Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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60.
Eine Abschweifung.

Freilich wäre es besser gewesen, er hätte seine Branntweinflasche am Nußbaum, unter dem er stand, zerschlagen, und wäre zurückgegangen zu seinem Herrn, ihm seine Umstände zu entdecken, ihm zu sagen, daß er nicht reich sei, sondern den Vogtsdienst und das Wirtsrecht um der Schulden willen, darin er stecke, notwendig habe, und ihn um Gnade und Barmherzigkeit zu bitten. Ich weiß, Arner hätte den alten Mann in diesen Umständen nicht verstoßen. Aber eben das ist das Unglück der Gottlosen, daß ihre Laster sie um allen Verstand bringen, daß sie in ihren wichtigsten Angelegenheiten wie blind werden, und wie unsinnig zu ihrem Verderben handeln; da hingegen die guten, redlichen Menschen, die ein einfältiges und unschuldiges Herz haben, ihren Verstand im Unglücke gar viel besser behalten, und sich daher auch gemeiniglich in den Zufällen des Lebens weit leichter helfen und raten können als die Gottlosen. Sie demütigen sich im Unglück, sie bitten ihre Fehler ab, sie richten in der Not ihre Augen nach der Hand, die allenthalben gegen das Elend der Menschen, die mit reinem Herzen Hilfe suchen, sich ausstreckt. Der Friede Gottes, der alle Vernunft übertrifft, ist ihnen Schutz und Leitstern durch ihr Leben, und sie kommen immer so durch die Welt, da sie am Ende Gott von Herzen danken. Aber den Gottlosen führt seine Gottlosigkeit aus einer Tiefe in die andere. Er braucht seinen Verstand nie auf den geraden Wegen der frommen Einfalt, um Ruhe, Gerechtigkeit und Frieden zu suchen. Er braucht ihn nur zu den krummen Wegen der Bosheit, um Jammer anzurichten und Unruhe zu stiften. Darum kömmt er immer in Unglück. In seiner Not trotzt er dann, leugnet, wenn er fehlt, und ist hochmütig im Elend. Hilfe und Rettung will er entweder erheucheln und erlügen, oder erzwingen und erstehlen. Er traut auf seinen verwirrten, wilden Sinn; er stößt die Hand des Vaters, die sich gegen ihn ausstreckt, von sich, und wenn dieser ihm zuruft: Beuge dich, mein Kind; ich, dein Vater, ich bin es, der da züchtigt, und der da hilft, ich dein Vater – so verspottet er die Stimme des Retters, und sagt: Da mit meiner Hand und mit meinem Kopfe will ich mir helfen, wie ich will! Darum ist des Gottlosen Ende immer so tiefer Jammer und so tiefes Elend.


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