Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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19.
Guter Mut tröstet, heitert auf und hilft; Kummerhaftigkeit aber plagt nur.

Der Untervogt, der zuerst zu Rudi gegangen war, ging von ihm weg zu den übrigen Taglöhnern und zuerst zu Joggli Bär. Dieser spaltete eben Holz, sang und pfiff beim Scheitstock; als er aber den Vogt sah, machte er große Augen. Wenn du Geld willst, Vogt, so ist nichts da.

Vogt. Du singst und pfeifst ja, wie die Vögel im Hanfsamen. Wie könnt' es dir an Geld fehlen?

Bär. Wenn Heulen Brot gäbe, ich würde nicht pfeifen; aber im Ernst, was willst du?

Vogt. Nichts als dir sagen, du seiest Handlanger beim Kirchbau, und habest des Tages 25 Kreuzer.

Bär. Ist das auch wahr?

Vogt. Im Ernst! du sollst am Montag ins Schloß kommen.

Bär. Wenn es Ernst ist, so sag' ich schuldigen Dank, Herr Untervogt. Da siehst du jetzt, warum ich heute singen und pfeifen mag.

Lachend ging der Vogt von ihm weg, und sagte im Gehen: Keine Stunde in meinem Leben ist mir so wohl als diesem Bettler.

Bär aber ging in seine Stube zu seinem Weib, und sagte: Ha, nur immer gutes Muts! unser lieber Herr Gott meint es immer noch gut. Frau, ich bin Taglöhner am Kirchbau.

Frau. Ja, es wird lange gehen, bis es an dich kommen wird; du hast immer den Sack voll Trost, aber nie Brot.

Bär. Das Brot soll nicht fehlen, wenn ich einst den Tagelohn haben werde.

Frau. Aber der Taglohn kann fehlen.

Bär. Nein, mein Sack nicht! Arner zahlt die Taglöhner brav; das wird nicht fehlen.

Frau. Spaßest du, oder ist es wahr mit dem Bau?

Bär. Der Vogt kam soeben, und sagte, ich müsse am Montag mit den Taglöhnern, die an der Kirche arbeiteten, ins Schloß gehen; also kann es doch nicht wohl fehlen.

Frau. Das wäre doch auch gut! Gottlob, wenn ich einst eine ruhige Stunde hoffen könnte!

Bär. Du sollst deren noch recht viele haben; ich freue mich, wie ein Kind darauf. Du bist dann auch nicht mehr böse, wenn ich lustig und munter heim komme. Ich will dir den Wochenlohn allemal bis auf den Kreuzer heimbringen, sobald ich ihn habe. Es würde mich nicht mehr freuen zu leben, wenn ich nicht hoffen dürfte, es werde auch noch eine Zeit kommen, in der du mit Freuden denken werdest, du habest doch einen braven Mann, wenn schon dein Gütlein in meinen armen Händen stark abgenommen hat. Verzeihe mir es! Will's Gott, bring' ich noch was Rechtes davon wieder ein.

Frau. Dein guter Mut macht mir Freude; aber ich denke doch immer, es sei Liederlichkeit.

Bär. Was versäume ich denn, oder was vertu' ich?

Frau. Ich sage das eben nicht; aber es ist dir nie schwer, wenn schon kein Brot da ist.

Bär. Aber kommt denn Brot, wenn ich mich gräme?

Frau. Ich kann es in Gottes Namen nicht ändern; mir ist einmal immer schwer.

Bär. Fasse Mut, Frau, und muntre dich auf; es wird dir wohl auch wieder leichter werden.

Frau. Ja, jetzt hast du noch keinen ganzen Rock am Montag ins Schloß.

Bär. So gehe ich mit dem halben. Du hast doch immer Sorgen.

Dann ging er wieder zu seinem Scheitstock und spaltete Holz, bis es dunkel war.

Von diesem weg geht der Vogt zu Läupi, welcher aber nicht zu Hause war; da sagte er es dem Hügli, seinem Nachbar, und ging dann zu Hans Leemann.


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