Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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87.
Vom guten Mut und von Gespenstern.

Vorher ging der Junker noch ein paar Augenblicke in die obere Stube zum Pfarrer, und sagte: Ich trinke noch eins, Herr Pfarrer; denn ich will guten Muts sein an der Gemeinde. Das muß man sein, wenn man den Leuten etwas beibringen will.

Nichts ist gewisser, sagte der Pfarrer.

Der Junker nötigte ihn nun, auch eins zu trinken, und sagte: Wenn nur auch einmal die Geistlichen lernten, so ganz ohne Umschweif und Zeremonie mit den Leuten umzugehen, Herr Pfarrer! Sobald die Leute einen freudigen Mut, ein ungezwungenes, offenes Wesen an einem sehen, so sind sie schon halb gewonnen.

Ach, Junker, sagte der Pfarrer, daran eben, so gerade hin, mit gutem Mut, mit freudigem, ungezwungenem Wesen mit den Leuten umzugehen, eben daran werden wir auf tausenderlei Arten gehindert.

Junker. Das ist ein Unglück für Ihren Stand, Herr Pfarrer, das sehr weit langt.

Pfarrer. Sie haben ganz recht, Junker. Ungezwungener, treuherziger und offener sollte niemand mit den Leuten umgehen können als die Geistlichen. Sie sollten Volksmänner sein, und dazu gebildet werden; sie sollten den Leuten in den Augen ansehen, was und wo sie reden und schweigen sollen. Ihre Worte sollten sie sparen wie Gold, und sie hergeben wie nichts, so leicht, so treffend und so menschenfreundlich wie ihr Meister. Aber ach! sie bilden sich in andern Schulen, und man muß Geduld haben, Junker. Es sind in allen Ständen noch gleich viele Hindernisse für die liebe Einfalt und für die Natur.

Junker. Es ist so; man kömmt in allen Ständen immer mehr von dem weg, was man eigentlich sein sollte. Man muß oft und viel Zeit, in der man wichtige Pflichten seines Standes erfüllen sollte, mit Zeremonien und Komödien zubringen, und es sind wenige Menschen, die unter der Last der Etikette und Pedantereien das Gefühl ihrer Pflichten und das innere Wesen ihrer Bestimmung so rein erhalten, wie es Ihnen gelungen ist, mein lieber Herr Pfarrer. Aber an Ihrer Seite ist es mir Freude und Lust, die selige Bestimmung meiner Vaterwürde zu fühlen. Auch will ich trachten, diese Bestimmung mit reinem Herzen zu erfüllen, und wie Sie von allen Zeremonien und Gaukeleien, die man mit den Menschen spielt, nur das mitmachen, was ich muß.

Pfarrer. Sie beschämen mich, gnädiger Herr.

Junker. Ich fühle was ich sage. – Aber es wird bald läuten. Ich sehne mich recht auf die Komödie an der Gemeinde. Diesmal, glaube ich, will ich ihnen etwas von ihrem Aberglauben austreiben.

Pfarrer. Gott gebe, daß es Ihnen gelinge! Dieser Aberglaube ist allem Guten, das man den Leuten beibringen will, immer so viel und so stark im Wege.

Junker. Ich fühle es auch an meinem Orte, wie oft und viel er sie in ihren Angelegenheiten dumm, furchtsam und verwirrt macht.

Pfarrer. Er gibt dem Kopf des Menschen einen krummen Schnitt, der alles, was er tut, redet und urteilt, verrückt; und was noch weit wichtiger ist, er verdirbt das Herz des Menschen, und flößt ihm eine stolze und rohe Härte ein.

Junker. Ja, Herr Pfarrer, man kann die reine Einfalt der Natur und die blinde Dummheit des Aberglaubens nie genug unterscheiden.

Pfarrer. Sie haben ganz recht, Junker. Die unverdorbene Einfalt der Natur ist empfänglich für jeden Eindruck der Wahrheit und der Tugend, sie ist wie eine weiche Schreibtafel; die Dummheit des Aberglaubens aber ist wie gegossenes Erz, keines Eindruckes fähig als durch Feuer und Flammen. – Junker, ich will jetzt nur, da Sie von diesem Unterschiede, der mir in meinem Berufe wichtig ist, angefangen haben, einen Augenblick davon fortschwatzen.

Junker. Ich bitte Sie darum, Herr Pfarrer; die Sache ist mir ebenso wichtig.

Pfarrer. Der Mensch in der unverdorbenen Einfalt seiner Natur weiß wenig; aber sein Wissen ist in Ordnung. Seine Aufmerksamkeit ist fest und stark auf das gerichtet, was ihm verständlich und brauchbar ist; er bildet sich nichts darauf ein, etwas zu wissen, das er nicht versteht und nicht braucht. Die Dummheit des Aberglaubens aber hat keine Ordnung in ihrem Wissen. Sie prahlt das zu wissen, was sie nicht weiß und nicht versteht; sie maßt sich an, die Unordnung ihres Wissens sei göttliche Ordnung, und der vergängliche Glanz ihrer Schaumblase sei göttliche Weisheit und göttliches Licht.

Die Einfalt und die Unschuld der Natur brauchen alle Sinne, urteilen nicht unüberlegt, sehen alles ruhig und bedächtlich an, dulden Widerspruch, sorgen und eifern für Bedürfnisse und nicht für Meinungen, und wandeln sanft und still und voll Liebe einher. Der Aberglaube aber setzt seine Meinung gegen seine Sinne und gegen aller Menschen Sinne; er findet nur Ruhe im Triumph seines Eigendünkels, und er stürmt damit unsanft und wild und hart durch sein ganzes Leben. Den Menschen in seiner reinen Einfalt leiten sein unverdorbenes Herz, auf das er sich immer getrost verlassen kann, und seine Sinne, die er mit Ruhe braucht; den Abergläubigen aber leitet seine Meinung, welcher er sein Herz, seine Sinne, und oft Gott, Vaterland, seinen Nächsten und sich selbst aufopfert.

