Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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51.
Es kann keinem Menschen in den Sinn kommen, was für gute Folgen auch die kleinste gute Handlung haben kann.

Sein Vater Michel sieht das Spiel der Kinder vom Fenster, und erkennt des Lienhards Jonas, und es geht ihm ein Stich ins Herz. – Was ich für ein Satan bin! sagte er zu sich selber. Ich verkaufe mich dem Vogt zum Verräter wider den Maurer, der mir Brot zeigt und Verdienst; und jetzt muß ich noch sehen, daß dieser Kleine ein Herz hat wie ein Engel. Nein, ich kann diesen Leuten nichts Böses tun. Der Vogt ist mir seit gestern ein Greuel. Ich kann es nicht vergessen, wie er aussah, da er mir den Kelch gab. So sagte der Mann, und blieb den ganzen Abend, in ernsten Betrachtungen über sein Leben bei Hause.

Die Kinder Lienhards waren jetzt auch wieder bei Hause, und erzählten dem Vater und der Mutter, wie es ihnen gegangen war. Sie waren alle sehr munter; nur Lise allein war es nicht, obgleich sie sich zwang, fröhlich zu scheinen, und mit viel Worten erzählte, wie sie das Betheli so herzlich erfreuet habe.

Mutter. Es ist dir gewiß etwas begegnet, Lise.

Lise. Nein, es ist mir gewiß nichts begegnet, und es hat ihm gewiß Freude gemacht.

Die Mutter fragte jetzt nicht weiter, sondern betete mit ihren Kindern, gab ihnen ihr Nachtessen, und begleitete sie zur Ruhe. Gertrud und Lienhard lasen noch eine Stunde in ihrer Bibel, und redeten miteinander von dem, was sie lasen. Und es war ihnen herzinniglich wohl am Abend des heiligen Festes.


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