auf beiden Seiten der Gasse vor allen Häusern, und die Margarete, die auch tränkte, nahm mich beiseits, und sagte mir das Unglück. Und noch etwas: Hans Wüst hat die acht Gulden zurückgebracht. Wie kömmt jetzt dieser zu acht Gulden? Auch dahinter steckt Arner. Ach Gott, ach Gott! allenthalben droht ein Ungewitter.

Wie ein Donnerschlag erschreckten die Worte »Hans Wüst hat die acht Gulden zurückgebracht« den Vogt. Er stand eine Weile, starrte mit halbgeöffnetem Mund die Frau an, und sagte dann: Wo ist das Geld? wo sind die acht Gulden? Die Frau stellt es in einem zerbrochenen Trinkglas auf den Tisch. Der Vogt starrt eine Weile das Geld an, zählt es nicht, und sagt dann: Es ist nicht aus dem Schloß; der Junker gibt keine ungesonderten Sorten.

Vögtin. Ich bin froh, daß es nicht aus dem Schloß ist.

Vogt. Es steckt doch etwas dahinter. Du hättest es ihm nicht abnehmen sollen.

Vögtin. Warum das?

Vogt. Ich hätte ihn ausforschen mögen, woher er es habe.

Vögtin. Ich habe wohl daran gedacht; aber er wollte nicht warten, und ich glaube nicht, daß du etwas herausgebracht hättest; denn er war so kurz und abgebrochen, als man nur sein kann.

Vogt. Es stürmt alles auf mich los; ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Gib mir zu trinken.

Sie stellt ihm den Krug vor, und er geht mit wilder Wut die Stube hinauf und hinunter, schnauft, trinkt und redet mit sich selber: Ich will den Maurer verderben, das ist das erste, das sein muß; und das muß geschehen, wenn es mich auch hundert Taler kostet. Der Michel muß ihn verderben, und dann will ich auch hinter den Markstein gehen.

So sagte der Vogt, und eben klopfte Michel an. Wie im Schrecken fuhr der Vogt zusammen, und sagte: Wer ist da so spät in der Nacht? Dann eilte er ans Fenster zu sehen, und Michel rief: Mach' auf, Vogt!


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