Junker. Das zeigt die Geschichte auf allen Blättern, und auch ein kleines Maß von Erfahrung und von Weltkenntnis überzeugt einen jeden, daß Hartherzigkeit und Aberglaube immer gepaart gehen, und daß sie nichts als schädliche und bittere Folgen mit sich führen.

Pfarrer. Junker, aus diesem wesentlichen Unterschiede der Einfalt des guten, unentwickelten Menschen und der Dummheit des Aberglaubens erhellt, daß das beste Mittel, gegen den Aberglauben zu wirken, dieses ist: den Wahrheitsunterricht in der Auferziehung des Volkes auf das reine Gefühl der sanften und guten Unschuld und Liebe zu bauen, und die Kraft ihrer Aufmerksamkeit auf nahe Gegenstände zu lenken, die sie in ihren persönlichen Lagen interessieren.

Junker. Ich begreife Sie, Herr Pfarrer; und ich finde wie Sie, daß dadurch Aberglauben und Vorurteil ihren Stachel, ihre innere Schädlichkeit, ihre Uebereinstimmung mit den Leidenschaften und Begierden eines bösen Herzens und mit den grundlosen Grillen der armseligen Einbildung eines müßigen, spintisierenden Wissens verlieren würden. Und so wäre der Rest der Vorurteile und des Aberglaubens nur noch totes Wort und Schatten der Sache ohne inneres Gift, und er würde dann von selbst fallen.

Pfarrer. So sehe ich es einmal an, Junker. Ordnung, nahe Gegenstände und die sanfte Entwicklung der Menschlichkeitstriebe müssen die Grundlagen des Volksunterrichts sein, weil sie unzweifelbar die Grundlage der wahren menschlichen Weisheit sind. Starke Aufmerksamkeit auf Meinungen und auf entfernte Gegenstände, und schwache auf Pflicht und Tat und auf nahe Verhältnisse ist Unordnung im Wesen des menschlichen Geistes. Sie pflanzt Unwissenheit in unsere wichtigsten Angelegenheiten und dumme Vorliebe für Wissen und Kenntnis, die uns nichts angeht. Roheit und Härte des Herzens aber sind die natürlichen Folgen alles Stolzes und aller Präsumtionen; daher denn offenbar die Quelle des innern Gifts des Aberglaubens und der Vorurteile darin zu suchen ist, daß beim Unterricht des Volks seine Aufmerksamkeit nicht fest und stark auf Gegenstände gelenkt wird, die seine Personallage nahe und wichtig interessieren, und sein Herz zu reiner, sanfter Menschlichkeit in allen Umständen stimmen. Täte man das mit Ernst und Eifer, wie man mit Ernst und Eifer Meinungen einprägt, so würde man den Aberglauben an seinen Wurzeln untergraben, und ihm alle seine Macht rauben. Aber ich fühle täglich mehr, wie weit wir in dieser Arbeit noch zurück sind.

Junker. Es ist in der Welt alles vergleichungsweise wahr oder nicht wahr. Es waren weit rohere Zeiten, Zeiten, wo man Gespenster glauben oder ein Ketzer sein mußte; Zeiten, wo man alte Frauen auf Verdacht und boshafte Klagen hin an der Folter fragen mußte, was sie mit dem Teufel gehabt hätten, oder Gefahr lief, seine Rechte und seinen Gerichtsstuhl zu verlieren.

Pfarrer. Das ist gottlob vorbei; aber es ist noch viel vom alten Sauerteige übrig.

Junker. Nur Mut gefaßt, Herr Pfarrer! Es fällt ein Stein nach dem andern vom Tempel des Aberglaubens, wenn man nur auch so eifrig an Gottes Tempel aufbaute, als man an dem Tempel des Aberglaubens hinunter reißt!

Pfarrer. Eben da fehlt es, und eben das schwächt oder zernichtet meine Freude darüber, daß man gegen den Aberglauben arbeitet, weil ich sehe, daß alle diese Leute gar nicht bekümmert sind, das Heiligtum Gottes, die Religion, in ihrer Kraft und in ihrer Stärke auf der Erde zu erhalten.

Junker. Es ist so; aber bei allen Revolutionen will man im Anfange das Kind mit dem Bade ausschütten. Man hatte recht, den Tempel des Herrn zu reinigen; aber man fühlt jetzt schon, daß man im Eifer seine Mauern zerstoßen hat, man wird zurückkommen und die Mauern wieder aufbauen.

Pfarrer. Ich hoffe es zu Gott, und sehe es mit meinen Augen, daß man anfängt zu fühlen, daß die eingerissene Irreligiosität die menschliche Glückseligkeit unendlich untergrabe.

Junker. Indessen müssen wir gehen, und ich will heute auch einmal gegen den Aberglauben stürmen, und eure Gespensterkapelle zu Bonnal angreifen.

Pfarrer. Möge es Ihnen gelingen! Ich habe es mit meinem Angreifen und mit meinem Predigen dagegen noch nicht weit gebracht.

Junker. Ich will es nicht mit Worten versuchen, Herr Pfarrer. Mein Hühnerträger muß mit seinem Korb und mit seiner Laterne, mit seinem Karst und mit seinem Bickel mir überflüssige Worte ersparen.

Pfarrer. Ich glaube im Ernst, dieser werde es vortrefflich gut machen; denn es ist gewiß, wenn man solche Vorfälle wohl zu benutzen weiß, so richtet man dadurch in einem Augenblick mehr aus, als mit allen Rednerkünsten in einem halben Jahrhundert.


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