Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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147.
Der Unverstand der Gewaltigen pflanzt die Lügen des Volkes, aber ihre Weisheit macht die Menschen wahrhaft.

Indessen kam Arner, und befahl den Gemeindsgenossen niederzusitzen, und den Beklagten stehen zu bleiben. Dann erzählte er, daß die siebzehn Männer, denen er wichtige Klagen, die er jetzt wiederholte, aus Freundlichkeit und Schonung im Pfarrhause eröffnet habe, sich mit ihrer Unschuld groß gemacht, und ihm sogar abgeschlagen hätten, in Gegenwart des Hummels sich auch nur zu verantworten; und daß er um deswillen ihnen jetzt vor der ganzen Gemeinde sagen und zeigen wolle, wer und was sie seien. Dann befahl er dem Schreiber, aus dem Verzeichnis von den Diebstählen aus dem Schlosse diejenigen Artikel vorzulesen, welche diese siebzehn Männer beträfen.

Der Schreiber las hierauf, wie folgt:

Im Wagenschopf des Richters Kienast stehen zwei Räder, die aus dem Schlosse gestohlen sind.

Des Kalberleders Benne (Karren) ist aus dem Schlosse gestohlen.

Dem Kirchmeier Hoorlacher seine jungen Bäume sind aus den Schloßreben.

Des Moosbauers Güllenfaß ist aus dem Schloß. Es hält fünfzehn Saum und ist Nr. 44 aus dem vordern Keller.

Der Speckmolch hat einen Pflug, wovon alles Eisen noch jetzt das Schloßzeichen hat.

Die große Winde auf dem Rabserhofe ist aus dem Schlosse.

Des Hügis große Kuhschelle ist aus dem Schlosse.

So las der Schreiber fast eine Viertelstunde Sachen vor, die aus dem Schlosse gestohlen worden waren, und sich in den Häusern der Männer, die dastanden, befanden. Von allen siebzehn war außer dem Renold kein einziger, den diese Vorlesung nicht traf. Die andern alle waren darüber sehr erschrocken; denn diese Punkte waren jetzt bestimmt, und sie wußten, daß, wenn sie diese leugnen würden, er gerade in ihre Häuser schicken könnte, sie zu überweisen.

Junker. Das ist gar nicht die Hauptsache! Aber es ist die Frage, ob ihr vorläufig das leugnen wollet.

Eine Weile antwortete niemand; dann aber stand Kienholz auf, und sagte: Gnädiger Herr, wollten Sie uns eine Viertelstunde Bedenkzeit erlauben?

Man führe den Kienholz ins Gefängnis! war die Antwort des Junkers; und es geschah alsobald.

Die übrigen standen jetzt da, und wußten, weder was sie sagen, noch was sie tun wollten. Aber es ward auf einmal in allen Bänken lautes Gerede; Freunde und Verwandte riefen ihnen zu: Um Gottes willen! ihr sehet ja, daß er alles weiß; warum bekennet ihr doch nicht? Doch sie standen noch da wie verstummt.

Aber der alte Renold, der wieder einer von den Hintersten war, drängte sich jetzt hervor, warf sich dem Junker zu Füßen, und sagte: Gnädiger Herr, ich bin ein alter, eisgrauer Mann; und Gott weiß, daß ich keinen Gefallen hatte an dem Uebel und an der Bosheit, die unter uns geherrscht hat; aber was Sie klagen, ist wahr.

Der Junker antwortete ihm: Alter Mann, du dauerst mich mit deinen eisgrauen Haaren. Ich weiß, daß du unter allen am wenigsten schuldig bist; und es ist mir leid, daß du mit Leuten verwickelt bist, die so viel gefehlt haben, und die noch nicht einmal wie du bekennen.

Renold. Gnädiger Herr, solche Umstände wie die unsrigen nehmen einem Herz und Sinnen.

Arner. Was für Umstände?

Renold. Sich schuldig zu wissen, und vor Angst doch nicht bekennen dürfen.

Arner kehrte sich jetzt zürnend gegen die andern, und sagte: Warum widersprechet ihr dem Manne nicht, der wider euch zeuget?

Aber der Mut zu leugnen war ihnen jetzt entsunken. Sie warfen sich ihm zu Füßen, und baten um Gnade.

Als Arner sie so zu seinen Füßen sah, entsank ihm eine Träne. Er trocknete sie vor allem Volke, und sagte: Einen traurigern Anblick kann ich mir fast nicht vorstellen! Dann wandte er sich wieder zu dem Renold, und sagte zu ihm: Alter Mann, stehe auf! Ich habe gegen dich keine Klage, als daß du zu diesen Sachen allen geschwiegen hast. Aber warum hast du das getan, und deiner Obrigkeit solche Verbrechen, die dir seit zwanzig und mehr Jahren bekannt sein müssen, so lange verhehlt?

Der Renold wollte zuerst mit der Sprache nicht herausrücken, und antwortete: Gnädiger Herr, Sie möchten es übelnehmen, wenn ich es sagte, oder meinen, ich suche jetzt, da ich zum Bekennen genötigt worden bin, noch Ausflüchte und Entschuldigungen.

Der Junker befahl ihm zu reden, aber der Renold bat den Junker, ein paar Schritte beiseits zu kommen, und sagte dann zu ihm: Unter Ihrem Großvater ist es unmöglich gewesen, über alle diese Unordnungen zu klagen, wenn man nicht mutwillig in sein eigenes Unglück hat rennen wollen.

Der Junker fragte ihn um Beispiele, und der Renold nannte den Bamberger und mehrere andere.

Indessen kamen die, welche das Vieh zählen und das Heu messen mußten, wieder zurück.

Der Junker sah sie, und sagte zum Renold: Ich will heute noch mehr mit dir reden. Hierauf nahm er das Verzeichnis, das diese eben aufgenommen hatten, und verglich es langsam und genau mit der alten Aussage. Dann sagte er: Es sind ihrer zweiundzwanzig, die ihr Vieh und ihr Heu falsch angegeben haben, und von euch, ihr sechzehn, die ihr wegen noch wichtigerer Verbrechen da knieet, mangelt in Gottes Namen auch hier kein einziger! Da er dieses sagte, seufzte er.

Die zweiundzwanzig sind folgende: Der Geschworne Kalberleder; Christoph Kalberleder, sein Bruder; Jakob Kalberleder, der Dicke; der Geschworne Kienast; Joggel Kienast, der Metzger; der Geschworne Kienholz; Christoph Moosbauer; Hans Moosbauer; der Rabser-Bauer; der Rabser Kuri, sein Bruder; der Geschworne Speckmolch; der Sennbauer, sein Schwager; der Geschworne Meier; Meier, der Freßmolch genannt; der Geschworne Hügi; der Sigrist; der Schulmeister; der Rütibauer; der Lindenberger; der Kuhhändler Stoffel; der Stierenbauer Heinrich; des Roßrütschers Nöppi.


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