Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

 << zurück weiter >> 

155.
Die wahre Regierungsweisheit wohnet in Menschen, die also handeln.

Nachmittags legte der Junker der Gemeinde seinen Plan wegen der Weidverteilung vor, zeigte ihnen, was sie nie wußten und nie dachten, daß nämlich mit den Quellen in den Sumpfgräben mehr als der dritte Teil dieser Weide zu gutem Mattland gemacht werden könne; und bewies überhaupt, daß durch diese Verteilung ein jeder Gemeindsgenosse vier- bis fünfhundert Gulden wahres Eigentum erhalten werde. Er nahm die Kosten der Wasserleitung, die sich nach vorläufiger Schätzung auf sieben- oder achthundert Gulden belaufen möchten, auf sich, und bestimmte dafür einen Bodenzins, auf eine halbe Juchart Mattland vier Batzen, um sich den Zins von den vorgeschossenen siebenhundert Gulden zu vergüten. Er versicherte dabei die Gemeinde, daß sie zu ewigen Zeiten von diesem Lande dem Schloß keine weitern Abgaben zahlen müsse. Ueber diesen Punkt drückte er sich deutlich also aus: Das Land ist euer, und euch von euren Vorfahren als Gemeindegut, auf dem keine Abgaben hafteten, hinterlassen worden; und ich will nichts weniger, als euch an diesem euren Rechte kränken. Die erste Pflicht des Menschen ist, der Armut seiner Mitmenschen, wo er kann, aufzuhelfen, damit ein jeder ohne Drang und Kummer des Lebens Notdurft erstreiten möge; und diese erste Pflicht des Menschen ist besonders die erste Pflicht derjenigen, die Gott zu Vätern über andere gesetzt hat. Dann sagte er ihnen noch: er wolle auch die Bäume, die sein Großvater auf diesem Ried gepflanzt habe, unter sie verteilen, und jedermann mit jungen Bäumen aus dem Schloßgarten versehen.

Das Volk erkannte jetzt seinen Vater, und dankte laut. Er aber überließ sie eine Weile ihrer Freude.


 << zurück weiter >>