Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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161.
Wer von Herzen gut ist, richtet mit den Leuten aus, was er will, und bringt sie, wozu er will.

Der Treufaug schnurrte den Pfarrer an, und fragte ihn zum Willkommen, was er heute noch bei ihm wolle.

Euch für jetzt einen guten Abend wünschen, wenn Ihr es wohl leiden möget, erwiderte der Pfarrer, und sah ihn steif an.

Der Doktor war sogleich freundlicher, leerte einen Stuhl von Kräutern und Schachteln, die darauf lagen, und hieß den Pfarrer sich setzen.

Dieser fing dann sogleich an, von der Vögtin zu reden. Der Doktor kam aber im Augenblick in Eifer; behauptete wie wild, er sei unschuldig, und man tue ihm unrecht; und sagte dann, es könne keiner etwas wider den Tod, und es stürben den andern Doktoren auch Leute wie ihm oder noch mehr.

Pfarrer. Eure Arzneien setzen die Menschen zwischen Leben und Tod.

Treufaug. Ihr schulmeistert da über etwas, wovon ihr nichts versteht. Alle guten Arzneien müssen angreifen.

Pfarrer. Ihr habt kein Gewissen, und versteht selbst am wenigsten, wie und wo die Arzneien angreifen müssen.

Treufaug. Die andern verstehen nicht mehr als ich; und ich habe mein Gewissen im gleichen Kasten, wo sie es haben.

Es ging eine Weile in diesem Tone fort; endlich aber wurde der Pfarrer lebhaft, und sagte: Die Umstände mit der Vögtin sind so, daß wenn man sie aufschneiden wird, so kommt, so gewiß der Tag am Himmel ist, heraus, daß Ihr sie vergiftet habt.

Sobald das Wort »aufschneiden« dem Pfarrer zum Munde heraus war, wurde der Treufaug betroffen; er änderte seine Sprache, und sagte ganz demütig: Ich habe in Gottes Namen mein möglichstes getan; und wenn mein Leben darauf gestanden wäre, ich hätte nicht mehr tun können, und es nicht besser machen können, als ich es gemacht habe.

Aber auch das ließ ihm der Pfarrer nicht gelten. Er sagte zu ihm: Ihr seid jetzt mehr als drei Tage nicht zu ihr gegangen, und habt sie liegen lassen, wie kein ehrlicher Viehdoktor ein krankes Stück Vieh liegen läßt, wenn er sich desselben einmal angenommen hat.

Der Treufaug wollte allerhand Ursachen vorbringen, warum er diese drei Tage nie zur Vögtin gekommen sei; aber er stockte.

Der Pfarrer erwiderte ihm: Die einzige Ursache ist diese, daß Ihr gesehen habt, was die Arznei wirkte. Und er trieb ihn so sehr in die Enge, daß er zuletzt fast gar nichts mehr sagen konnte als: Ihr seid doch auch gar zu böse mit mir, Herr Pfarrer.

Pfarrer. Ihr müßt keine Arznei mehr geben, wenn Ihr wollt, daß ein ehrlicher Mensch von Herzen gut mit Euch sein und bleiben kann.

Treufaug. Ich habe doch schon Leuten geholfen, denen sonst niemand geholfen hat; und habe gewiß Arzneimittel, die sonst niemand hat, und die gut sind. Soll ich jetzt diese Mittel in den See werfen, oder mit mir ins Grab nehmen?

Pfarrer. Auch dies ist nicht meine Meinung.

Treufaug. Was ist denn Eure Meinung?

Pfarrer. Daß Ihr einen verständigen Arzt suchen, ihm Eure Erfahrungen mitteilen und Eure Arzneimittel offenbaren solltet.

Treufaug. Das heißt: ich soll mir selbst das Stück Brot vom Munde wegnehmen, und es einem andern geben. Meinet Ihr, daß das mir zuzumuten sei?

Pfarrer. Je nachdem man die Sache ansieht.

Treufaug. Wie meint Ihr das?

