Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

 << zurück weiter >> 

165.
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit übertreffen wird die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht ins Reich der Himmel eingehen.

Im Heimgehen führte der Weg die Hoorlacherin neben dem Renold vorbei. Er saß eben in Gedanken vertieft vor seinem Hause. Der gestrige Tag lag noch schwer auf seinem Herzen. Der ganze Lauf seines Lebens und das wenige Gute, das er in demselben getan hatte, schwebte ihm drückend vor den Augen, als eben diese Frau mit ihren drei Kindern bei ihm vorbeiging, und ihn grüßte. Er wußte, daß sie von der Vögtin kam, und sagte zu ihr: Hast du es auch über dein Herz bringen können, noch zu ihr zu gehen, da sie dich und deine Kinder so unglücklich gemacht hat?

Und wenn sie mich noch elender gemacht hätte, so danke ich jetzt Gott, daß ich zu ihr gegangen bin, erwiderte die Frau.

Der Renold sah sie steif an, und sagte: Du wirst jetzt wohl viel davon haben, daß du gegangen bist! – Ihr Elend ging ihm nämlich so sehr zu Herzen, daß ihm dieses unvorsichtige Wort entwischte. Und es ist ihm nicht zu verargen; denn die Kinder waren halb nackend auf dem Arme der Mutter.

Die Hoorlacherin aber antwortete: Renold, ich habe jetzt erfahren, wenn man in seinem Herzen aufgemuntert und beruhigt wird, so ist es mehr, als wenn man gegessen hat.

Der Renold schämte sich und sagte: Nun gottlob! wenn sie dir etwas Gutes getan hat.

Renold, antwortete die Frau, wenn alle Armen ihr unrecht getan, und sie elend gemacht hätten wie sie uns, wir hätten alle nicht wehmütiger vor ihrem Bette stehen können.

Das ist doch sonderbar, sagte der Renold; und ließ sich alle Worte, die die Vögtin geredet hatte, und alle Umstände, die dabei vorgefallen waren, von der Frau erzählen. Da sie fertig war, und nun weiter gehen wollte, sagte er zu ihr: Warte noch einen Augenblick; ich muß dir, glaube ich, noch etwas sagen. Er stand dann auf, ging zu seiner Frau in die Stube, und sagte zu ihr: Frau, ich habe im Sinn, der Hoorlacherin wieder zu ihrem Hause zu verhelfen.

Frau. Du kannst nur vier- oder fünfthalbhundert Gulden in die Hand nehmen, wenn du das im Sinn hast.

Renold. Ich weiß wohl, daß so viel darauf haftet.

Frau. Und willst es doch?

Renold. Ja.

Frau. Das wäre ein Almosen, aus welchem man hundert machen könnte.

Renold. Es liegt mir jetzt am Herzen wie kein anderes.

Frau. Ich könnte nicht sagen, daß es mir gefalle.

Renold. Frau, ich habe mein Gewissen in des Vogts Haus oft beschwert, und mitgegessen und mitgetrunken, wo ich nicht hätte essen und trinken, und geschwiegen, wo ich hätte reden sollen; und ich möchte nun gerne zeigen, wie ich darüber denke. Du weißt, wenn es viertausend Gulden beträfe wie vierhundert, ich könnte es ja tun.

Frau. Wenn du es also ansiehst, so tue in Gottes Namen, was du willst, und wovon du glaubst, daß es recht sei.

Es freut mich, daß du nicht dawider bist, ich hätte es auch nicht gerne gegen deinen Willen getan, sagte jetzt der Renold, drückte seiner Frau die Hand, ging dann wieder hinaus, und sagte der Hoorlacherin, was er für sie tun wolle.

Als diese ihm nun überlaut und mit Weinen dankte, sagte er zu ihr: Schäme dich doch auch, auf offener Straße vor den Leuten so zu tun. Dann sprang er eilends in die Stube, und die Hoorlacherin folgte ihm mit den Kindern, und fuhr fort zu danken.

Was nützt es doch, so viele Worte zu machen? sagte der Renold; ich habe es ja schon gehört. Geh' in Gottes Namen jetzt heim, und danke Gott, und hause und spare ordentlich. Die Renoldin gab ihr und den Kindern noch Brot und gedörrte Birnen und etwas Milch; denn es freute sie jetzt selbst, nachdem sie es überwunden hatte.

Als die Vögtin dieses in ihren letzten Stunden noch vernahm, sagte sie, das sei die einzige Freude, die sie mit sich in den Himmel nehme. Das war das letzte verständliche Wort, das sie redete. Fast eine halbe Stunde vorher hatte sie auch noch gesagt: Es freut mich, daß ich bald bei meinem Kinde sein werde. So lange es lebte, beteten wir auch noch, und scheuten uns, Böses zu tun; aber nachdem es gestorben war, scheuten wir uns vor nichts mehr weder im Himmel noch auf Erden.

Sonst war sie stille, und ihr Lebensfunke löschte so sanft aus wie ein Licht. Gertrud besorgte sie zum Grabe, und als die Totenglocke läutete, weinten die meisten Menschen im Dorfe. Ihr Mann aber ging eine Viertelstunde, nachdem sie verschieden war, in sein Gefängnis zurück.


 << zurück weiter >>