Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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10.
Des Scherers Hund sauft Wasser zur Unzeit, und verdirbt dem Herrn Untervogt ein Spiel, das recht gut stand.

Die meisten waren schon tüchtig besoffen, und Christen, der Ständlisänger, der neben dem Vogt saß, am stärksten. Dieser schrie einsmals: Laßt mich hervor! Der Vogt und die Nachbarn standen auf, und machten ihm Platz; aber er schwankte über den Tisch, und stieß des Vogts Wasserkrug um. Erschrocken wischt dieser, so geschwind er kann, das verschüttete Wasser vom Tisch ab, damit niemand das Verschüttete auffasse, und den Betrug merke; aber des Scherers Hund unter dem Tische war durstig, lappte das verschüttete Wasser vom Boden, und unglücklicherweise sah es ein Nachbar, der wehmütig nach dem guten Wein unter dem Tische guckte, den Hektor aufleckte. Er rief dem Vogt: Wunder und Zeichen, Vogt! Seit wann saufen die Hunde Wein?

Du Narr, seit langem! antwortete der Vogt, winkt ihm mit der Hand und mit dem Kopfe, und stößt ihn mit den Füßen unter dem Tisch, daß er doch schweige. Auch dem Hunde gibt er einen Stoß, daß er anderswo hingehe; aber der verstand den Befehl nicht, denn er gehörte dem Scherer. Er gab Laut, murrte, und leckte dann ferner das verschüttete Wasser vom Boden. Der Untervogt aber erblaßte über diesem Saufen des Hundes; denn es guckten immer mehr Nachbarn unter den Tisch. Man stieß bald an allen Ecken die Köpfe zusammen, und zeigte auf den Hund. Des Scherers Frau nahm jetzt sogar die Scherben des zerbrochenen, Kruges vom Boden auf an die Nase, und da sie nach Wasser rochen, schüttelte sie mächtig den Kopf, und sagte laut: Das ist nicht schön!

Nach und nach murmelten die Bauern an allen Ecken: Dahinter steckt was! Und der Scherer sagte dem Vogt unter die Nase: Vogt, dein schöner Wein ist gesottenes Wasser. – Ist das wahr? riefen die Bauern. Was Teufels ist das, Vogt? warum saufest du Wasser?

Betroffen antwortete der Vogt: Es ist mir nicht recht wohl; ich muß mir schonen. Aber die Bauern glaubten der Antwort nicht, und links, und rechts murmelte je länger je mehr alles: Es geht hier nicht recht zu! Ueberdies klagten jetzt noch einige, es schwindle ihnen von dem Wein, den sie getrunken hätten, und dies sollte von so wenigem nicht sein. Die zwei vornehmsten aber, die da waren, standen auf, gaben dem Scherer den Lohn, sagten: Behüte Gott, Nachbarn! und gingen gegen die Stubentüre.

So einsmals, ihr Herren! Warum so einsmals aus der Gesellschaft? rief ihnen der Vogt.

Wir haben sonst zu tun, antworteten die Männer und gingen fort.

Der Scherer begleitete sie außer die Stube, und sagte zu ihnen: Ich wollte lieber, der Vogt wäre gegangen. Das ist kein Stücklein, bei dem er es gut meint, weder mit dem Wein noch mit dem Wasser.

Wir glauben es auch nicht; sonst würden wir noch dasitzen, antworteten die Männer.

Scherer. Und dieses Saufgewühl kann ich nicht leiden.

Die Männer. Du hast keine Ursache, und du könntest noch in Ungelegenheit kommen. Wenn ich an deiner Seite wäre, setzte der Aeltere hinzu, ich bräche selber ab.

Ich darf nicht wohl, antwortete der Scherer.

Es ist nicht mehr die alte Zeit, und du bist doch in deiner Stube etwa noch Meister, sagten die Männer.

Ich will euch folgen, sagte der Scherer, und ging wieder in seine Stube.

Wo fehlt es diesen Herren, daß sie so plötzlich aufbrechen? fragte der Vogt.

Der Scherer antwortete: es ist mir eben wie ihnen; so ein Gewühl ist nicht artig, und mein Haus ist gar nicht dafür.

Vogt. Aha, ist das die Meinung?

Scherer. Ja, wahrlich, Herr Untervogt! Ich habe gern eine ruhige Stube.

Dieser Streit aber gefiel den Ehrengästen nicht wohl. Wir wollen stiller sein, sagte der eine; wir wollen recht tun, sagte der andere; immer gut Freund sein ist Meister, ein dritter; Vogt noch einen Krug! sagte Christen.

