Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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139.
Renold, ein braver Mann, tritt auf.

Die Zeit hindurch war ein Treibjagen und ein Herumlaufen im Dorfe, wie im Walde unter den Zigeunern, wenn sie erfahren, daß eine Jagd auf sie angestellt ist. Die Vorgesetzten wollten mit Gewalt alles unter einen Hut bringen, und schickten wohl dreimal zum alten Renold, vor dem sie sich fürchteten, um ihn zu bitten, er solle in diesen Umständen doch auch zu ihnen stehen, und abwenden helfen, daß nicht noch mehr Unglück im Dorf entstehe.

Er ließ ihnen aber zweimal antworten, er möge die Sache ansehen, wie er wolle, so glaube er, es wäre das beste, wenn man sich demütigen, und um Verzeihung bitten würde.

Aber dafür hatte niemand Ohren. Bis auf den Schulmeister behauptete alles, die Demut sei jetzt kein goldener Apfel in silbernen Schalen.

Man schickte zum drittenmal zu ihm hin, ihn zu bitten, er solle doch um tausend Gottes willen wenigstens schweigen, und morgen nichts Unvorsichtiges sagen.

»Er wünschte, daß er morgen nicht nur seinen Mund, sondern auch seine Augen und Ohren verschließen könnte« – das war das letzte Wort, das er ihnen sagen ließ.

Alles Volk in Bonnal fürchtete sich vor dem kommenden Tage; Arner aber eilte mit himmelreinem Vaterherzen zu dem Volke hin, das sich vor ihm fürchtete.

Wenn nach langen heißen Tagen die Erde dürstet, und alle Pflanzen nach Wasser schmachten, und dann an Gottes Himmel sich ein Gewitter aufzieht; so zittert der arme Bauer vor den steigenden Wolken am Himmel, und vergißt das Dürsten des Feldes und das Serben der Pflanzen im brennenden Boden, und denkt nur an das Schlagen des Donners, an die Verheerung des Hagels, an den zündenden Strahl und an die überschwemmende Flut. Aber der, welcher im Himmel wohnet, vergißt nicht das Dürsten des Feldes und das Serben der Pflanzen im brennenden Boden, und sein Gewitter tränket mit Segen die Felder der armen Leute, die im Blitzglanz der Mitternachtsstunde, beim donnernden Himmel zitternd nach den Bergen hinsehen, von denen sein Gewitter daher rollt. Denn am Morgen sieht der Arme die Hoffnung seiner Ernte verdoppelt, und faltet seine Hände vor dem Herrn der Erde, vor dessen Gewitter er zitterte.

Das ist das Bild der armen Leute, die sich vor ihrem Herrn fürchteten, und das Bild Arners, der jetzt zu ihrem Troste und zu ihrer Hilfe nach Bonnal eilte.


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