Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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28.
Der Abend vor einem Festtage in eines Vogts Hause der wirtet.

Nun eilte der Vogt, von seinem Laufen ermüdet und durstig, wieder heim. Es war schon sehr spät, und der Kienast wohnte beinahe eine Stunde vom Dorf weg auf dem Berg. Allenthalben hatte er heute durch seine Gesellen schon verkündet, daß er über den gestrigen Vorfall gar nicht erschrocken, und bei einem Jahre nie so lustig und munter gewesen sei wie heut'. Das machte denn, daß auf den Abend etliche wieder Mut faßten, und still dem Wirtshause zuschlichen. Da es dunkelte, kamen immer noch mehrere, und zu Nacht, gegen sieben Uhr, waren die Tische alle fast wieder ebenso voll als gewöhnlich.

So geht es. Wenn ein Jäger im Heuet von einem Kirschbaum einen Vogel herunter schießt, so steigt die Schar der Vögel, die Kirschen fraß, erschrocken und schnell vom Baume weg, und alle Vögel kreischten vor der Gefahr; aber nach einer Weile setzt sich schon wieder einer, im Anfange nur einer, auf den Baum, und sieht er dann den Jäger nicht mehr, so pfeift er, nicht das Gekreisch des erschreckten Vogels; er pfeift dann den muntern Laut der Freßlust bei der nahen Speise. Auf den Ruf des kühnern Fressers rücken dann die furchtsamen auch wieder an, und alle fressen Kirschen, als ob der Jäger keinen erschossen hätte.

So war es und kam es, daß die Stube jetzt wieder voll war von Nachbarn, die gestern und heute vormittags sich noch nicht getrauten zu kommen.

Bei allem Bösen, und selbst bei Schelmentaten, wird alles munter und mutig, wenn viel Volks beieinander ist und wenn die, so den Ton geben, herzhaft und frech sind.

Da das in den Wirtshäusern nie fehlt, so ist unstreitig, daß sie, das gemeine Volk zu allen Bosheiten und zu allen schlimmen Streichen frech und leichtsinnig genug zu bilden und zu stimmen, weit besser eingerichtet sind, als es die armen, einfältigen Schulen sind, die Menschen zu einem braven, stillen, wirtschaftlichen Leben zu bilden. Aber zur Historie!

Die Nachbarn im Wirtshause waren jetzt alle wieder des Vogts Freunde; denn sie saßen bei seinem Wein. Da sprach der eine, wie der Vogt ein Mann sei, und wie ihn – bei Gott! – noch keiner gemeistert habe; ein anderer, wie Arner ein Kind sei, und wie der Vogt seinen Großvater in Ordnung gehalten habe; ein anderer, wie es vor Gott im Himmel nicht recht, und am jüngsten und letzten Tage nicht zu verantworten sei, daß er dem armen Gemeindlein das Wirtsrecht abstehlen wolle, das es doch seit Noahs und Abrahams Zeiten besessen hätte; dann wieder ein anderer, wie er es – beim Donner! – doch noch nicht habe, und wie er es vor allen Teufeln erzwingen wolle, daß morgen schon dawider Gemeinde sein müsse. Dann erzählt wieder ein anderer, wie es mit dem gar nicht so not tue, und wie der Vogt seine Feinde alle immer so schön in die Grube gebracht habe, und wie er jetzt weder mit dem gnädigen Herrn noch mit dem Bettler, dem Maurer, eine neue Mode anfangen werde.

So schwatzten die Männer und soffen. Die Vögtin lachte mitunter, trug einen Krug nach dem andern auf den Tisch, und zeichnete alle richtig an die Tafel in der Nebenstube mit ihrer Kreide. Indessen kam der Vogt, und es freute ihn in seinem Herzen, daß er die Tische alle wieder so besetzt fand mit seinen Lumpen. Das ist brav, ihr Herren, daß ihr mich nicht verlasset, sagte er zu ihnen.

Du bist uns noch nicht feil, antworteten die Bauern, und tranken mit Lärmen und Brüllen auf seine Gesundheit.

