Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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108.
Bauerngespräch und Bauernempfindung.

Der Lienhard war diesen Morgen allein bei seiner Arbeit am Kirchhofe; denn seine Taglöhner waren alle mit dem Vogt gegangen. Er weinte herzlich, als die Totenglocke im Turme, der nicht weit von ihm weg war, das Zeichen gab, daß man ihn ausführe. Nach einer Weile kamen die Taglöhner zurück, und schwatzten fast den ganzen Tag miteinander von dem geschehenen Vorfall.

Mir ist es sehr zu Herzen gegangen, sagten der Aebi und der Kienast.

Kriecher. Und mir, wie wenn man kaltes Wasser über mich ausgeschüttet hätte.

Rüti-Marx. So ist es aber gut Schelm sein.

Leemann. Und man trug Sorge zu ihm wie zu einer Kinderbetterin.

Lenk. Wenn ich oder ein anderer es gewesen wäre, es wäre wohl anders gekommen.

Aebi. Es scheint mir, es mögen ihm etliche es nicht einmal gönnen, daß er nicht gehängt worden.

Leemann. Es wird noch andere Historien absetzen.

Michel. Warum?

Leemann. Der Junker will ja allem, was seit zehn Jahren hier geschehen ist, nachgrübeln.

Rüti-Marx. Dafür wird sich niemand graue Haare wachsen lassen.

Michel. Wie meinst du das?

Rüti-Marx. Ich meine, das würde so in die dicken Bäuche greifen, daß sie wohl einen Deckel finden werden, den niemand aufheben wird.

Kriecher. Der Teufel! es ist doch nicht ganz sicher.

Aebi. Aber habet ihr auch den Hartknopf gehört, wie er über die Predigt sein Maul braucht?

Michel. Er ist ein Narr.

Marx. Er sagt doch manchmal auch Sachen, die wahr sind.

Michel. Ja, wenn er um zwölf Uhr sagt, es läute Mittag.

Marx. Das ist jetzt närrisch gesprochen. Ueber den Glauben einmal versteht er mehr als ich und du. Er gibt in der Kirche Achtung wie ein Sperber, und ist imstande, er zählt dem Pfarrer die Hauptwörter des Christentums an den Fingern nach.

Michel. Das ist eine erbauliche Arbeit.

Marx. Man kann mehr daraus ziehen, als du glaubst. Denke jetzt nur, er verflucht sich, der Pfarrer habe in der letzten Predigt das Wort Christus kein einziges Mal in dem Munde gehabt.

Marx hängte das Maul, und Michel fuhr fort: Der Pfarrer hat recht, daß er seine Worte nicht so ausspitzt, daß alle Silben daran frömmeln. Mit eurem Wörterzählen und Silbendrehen macht ihr just auch die Leute selbst so verwirrt, daß sie die Augen verkehren, wenn sie das Hirn brauchen sollten, und das Maul auftun, wenn sie die Hände brauchen sollten.

Marx. So?

Michel. Ja, eben so! Es ist Liebe und Verstand in dem, was der Pfarrer sagt, und es gibt Leute, sie sollten sich schämen, wie sie ihm es machen.

Marx. So?

Michel. Bist du ein Narr, Marx?

Kienast. Ich meinte, man könnte davon schweigen. Es müßte einer ein Stein sein, wenn es ihm heute nicht zu Herzen gegangen wäre.


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