Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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6.
Wahrhafte Bauerngespräche.

Am Morgen aber war er frühe auf und sang und pfiff unter dem Fenster, auf daß man glaube, er sei wegen dem, so gestern vorgefallen war, ganz unbesorgt. Aber Fritz, sein Nachbar, rief ihm über die Gasse: Hast du schon so frühe Gäste, daß es so lustig hergeht? und lächelte bei sich selbst.

Sie werden schon kommen, Fritz. Hopsasa und Heißasa! Zwetschgen sind nicht Feigen! sagte der Vogt, streckte das Brenzglas zum Fenster hinaus, und rief: Willst eins Bescheid tun, Fritz? Es ist mir noch zu früh, antwortete Fritz; ich will warten, bis mehr Gesellschaft da ist. – Du bist immer der alte Schalk, sagte der Vogt; aber glaub' es, der gestrige Spaß wird nicht so übel ausschlagen. Es fliegt kein Vögelein so hoch, es läßt sich wieder nieder.

Ich weiß nicht, antwortete Fritz; der Vogel, den ich meine, hat sich lange nicht herunter gelassen. Aber wir reden vielleicht nicht vom gleichen Vogel. Willst mithalten, Vogt? man ruft zur Morgensuppe; und hiemit schob Fritz das Fenster zu.

Das ist kurz abgebunden, murrte der Vogt bei sich selbst, und schüttelte den Kopf, daß Haar und Backen zitterten. Ich werde, denk' ich, des Teufels Arbeit haben, bis das gestrige Henkerszeug den Leuten allen wieder aus dem Kopf sein wird. So sagte er zu sich selber, schenkte sich ein, trank, sagte dann wieder: Mut gefaßt! Kommt Zeit, kommt Rat! Heute ist es Samstag; die Kälber lassen sich scheren. Ich gehe ins Barthaus; da gibt sich um ein Glas Wein eins nach dem andern. Die Bauern glauben mir immer eher Zehen als dem Pfarrer ein Halbes. So sagte der Vogt zu sich selber und dann zur Frau: Füll' mir den Saublatter mit Tabak, aber nicht von meinem, nur vom Stinker; er – ist gut für die Bursche. Und wenn des Scherers Bub Wein holt, so gib ihm vom dreimal geschwefelten, und tu' in jede Maß ein halb Glas Brenz. Er ging nun fort; aber auf der Gasse, noch nahe beim Hause, besann er sich wieder, kehrte zurück, und sagte der Frau: Es könnten Schelme mitsaufen, ich muß mich in acht nehmen; schick mir vom gelbgesottenen Wasser, wenn ich zu La Cote fordern lasse, und bring' das selber. Drauf ging er wieder fort; aber ehe er noch im Barthaus war, unter der Linde beim Schulhaus, trifft er Nickel Spitz und Joggli Rubel an.

Wo hinaus so im Sonnabendhabit, Herr Untervogt? fragte Nickel Spitz.

Vogt. Ich muß den Bart herunter haben.

Nickel. Das ist sonderbar, daß du am Samstag Morgen schon Zeit hast.

Vogt. Es ist wahr; es ist nicht so das Jahr durch.

Nickel. Nein, einmal seit langem kamst du immer Sonntags zwischen der Morgenpredigt zum Scherer.

Vogt. Ja, ein paarmal.

Nickel. Ja, ein paarmal, die letzten! Seit der Pfarrer dir deinen Hund aus der Kirche jagen ließ, kamst du ihm nicht mehr ins Gehege.

Vogt. Du bist ein Narr, Nickel, daß du so was reden magst. Man muß essen und vergessen; die Hundsjagd ist mir längst aus dem Kopf.

Nickel. Ich möchte mich nicht darauf verlassen, wenn ich Pfarrer wäre.

Vogt. Du bist nicht klug, Nickel; warum das nicht? Aber kommt in die Stube; es gibt wohl etwa einen Weinkauf oder sonst kurze Zeit.

Nickel. Du würdest dem Scherer aufwarten, wenn er in seinem Haus einen Weinkauf trinken ließ.Der Vogt, als Wirt, duldete nicht, daß in einem andern Hause als in dem seinen bei irgend einem Anlaß Wein ausgeschenkt wurde.

Vogt. Ich bin nicht halb so eigennützig; man will mir ja das Wirtschaftsrecht ganz nehmen. Aber Nickel, wir sind noch nicht da. Der, den ich meine, hat noch aufs wenigste sechs Wochen und drei Tage Arbeit, eh' er es bekömmt.

Nickel. Ich glaub' es selbst; doch ist's immer nicht die beste Ordnung für dich, daß der junge Herr seines Großvaters Glauben changiert hat.

Vogt. Ja, er hat einmal nicht völlig des Großvaters Glauben.

Nickel. Ich traue fast, er sei in keinem Punkt und in keinem von allen zwölf Artikeln mit dem Alten des gleichen Glaubens.

Vogt. Es kann sein; aber der Alte war mir in seinem Glauben ein anderer Mann.

Nickel. Ich denk' es wohl. Der erste Artikel seines Glaubens hieß: Ich glaube an dich, meinen Vogt.

Vogt. Das ist lustig; aber wie hieß denn der andere?