Ja, Nachbarn, ich habe auch eine Stube; wir können den Herrn Scherer gar wohl in Ruhe lassen, sagte der Vogt.

Das wird mir lieb sein, antwortete der Scherer.

Aber die Gemeindesache ist vergessen und das teure Wirtsrecht, Nachbarn, sagte noch durstig Aebi der ältere.

Mir nach, wer nicht falsch ist! rief drohend der Vogt, murrte Donner und Wetter, blickte wild umher, sagte zu niemand »Behüte Gott,« und schlug die Tür hinter sich zu, daß die Stube zitterte.

Das ist unverschämt! sagten viele Bauern. Das ist nicht richtig, sagte der jüngere Meier; ich einmal gehe nicht in des Vogts Haus. Ich auch nicht! antwortete Läupi. Nein, der Teufel, ich auch nicht! ich denke an gestern morgen, sagte der Renold. Ich stand zunächst bei ihm und bei Arner, und ich sah wohl, wie es gemeint war.

Die Nachbarn sahen einander an, was sie tun wollten; aber die meisten setzten sich wieder und blieben. Nur Aebi und Christen und noch ein paar Lumpen nahmen des Vogts leere Flaschen vom Tische unter den Arm, und gingen ihm nach.

Dieser aber sah jetzt aus seinen Fenstern nach der Gasse, die in des Scherers Haus führte, und als ihm lange niemand nachkam, war er über sich selber zornig. Daß ich ein Ochs bin, ein lahmer Ochs! Es ist bald Mittag, und ich habe nichts ausgerichtet. Der Wein ist gesoffen, und jetzt lachen sie mich noch aus; ich habe mit ihnen geplappert wie ein Kind, das noch saugt, und mich herabgelassen, wie einer ihresgleichen. Ja, wenn ich es mit diesen Hundekerls im Ernst gut meinte; wenn das, was der Gemeinde nützlich ist, auch mir lieb und recht wäre; oder wenn ich mich zuletzt nur äußerlich mehr gestellt hätte, als ob ich es gut mit ihr meine, dann wäre es angegangen. So eine Gemeinde tanzt im Augenblick nach eines Gescheiten Pfeife, wenn sie denkt, daß man es gut meine. Aber die Zeiten waren gar zu gut für mich. Unter dem Alten fragte ich der Gemeinde oder einem Geißbocke ungefähr gleich viel auch. So lange ich Vogt bin, war es meine Lust und meine Freude, sie immer nur zu narren, zu beschimpfen und zu meistern, und eigentlich hab' ich gut im Sinn, es noch ferner zu tun; aber darum muß und soll ich sie auch tüchtig drei Schritte vom Leibe halten. Das Händedrücken, das Herablassen, das Rathalten mit jedermann, das Freundlichtun wie ein »Aller-Leute-Schwager« geht nicht mehr an, wenn man einen zu wohl kennt. Unsereiner muß still und allein für sich handeln, die Leute brauchen, die er kennt, und die Gemeinde Gemeinde sein lassen. Ein Hirt berät sich nicht mit den Ochsen; und doch war ich heute Narr genug, und wollte es tun.

Indessen kamen die Männer mit den leeren Flaschen.

Seid ihr allein? wollten die Hunde nicht mit? fragte der Vogt.

Nein, kein Mensch, antwortete Aebi.

Vogt. (Spottend.) Daran liegt viel.

Christen. (Ebenfalls spottend.) Ja, recht viel; ich denke es auch.

Vogt. Doch ich möchte gern wissen, was sie jetzt miteinander schwatzen und raten. Christen geh', und suche noch mehr Flaschen.

Christen. Es sind keine mehr da.

Vogt. Du Narr, das ist gleichviel; geh' nur und suche. Wenn du nichts findest, so laß dich scheren, oder laß zur Ader; und warte, und horche auf alles, was sie erzählen. Ueberbringst du mir vieles, so sauf ich mit dir bis an den Morgen. – Und du, Löli! du mußt zu des Maurers älterem Gesellen, dem Joseph, gehen; aber sieh, daß dich niemand merkt. Du mußt ihm sagen, daß er in der Mittagsstunde zu mir komme.

Noch ein Glas Wein auf den Weg! mich dürstet, sagte Löli. Ich will dann laufen wie ein Jagdhund, und im Blitz wieder da sein.

Gut! sagte der Vogt, und gab ihnen noch eins auf den Weg.

Da gingen diese, und die Vögtin stellte den zwei andern auch Wein hin zu trinken.


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