Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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12.
Haushaltungsfreuden

Der Maurer Lienhard, der am Morgen früh ins Schloß gegangen war, war nun auch wieder zurück und bei seiner Frau.

Diese hatte geeilt, ihre Samstagarbeit zu vollenden, ehe ihr Mann wieder zurückkomme.

Sie hatte die Kinder gekämmt, ihnen die Haare geflochten, ihre Kleider durchgesehen, die kleine Stube gereiniget, und während der Arbeit ihre Lieben ein Lied gelehrt.

Das müßt ihr dem lieben Vater singen, wenn er heimkömmt, sagte sie den Kindern; und die Kinder lernten gern, was den Vater freuen könnte, wenn er heim käme. Mitten in ihrer Arbeit, ohne Mühe, ohne Versäumnis, ohne Buch sangen sie es der Mutter nach, bis sie es konnten. Und da der Vater jetzt heimkam, grüßte ihn die Mutter, und sang dann, und alle Kinder sangen mit ihr:

»Der du von dem Himmel bist,
Kummer, Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest –
Ach ich bin des Umtriebs müde,Müde von Unruhe und Begierden, von Hoffnung und Sorgen, immer ohne feste innere Zufriedenheit umhergetrieben zu werden.
Bangen Schmerzens, wilder Lust! –
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!«

Eine Träne schoß Lienhard ins Auge, da die Mutter und die Kinder alle so heiter und ruhig ihm entgegen sangen. Daß euch Gott segne, ihr Lieben! daß dich Gott segne, du Liebe! sagte er mit inniger Bewegung zu ihnen.

Lieber! antwortete Gertrud, die Erde ist ein Himmel, wenn man Friede sucht, recht tut, und wenig wünscht.

Lienhard. Wenn ich eine Stunde diesen Himmel des Lebens, den Frieden im Herzen genießen kann, so hast du mir ihn gegeben. Bis in den Tod will ich dir danken, daß du mich rettetest, und diese Kinder werden es dir danken, wenn du einst gestorben sein wirst. O Kinder, tut doch immer recht, und folget eurer Mutter, so wird es euch wohl gehen!

Gertrud. Du bist doch auch gar herzlich heute.

Lienhard. Es ist mir auch gut gegangen bei Arner.

Gertrud. Ach gottlob, mein Lieber!

Lienhard. Das ist doch auch ein Mann, der seinesgleichen nicht hat. Frau, daß ich doch so ein Kind war, und nicht zu ihm gehen durfte!

Gertrud. Daß wir immer auch so hintennach klug werden, mein Lieber! Aber erzähle du mir auch, wie es dir bei ihm gegangen.


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