Der Lärm ist groß, Nachbarn; man muß ohne Aergernis leben, sagte der Vogt, es ist heiliger Abend.

Mache die Fensterläden zu, Frau, und lösche die Lichter gegen der Gasse. Es ist besser, wir gehen in die hintere Stube, Nachbarn. Ist es warm dort, Frau?

Frau. Ja, ich habe daran gedacht, und einheizen lassen.

Vogt. Gut. Nehmt alles vom Tisch in die hintere Stube.

Da nahmen die Frau und die Nachbarn Gläser, Flaschen, Brot, Käs, Messer und Teller und Karten und Würfel und trugen alles in die hintere Stube, von der man, geschähe auch ein Mord, auf der Gasse nichts hört.

Da sind wir jetzt sicher vor Schelmen, die vor den Fenstern horchen, und vor den heiligen KnechtenEr meint Chorrichter, Stillständer, Kirchenälteste, deren Pflicht es ist, dem Pfarrer solche nächtliche Ungebühren anzuzeigen, und dieser ist es, den der gottlose Vogt nach einem wirklich eingerissenen Tone den Schwarzen nennt. des Schwarzen. Aber ich bin durstig wie ein Jagdhund. Wein her!

Die Frau bringt ihn, und Christen fragt alsobald: Ist das vom heutigen, Vogt, den des Scherers Hund mitsäuft?

Vogt. Ja, so ein Narr bin ich wieder.

Christen. Was hattest du wohl für eine Teufelsabsicht dabei?

Vogt. Bei Gott, keine! es war ein bloßer Narreneinfall. Ich war noch nüchtern, und wollte nicht saufen.

Christen. Pfeif' das dem Scheitstock, vielleicht glaubt er es; ich mag nicht.

Vogt. Warum nicht?

Christen. Warum nicht? Weil dein Wein, den wir soffen, auch nach Schwefel roch wie die Pest.

Vogt. Wer sagt das?

Christen. Ich, Meister Urias! Ich merkte es nicht in der Stube; aber da ich den leeren Krug heim trug, roch es mir noch in die Nase, daß es mich fast zurückschlug. Alles und alles zusammengenommen, so ist einmal ziemlich am Tage, daß du, mit Gunst! etwas gesucht hast.

Vogt. Ich weiß so wenig, was die Frau geschickt hat, als ein Kind in der Wiege. Mit deinen Einbildungen, du Narr!

Christen. Aber du weißt doch auch noch, daß du eine schöne Predigt von den Rechten im Lande gehalten hast? Du hast das, denk' ich, auch so aus unbedachtem Mute getan, wie man eine Prise Tabak nimmt.

Vogt. Schweig' jetzt, Christen! das beste wäre, ich ließe dich brav abprügeln, daß du mir den Krug umgeleert hast. Aber ich muß jetzt wissen, wie es heute beim Scherer gegangen ist, da ich fort war.

Christen. Aber das Versprechen, Vogt?

Vogt. Was für ein Versprechen?

Christen. Daß ich weinfrei sein soll bis am Morgen, wenn ich was Rechtes wisse.

Vogt. Wenn du aber nichts weißt, willst du doch saufen?

Christen. Ja, nichts wissen! Nur Wein her und höre dann.

Der Vogt gibt ihm, sitzt zu ihm hin, und Christen erzählt jetzt, was er weiß, und was er nicht weiß. Einmal machte er es so bunt, daß es der Vogt merkte.

Lüge doch auch so, du Hund, daß man es nicht mit Händen greift! sagte er.

Nein, bei Gott! antwortete Christen; so wahr ich ein Sünder bin, es fehlt kein Haar und kein Punkt an dem, was ich sage.

Nun denn, sagte der Vogt, der jetzt doch genug hatte, der Schabenmichel ist eben gekommen; ich muß etwas mit ihm reden – und geht dann an den andern Tisch, wo dieser saß, klopft ihm auf die Achsel, und sagt:


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