Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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78.
Zwei Briefe vom Pfarrer an Arner.

Erster Brief.

Hochedelgeborner, gnädiger Herr!

Der Ueberbringer dieses, Hans Wüst, hat mir heute eine Sache geoffenbart, die von einer Natur ist, daß ich nicht umhin konnte, ihm zu raten, sie Euer Gnaden als seinem Richter zu entdecken. Er hält nämlich in seinem Gewissen dafür, der Eid, den er und Keibacher vor zehn Jahren bei der Sache zwischen dem Hübelrudi und dem Vogt geschworen haben, sei falsch. Es ist eine sehr traurige Geschichte, und es kommen dabei sehr bedenkliche Umstände von dem verstorbenen Schloßschreiber und dem unglücklichen Vikari meines in Gott ruhenden Vorfahrs ins Licht, und mir schauert vor aller Aergernis, so dieses Bekenntnis hervorbringen kann. Ich danke aber wieder Gott, daß der Aermste unter meinen vielen Armen, der gedrückte leidende Rudi mit seiner schweren Haushaltung durch dieses Bekenntnis wieder zu dem Seinigen kommen kann. Die täglich steigende Bosheit des Vogts und sein Mutwille, der jetzt auch sogar der Feste nicht mehr achtet, machen mich glauben, die Zeit seiner Demütigung sei nahe. Für den unglücklichen armen Wüst bitte ich demütig und dringend um alle Barmherzigkeit und Gnade, welche die Pflichten der Gerechtigkeit dem menschenliebenden Herzen Euer Gnaden erlauben können.

Meine liebe Frau empfiehlt sich Ihrer edelmütigen Gemahlin, und meine Kinder Ihren guten Fräuleins. Sie sagen tausendfachen Dank für die Blumenzwiebeln, mit denen sie unsern Krautgarten verzieren wollen. Gewiß werden ihnen meine Kinder mit Fleiß abwarten; denn ihre Blumenfreude ist unbeschreiblich.

Erlauben Sie, hochedelgeborner, gnädiger Herr, daß ich mit pflichtschuldiger Ergebenheit mich nenne

Euer wohledelgebornen Gnaden
gehorsamsten Diener

Joachim Ernst, Pfarrer.

Bonnal, den 20. März 1780.

Zweiter Brief.

Hochedelgeborner, gnädiger Herr!

Seit gestern abends, da ich Euer Gnaden in beiliegend schon versiegeltem Schreiben den Vorfall mit dem Hans Wüst pflichtgemäß zu wissen tun wollte, hat die alles leitende, weise Vorsehung meine Hoffnungen und meine Wünsche für den Rudi und meine Vermutungen gegen den Vogt auf eine mir jetzt noch unbegreifliche und unerklärbare Weise bestätigt.

Es entstand in der Nacht ein allgemeiner Lärm im Dorf, der so groß war, daß ich Unglück vermutete. Ich ließ nachfragen, was es sei, und erhielt den Bericht, der Teufel wolle den Vogt nehmen; er schreie erbärmlich droben am Berge um Hilfe, und alles Volk habe das erschreckliche Gerassel des ihm nachlaufenden Teufels gehört. Ich mußte ob diesem Berichte, Gott verzeihe es mir, herzlich lachen. Es kamen aber immer mehr Leute, die alle den greulichen Vorfall bestätigten, und zuletzt berichteten, der Vogt sei wirklich mit den Männern, die ihm zu Hilfe geeilt seien, wieder heimgekehrt; aber so erbärmlich vom leidigen Satan herumgeschleppt und zugerichtet worden, daß er wahrscheinlicherweise bald sterben werde.

Das alles war freilich keine Ware in meinen Kram; aber was machen? Man muß die Welt brauchen, wie sie ist, weil man sie nicht ändern kann. Ich dachte, es mag nun gewesen sein, was es will, so ist der Vogt vielleicht jetzt weich, und ich muß also die gelegene Zeit nicht versäumen. Ich ging daher sogleich zu ihm hin; aber ich fand ihn in einem erbärmlichen Zustande. Er glaubte steif und fest, der Teufel habe ihn nehmen wollen. Ich fragte zwar hin und her, um etwa auf eine Spur zu kommen; aber ich begreife noch nichts von allem. Nur so viel ist gewiß, daß ihn niemand angerührt hat, und daß seine Verwundung am Kopfe, die aber leicht ist, von einem Falle herrührt. Auch hat der Teufel mit seinem Rasseln und Heulen nachgelassen.

Aber es ist Zeit, zur Hauptsache zu kommen.

Der Vogt war gedemütigt, und bekannte mir zwei abscheuliche Taten, die er mir freiwillig erlaubte, Euer Gnaden zu offenbaren. Erstlich: es sei wahr, was mir der Hans Wüst gestern geklagt habe; nämlich, er habe Ihren in Gott ruhenden Herrn Großvater in dem Handel mit dem Rudi irre geführt, und die Matte sei mit Unrecht in seiner Hand. Zweitens: er habe diese Nacht Euer Gnaden einen Markstein versetzen wollen, und sei wirklich an dieser Arbeit gewesen, als ihm der erschreckliche Zufall begegnet sei.

Ich bitte nun Euer Gnaden demütig um Schonung und Barmherzigkeit auch für diesen unglücklichen Mann, der gottlob auch zur Demut und zur Reue zurückzukommen scheint.

Da sich die Umstände seit gestern geändert haben, schicke ich den Hans Wüst nicht mit seinem Briefe, sondern ich sende beide durch Wilhelm Aebi, und ich erwarte, was Euer Gnaden hierin für fernere Befehle an mich werden gelangen lassen, womit ich mit der vorzüglichsten Achtung verharre

Euer hochedelgeboren Gnaden
gehorsamster Diener

Joachim Ernst, Pfarrer.

Bonnal, den 21. März 1780.


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