Pfarrer. Ei so: Ich glaube, Ihr könnet vor Gott mit gutem Gewissen nicht sagen, daß Ihr ohne Gefahr für das Leben Eurer Mitmenschen Euer Handwerk treibet. Wenn Ihr das nicht könnt, so müßt Ihr es aufgeben, oder kein ehrlicher Mann sein. Und wenn Ihr es aufgeben müßt, warum wollt Ihr das Gute, das in Eurer Hand ist, nicht zum Besten Eurer Nebenmenschen jemand schenken, der es benützen kann?

Der Treufaug schweigt noch immer, und der Pfarrer fährt fort: Mein Lieber, denket, ob Ihr auf Eurem Todbette nicht wünschen werdet, für die Menschen, die Ihr durch ein unvorsichtiges und unvernünftiges Behandeln ins Grab gebracht habt, auch etwas Gutes getan, und für das Leben und die Wohlfahrt auch etwas Gutes aufgeopfert zu haben.

Der Treufaug hatte bis jetzt seine Augen gegen den Boden gerichtet und kein Wort geredet; aber jetzt hob er den Kopf auf, sah den Pfarrer an, und sagte: Ja, wenn man auch so mit mir umginge und mit mir redete, ich würde vielleicht das, was Ihr sagt, nicht so weit wegwerfen. Ihr möget jetzt denken, was Ihr wollt; ich bin gewiß kein Unmensch im Herzen, und kann zuletzt ohne das leben, und bleiben, was ich bin.

Ich weiß das, sagte der Pfarrer; und darum hatte ich auch desto mehr Mut, Euch zuzumuten, was ich gesagt habe. Dann redete er noch mit ihm von der Bußfertigkeit der Vögtin, und wie sie am kommenden Morgen von den Armen, denen sie unrecht getan hatte, Abschied nehmen wolle.

Ich möchte diesem auch zusehen, sagte der Treufaug. Und der Pfarrer redete mit ihm ab, daß er in der Nebenkammer diesem Abschiede der Vögtin morgen zusehen solle. Er nahm dann freundlich Abschied von ihm, mit der Hoffnung, ihn bei dem Todbette der Vögtin noch weiter zu bringen. Im Heimwege ging er jetzt noch bei vielen Armen vorbei, und bat sie, daß sie doch morgen um acht Uhr bei der Vögtin sich einfinden, und auch ihre Kinder mitnehmen sollten.

Der Vogt war jetzt schon bei allen Armen gewesen. Es ging den meisten zu Herzen, so daß sie Tränen in den Augen hatten, da er ihnen sagte, was er wolle.

Sage doch deiner Frau, sie soll unserthalben nur ruhig sterben, sagte der eine.

Es ist jetzt alles vorbei, und was vorbei ist, daran sinne ich nicht mehr, sagte ein anderer.

Es ist ja nicht nötig, daß sie sich noch Mühe mache. Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute und ein seliges Ende.

Es ist ein Jammertal auf Erden. Wir tun alle zusammen viel Böses. Sie soll sich doch ob uns nicht grämen.

Sie hat mir dann und wann auch etwas Gutes getan, und mir in der Not, weiß Gott, ein paarmal geholfen, ohne daß du es einmal wußtest.

So freundlich gaben die armen Leute dem Vogte, der jetzt demütig vor ihnen stand, Antwort, und alle sagten: ja, ja, wenn es sie freue, so wollen sie morgen gerne kommen; und alle wünschten ihr eine leichte, ruhige Nacht, und, wenn es Gottes Wille sei, gute Besserung. Nur wenigen entfiel etwa ein Wort, das den Vogt kränkte; aber er war so geduldig, und antwortete so wehmütig, daß einen jeden ein solches Wort gereute.

Die Hoorlacherin antwortete ihm: Ach mein Gott, ich will Euch gerne verzeihen, wenn nur die Not meiner Kinder mich nicht in Verzweiflung bringt.

Sprachlos stand der Vogt vor ihr, und konnte nicht antworten.

Im Augenblick nahm die Hoorlacherin ihr Wort zurück, und sagte: Es ist mir jetzt auch so entwischt, ohne daß ich es habe sagen wollen. Sinne doch jetzt nicht an das; Gott wird uns wohl helfen.


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