Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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153.
Wohin bringt den Menschen sein armes Herz, wenn er für dasselbe keinen Zaum hat?

Ehe ich erzähle, was er da getan hat, muß ich vorher noch ein Wort sagen, wie dieser Mittag auch den Bauern von Bonnal vorübergegangen ist.

Ihre Weiber und besonders die Weiber der Vorgesetzten konnten fast nicht erwarten, wie die Gemeinde abgelaufen sei, und sprangen ihren Männern aus Stall und Küche eilends entgegen, als sie heimkamen. Aber die Vorgesetzten, und überhaupt die zweiundzwanzig Männer, und was ihren Anhang ausmachte, waren nicht in der Laune, gute Antwort zu geben.

Kalberleder. Er ist mit uns umgegangen, wie wenn wir Hunde wären!

Moorlauer. Du Narr, wärest du mit uns gekommen, so hättest du es gesehen!

Es ist mir, ich sei aus dem Fegfeuer entronnen! sagte der alte Meier.

Speckmolch. Laß mich doch auch zuerst verschnaufen, ehe ich mit dir plaudern muß!

Kienast. Ich will jetzt lieber ins Bett gehen als essen!

Und so gaben gar alle ihren Weibern zuerst ungefähr solche Antworten. Doch es half nichts; ob sie verschnaufen oder ins Bett wollten, sie mußten doch erzählen; und es ging keine halbe Stunde vorbei, so wußten die Weiber alles haarklein, was begegnet war. Aber es erbaute sie gar nicht, und die meisten wurden wie wild.

Die Rabserbäuerin, die jede faule Birne unter den Bäumen aufliest, sagte selbst: Hundert Gulden Buße täten mir nicht so weh wie dieses!

Die Kienholzin verschwor sich, Jahr und Tag nicht mehr in die Kirche zu gehen, und sich vor niemand mehr zu zeigen.

Die Speckmolchin heulte, daß sie jetzt just auf den Sonntag Gevatter stehen sollte, wo ihr Mann vielleicht unter der Kanzel stehen müsse.

Die Kalberlederin brachte just ihren Schweinen das Mittagsessen. Die guten Tiere streckten wie gewöhnlich, als sie kam, ihr und dem Fressen die Köpfe so weit aus dem Troge entgegen, als sie nur konnten; aber die Frau schlug ihnen mit der Kelle auf die Schnurre, daß sie bluteten.

Die Moorlauerin warf den Hut ihres Mannes, den der Bettelmann Riggeli heute aufgesetzt hatte, den geraden Weg ins Feuer. Sie wollte zwar nicht, daß es jemand wissen solle; aber der Hut stank so sehr, daß, wer immer nahe beim Hause war, hinzukam, und fragte, was so rieche. Hinter dem Haus sagte das Elseli dem Hans Löli geradezu die Wahrheit. Vor dem Haus fragten ihrer drei oder vier, was das sei. Ihr Narren, ein Bein, das man ins Feuer geworfen hat, antworteten der Mann und die Frau. Aber der Löli kam eben dazu, und sagte: Ja, ich weiß es besser, dein Hut riecht so; deine Frau hat ihn dir verbrannt. Wer sagt das? schrie die Moorlauerin. Euer Elseli, antwortete Löli. Jetzt schmiß die Frau das Fenster vor Zorn zu, und schlug dem Elseli die Hand auf das Maul, daß es noch stärker blutete als der Kalberlederin ihre Sau. Eine Weile darauf aber besann sie sich, der Mann brauche um drei Uhr wieder einen Hut, und das Elseli, das kaum verschnaufet hatte, mußte jetzt eilends zum Hutmacher, einen zu holen. Aber der war noch nicht vom Markte heimgekommen, und die Frau wußte vor Angst nicht, was sie machen solle. Sie schickte das Kind jetzt noch zum Dreher, der ihnen schuldig war, und ließ ihn bitten, er solle doch dem Vater den Gefallen tun, und ihm den seinigen leihen; aber dieser war schon an der Gemeinde, und der Moorlauer mußte also in der Kappe an die Gemeinde gehen, und sich da wegen des verbrannten Hutes auslachen lassen.


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