Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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92.
Rede des Hühnerträgers an die Gemeinde.

Gnädiger Herr! Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, und ihr Nachbarn!

Hier sind der Bickel, der Karst, die Schaufel, die Branntweinflasche, die Tabakspfeife und der große Wollhut eures Herrn Untervogt, das er alles in seinem Schrecken beim Markstein gelassen hat, als ich ihn heute von seiner schönen Arbeit weg den Berg hinunterjagte.

Bauern. Wir sollen jetzt glauben, du habest das Geschrei gemacht? Das glauben wir heute und morgen nicht. Junker, der Beweis ist nicht genug, wir bitten um einen andern.

Junker. Wartet nur ein wenig. Er hat ja eine Laterne bei sich, er kann euch vielleicht heiterer zünden. (Dann sehr laut und sehr ernsthaft:) Still, wenn es euch lieb ist, bis er ausgeredet hat!

Die Bauern schwiegen gehorsamst; der Hühnerträger aber fuhr fort: Ihr seid unhöflicher, als es im Lande sonst der Gebrauch ist. Warum laßt ihr mich nicht ausreden? Denkt an den Hühnerträger von Arnheim! Wenn ihr mich nicht hört, so fehlt es nicht, der künftige Kalender wird von euch voll sein; denn es ist kein Punkt und kein Tüpflein davon wahr, daß der Teufel dem Vogt erschienen sei. Ich habe ihn erschreckt, ich der Hühnerträger, so wie ich dastehe, mit diesem Korb und mit diesem neuen, schwarzen Geißfell, das ich über meinen Korb hatte, weil es gestern am Morgen noch regnete; und diese Laterne hatte ich vorne am Korb, just so wie ihr mich kommen sahet. Ich füllte sie in Hirzau wohl mit Oel, damit sie gut zünde; denn es war sehr dunkel, und der Weg auf der Hirzauer Seite ist, wie ihr wohl wißt, schlecht. Um elf Uhr war ich noch im Hirzauer Wirtshause; das kann ich mit dem Wirt und wohl mit zehn Männern beweisen, die auch da waren. Als ich auf die Höhe des Berges kam, schlug es eben zwölf Uhr in Bonnal. Und da hörte ich, wie der Vogt keinen halben Steinwurf weit von der Landstraße fluchte und arbeitete, und da ich ihn an seiner Stimme und an seinem Husten richtig erkannte, wunderte es mich, was er da schaffe in der Mitternachtsstunde. Ich dachte fast, er grabe Schätzen nach, und wenn ich eben recht komme, so werde er mit mir teilen, und ging also dem Geräusche nach. Aber es scheint, der Herr Untervogt habe gestern gegen seine Gewohnheit etwas mehr, als nötig ist, getrunken gehabt; denn er hielt mich armen, sündigen Menschen, sobald er mich sah, für den leibhaftigen Teufel. Da ich nun sah, daß er einen Markstein in unseres Herrn Wald versetzen wollte, dachte ich: Nun, er fürchtet doch, was er verdient; ich will ihm jetzt die Hölle warm machen. Ich band schnell Karst, Bickel, und Schaufel und meinen Botenstock zusammen, schleppte das alles hinter mir den Fußweg hinunter, und rief dann, was ich aus dem Halse vermochte: O, ah, uh, Vo–ogt! du bist mein, Hu–ummel! Ich war nicht mehr einen Steinwurf weit von ihm weg, als ihr mit eurem Windlicht langsam und still dem Herrn Untervogt zu helfen daher schlichet. Aber ich wollte die unschuldigen Männer nicht so wie den Vogt mit meinem Gebrüll gar in der Nähe erschrecken, hörte damit auf, und stieg wieder mit meiner Beute bergan zu meinem Korb, und ging den geraden Weg heim. Es war eine Viertelstunde nach zwei Uhr, da unser Wächter mich antraf, und mich fragte: Was trägst du Bauerngeschirr auf deinem Eierkorbe? Ich weiß nicht mehr, was ich ihm geantwortet habe, einmal die Wahrheit nicht; denn ich wollte schweigen, bis ich sie dem Junker erzählt hätte, welches ich heute schon vor sechs Uhr getan habe. – Und nun, Nachbarn, wie könnt ihr jetzt finden, daß ich zu dieser Historie und zu diesem Geschirr am Morgen vor Tage gekommen sei, wenn das, was ich euch sage, nicht wahr ist?

Einige Bauern kratzten hinter den Ohren, einige lachten. Der Hühnerträger fuhr fort: Wenn euch das wieder begegnet, Nachbarn, so will ich dem Wächter, den Vorgesetzten und einer ganzen ehrsamen Gemeinde in Bonnal freundnachbarlich raten, also zu tun: Laßt den größten Hund in eurem Dorfe von der Kette, so werdet ihr den Teufel bald finden.

Der Hühnerträger schwieg jetzt, und es erhob sich ein allgemeines Gemurmel.


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