Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

 << zurück weiter >> 

121.
Art und Weise, die Obrigkeit zu berichten, und dahin zu lenken, wohin man sie gerne führt.

Das Hauptanliegen der Vorgesetzten und größern Bauern war, die Verteilung des Weidganges zu hintertreiben. Das Bekenntnis des Hühnerträgers, daß er einen Bund mit dem Teufel habe, stärkte sie mächtig in ihrem Vorhaben, und sie hielten fast Tag und Nacht Rat, wie die Sache am schicklichsten anzugreifen sei.

Dem Junker gerade ins Gesicht wieder abzuschlagen, was sie ihm versprochen, weil der Teufel sich im Spiel befinde, das hätten sie wohl am liebsten getan; aber sie durften nicht trauen, und fürchteten, er möchte den ersten, der dieses anbringen würde, also bei den Ohren kriegen, daß den andern die Lust, daran teilzunehmen, vergehen würde. Sie begnügten sich also nur, Ausflüchte und Auswege zu suchen, und einer riet, man könne für jetzt nichts tun als trachten, die Sache bis in den Herbst aufzuschieben; hernach werde es sich dann schon zeigen, was weiter zu tun sei. Nach seiner Meinung sollte man dem Junker vorstellen lassen, es sei jetzt gar eine unschickliche Zeit zu dieser Verteilung. Sie seien alle mit Vieh überstellt, und mit dem Futter nicht dazu eingerichtet, den Weidgang zu entbehren, und könnten doch unmöglich ihr Vieh jetzt in den Ställen verhungern lassen; der Junker werde das wohl auch selber nicht wollen.

Eine andere Meinung war, sie wollten zur Probe ein Stück Land, das im Winkel zwischen dem obern und untern Wald liege, und voll großer Steine und Sümpfe sei, zur Verteilung preisgeben. Das Stück wird denen, die es bekommen, sagten sie untereinander, von selber so erleiden, daß sie dasselbe nicht recht bauen; und wir müssen Stöcke sein, wenn wir denn nicht machen können, daß der Junker darüber unzufrieden, und eben nicht mehr so eifrig sein wird, unter die faulen Hunde, die das erste Stück nicht recht bauen, das andere zu verteilen.

Nach langem Streite, welche von diesen zwei Meinungen die bessere sei, fanden sie endlich, daß sie beide gut seien, und entschlossen sich, beide miteinander dem Junker vorbringen zu lassen. Hiezu hatten sie aber den Untervogt Meier nötig: denn keiner von ihnen konnte, des Amtes wegen, so schicklich mit dem Junker reden wie dieser. Sie gingen also zu ihm hin, und machten ihm den Vortrag. Er aber sagte zu ihnen: Es sind ja alles lauter Lügen, was ihr vorbringt; und ihr müßt doch nicht glauben, ich wisse nicht, daß ihr die Scheuern noch voll Heu habet, und daß der Markt für das Weidvieh auch erst über acht Tage ist, und daß der Winkel, den ihr verteilen wollt, ein Sumpfloch ist, den niemand umsonst zum Eigentum nehmen würde. Die Bauern antworteten ihm: Vogt, du stehest zu spät auf, um uns zu berichten; und wir wissen sicher so gut als du, wie viel Vieh und wie viel Heu wir haben, und was der Winkel wert ist. Aber wir wissen auch, was wir wollen, und was du dem Junker sagen mußt; und sind gar nicht da, darüber viel zu schwatzen.

Der Vogt erwiderte: Aber er müßte ja auch an beiden Augen blind sein, wenn er nicht merkte, daß ihr mit ihm den Narren spielen wollt.

Sie antworteten ihm: Du glaubst etwa, weil du ungefähr weißt, wie viel Heu und Vieh im Dorfe ist, der Junker wisse es dann gerade auch. Und was das Blindsein an beiden Augen betrifft, so müßte er gar nichts vom Großvater und Aehni (Ahnherr) geerbt haben, wenn er das nicht wäre.

Der Vogt erwiderte: Ihr habt gut lachen; aber mir ist angst und bang ob dem, was ihr wollt.

Darüber spotteten sie ihn aus, und sagten ihm, er habe einen schwachen Magen; prophezeiten ihm aber, er werde innert Jahr und Tag einen bessern bekommen, und mehr verdauen mögen, wenn er nur noch ein Jahr Vogt bleibe.

Der Vogt sagte in aller Ehrlichkeit: Wie meint ihr das?

Der Hügi antwortete ihm: Sieh, Vogt, sie verstehen das so. Wenn Baumwollenspinner und junge Buben Holz spalten, so gibt es Schwielen, und tut ihnen weh; wenn sie es aber forttreiben, so gibt es keine Schwielen mehr, und tut ihnen nicht mehr weh. So, meinen sie, werde es auch dir gehen, wenn du in deinem neuen Handwerk nicht mehr Lehrbub bist. Und sie haben sicher recht; glaub' es mir, Vogt, und sei nur guten Mutes.

Ja, der Hügi hat recht, fluchten die andern. Du wirst innert Jahresfrist gewiß einen so dicken Bauch bekommen, daß alles hinein mag. Tue nur ordentlich auf unsere Gefahr hin, was wir sagen, und was wir wollen.

Ob es ihm in den Kopf wollte oder nicht, das war gleich viel; sie übertäubten ihn mit Worten und Sachen, bis er ihnen versprach zu tun, was sie wollten.


 << zurück weiter >>