Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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15.
Der klugen Gans entfällt ein Ei, oder eine Dummheit, die ein Glas Wein kostet.

Lienhard war heute am Morgen kaum aus dem Schlosse weg, so sandte Arner den Zettel, in dem er die Taglöhner aufgeschrieben hatte, durch den Harschier (Polizeidiener, Landjäger) Flink zum Vogt, damit dieser es ihnen anzeige. Der Harschier brachte den Befehl dem Vogt noch am Vormittag; aber bisher waren sonst alle Briefe, die aus dem Schlosse an ihn kamen, überschrieben »An den ehrsamen und bescheidenen, meinen lieben und getreuen Vogt Hummel in Bonnal;« und auf diesem stand nur »An den Vogt Hummel in Bonnal.«

Was denkt der verdammte Spritzer, der Schloßschreiber, daß er mir den Titel nicht gibt, wie es mir gehört? sagte der Vogt, sobald er den Brief in die Hand nahm, zu Flink, der ihn überbrachte.

Der Harschier aber antwortete: Besinne dich, Vogt, was du redest. Der Junker hat den Brief selbst überschrieben.

Vogt. Das ist nicht wahr! Ich kenne die Hand des gepuderten Bettelbuben, des Schreibers.

Flink schüttelte den Kopf und sagte: Das ist herzhaft! Ich sah mit meinen Augen, daß der Junker ihn überschrieb, ich stand neben ihm in der Stube, als er es tat.

Vogt. So hab' ich mich denn verdammt geirrt, Flink! Das Wort ist mir so entfahren; vergiß es, und komm, trinke ein Glas Wein in der Stube.

Nimm dich ein andermal in acht, Vogt! Ich mache nicht gern Ungelegenheit; sonst könnte das geben, sagt Flink; geht dann mit dem Vogt in die Stube, stellt das kurze Gewehr in eine Ecke, läßt sich eins belieben, und geht dann wieder fort.

Der Vogt machte jetzt den Brief auf, las ihn und sagte: Das sind ja alles lauter Lumpen und Bettler, vom ersten bis zum letzten, und von meinen Leuten kein einziger, als der Schabenmichel. Donner, wie das denn auch geht! Nicht einmal einen Taglöhner kann ich ihm mehr aufsalzen. Und jetzt soll ich es ihnen heute noch ansagen! Das ist schwere Arbeit für mich; aber ich will es tun; es ist noch nicht aller Tage Abend. Gerade jetzt will ich es ansagen und ihnen raten, am Montag ins Schloß zu gehen und dem Junker zu danken. Er kennt von den Burschen nicht einen; und es fehlt nicht, der Maurer hat sie ihm alle angeraten. Wenn sie dann am Montag ins Schloß kommen, und so alle miteinander zerrissen wie Hergelaufene, der eine ohne Schuhe, der andere ohne Hut, vor dem Erbherrn dastehen – es nimmt mich wunder, ob es dann nichts geben wird, das mir in meinen Kram dient.

So ratschlagt er mit sich selber, kleidet sich an. und nimmt dann wieder den Zettel zur Hand, um zu sehen, wie einer dem andern in der Nähe wohne, damit er den Weg nicht zweimal machen müsse. Der Hübelrudi war zwar nicht der nächste; aber er ging, seitdem er seinem Vater die Brunnenmatte abgerechtigt hatte, nicht mehr gern in sein Haus; denn es stiegen ihm allemal allerhand Gedanken auf, wenn er die armen Leute darin sah. Ich will geschwind zu dem Pack, sagte er; und ging alsobald hin vor das Fenster.


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