Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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81.
Ein guter Küher.

Da Arner den Wilhelm fortgeschickt hatte, ging er in seinen Stall, wählte unter seinen fünfzig Kühen für den Hübelrudi eine aus, und sagte zu seinem Küher: Füttere mir diese Kuh wohl, und sage dem Buben, daß er sie nach Bonnal führe, und in den Pfrundstall stelle, bis ich kommen werde.

Der Küher aber antwortete seinem Herrn: Herr, ich muß tun, was Ihr mich heißt; aber es ist unter diesen fünfzigen allen keine, die mich so reut. Sie ist noch so jung, so wohlgestaltet und schön; sie kömmt mit der Milch in die beste Zeit.

Junker. Du bist brav, Küher, daß dich die schöne Kuh reut. Mich aber freut es, daß ich es getroffen habe; denn ich suchte eben die schönste. Sie kommt in eines armen Mannes Stall, Küher. Laß sie dich also nicht reuen; sie wird ihn auch freuen.

Küher. Ach Herr, es ist ewig schade, um die Kuh! Bei einem armen Manne wird sie abfallen, sie wird mager und häßlich werden. O Herr, wenn ich es vernehme, daß sie Mangel habe, ich laufe alle Tage auf Bonnal, und bringe ihr Salz und Brot alle Säcke voll.

Junker. Du guter Küher, der Mann bekömmt eine schöne Matte und Futter genug für die Kuh.

Küher. Nun, wenn es ihr nur auch wohl geht, wenn sie doch fort muß.

Junker. Sei nur zufrieden, Küher; es soll ihr nicht fehlen.

Der Küher fütterte die Kuh, und seufzte bei sich selber, daß sein Herr die schönste im Stall wegschenke. Er nahm auch sein Morgenbrot und Salz, gab alles dem Fleck, und sagte dann zum Jungen: Nimm deinen Sonntagsrock, und ein sauberes Hemd, kämme dich, und putze dir deine Schuhe; du mußt den Fleck nach Bonnal führen. Und der Junge tat, was der Küher ihm sagte, und führte die Kuh ab.

Arner sann jetzt eine Weile still und ernsthaft dem Urteile nach, welches er über den Vogt fällen wollte. Wie ein Vater, wenn er seinen wilden, ausartenden Knaben einsperrt und züchtigt, nichts sucht als das Wohl seines Kindes; wie es dem Vater ans Herz geht, daß er strafen muß; wie er lieber verschonen und lieber belohnen würde; wie er seine Wehmut bei seinem Strafen so väterlich äußert, und durch seine Liebe mitten im Strafen seinen Kindern noch mehr als durch die Strafe selber ans Herz greift: so, dachte Arner, muß ich strafen, wenn ich will, daß meine Gerechtigkeitspflege Vaterhandlung gegen meine Angehörigen sei.

In diesen Gesinnungen faßte er sein Urteil gegen den Vogt ab. Seine Gemahlin und seine Fräulein aber hatten indessen geeilt, daß man früher als sonst zu Mittag essen könne.


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