Nickel. Das weiß ich gerade jetzt nicht. Ich denke, er hieß: Ich glaube außer dir, meinem Vogt, keinem Menschen ein Wort.

Vogt. Du solltest Pfarrer werden, Nickel; du würdest den Katechismus nicht bloß erklären, du würdest noch einen aufsetzen.

Nickel. Das würde man mir wohl nicht zulassen. Tät' ich's, ich würde ihn so deutsch und so klar machen, daß ihn die Kinder ohne den Pfarrer verständen, und dann würde er ja natürlich nichts nütze sein.

Vogt. Wir wollen beim alten bleiben, Nickel. Es ist mir mit dem Katechismus wie mit etwas anderm; es kömmt nie etwas Besseres hintennach.

Nickel. Das ist so ein Sprichwort, das manchmal wahr ist und manchmal nicht; für dich, scheint es, trifft es diesmal ein mit dem neuen Junker.

Vogt. Es wird erst für andere nachkommen, wenn ihr ordentlich wartet. Für mich fürchte ich mich nicht so übel vor diesem neuen Herrn; es findet jeder seinen Meister.

Nickel. Das ist wahr; doch ist deine alte Zeit mit dem vorigen SommerMan begrub im vorigen Sommer Arners Großvater. Sein Vater war viele Jahre vorher in einem Treffen in preußischen Diensten gestorben. unter dem Boden.

Vogt. Nickel, ich habe sie doch einmal gehabt; suche sie ein anderer jetzt auch.

Nickel. Das ist wahr, du hast sie gehabt; und sie war recht gut; aber wie hätte es fehlen können, da der Schreiber, der Weibel und der Vikar dir schuldig waren.

Vogt. Man redete mir das nach; aber es war deswegen nicht wahr.

Nickel. Wie magst du jetzt das sagen? Du hattest ja mit ein Paaren öffentlich Händel, daß das Geld nicht wieder zurückkommen wollte.

Vogt. Du Narr, du weißt auch gar noch alles!

Nickel. Noch viel mehr als das weiß ich noch. Ich weiß noch, wie du mit des Rudis Vater getrölt hast, und wie ich dich da neben dem Hundsstall unter den Strohwellen auf dem Bauche liegend vor des Rudis Fenstern antraf, als sein Anwalt eben bei ihm war. Bis um zwei Uhr am Morgen horchtest du auf deinem Bauche, was in der Stube geredet wurde. Ich hatte eben die Nachtwache, und eine ganze Woche war mir der Wein frei bei dir, damit ich schweige.

Vogt. Du bist ein Ketzer, daß du das sagst! Es ist kein Wort wahr, und du würdest schön stehen, wenn du es beweisen müßtest.

Nickel. Vom Beweisen ist jetzt nicht die Rede; aber ob es wahr sei, weißt du wohl.

Vogt. Es ist gut, daß du es einsteckst.

Nickel. Der Teufel gab dir das in den Sinn, unter dem Stroh in tiefer Nacht zu horchen. Du hörtest alle Worte und hattest da gut, mit dem Schreiber deine eigene Aussage zu verdrehen.

Vogt. Was du auch redest!

Nickel. Was ich auch rede? Hätte der Schreiber nicht vor der Audienz deine Aussage verändert, so hätte der Rudi seine Matte noch, und der Wüst und der Keibacher hätten den schönen Eid nicht tun müssen.

Vogt. Ja, du verstehst den Handel, wie der Schulmeister Hebräisch.

Nickel. Wenn ich ihn nicht verstände, ich hätte ihn von dir gelernt. Mehr als zwanzigmal lachtest du mir ob deinem gehorsamen Diener, dem Herrn Schreiber.

Vogt. Ja, das wohl; aber das, was du sagst, tat er doch nicht. Sonst ist es wahr, es war ein schlauer Teufel. Tröste Gott seine Seele! Es wird nun zehn Jahre auf Michaelis, seit er unter dem Boden ist.

Nickel. Seit er hinabgefahren ist zur Hölle, wolltest du sagen.

Vogt. Das ist nicht recht; von den Toten unter dem Boden muß man nichts Böses sagen.

Nickel. Du hast recht; sonst würde ich erzählen, wie er bei Nöppis Kindern geschrieben hat.

Vogt. Er wird dir auf dem Todbette gebeichtet haben, daß du alles so wohl weißt.

Nickel. Ich weiß es einmal.

Vogt. Das beste ist, daß ich den Handel gewonnen habe. Wenn du wüßtest, daß ich denselben verloren hätte, dann wäre es mir leid.

Nickel. Nein, ich weiß wohl, daß du den Handel gewonnen hast, aber auch wie.

Vogt. Vielleicht und vielleicht nicht.

Nickel. Behüte Gott alle Menschen, die arm sind, vor der Feder.

Vogt. Du hast recht; es sollten nur Ehrenleute und wohlhabende Männer schreiben dürfen vor Audienz. Das wäre gewiß gut, und es wäre noch mehr gut, Nickel. Aber was machen? Man muß eben mit allem zufrieden sein, wie es ist.

Nickel. Vogt, dein weiser Spruch da mahnt mich an eine Fabel, die ich einst von einem Pilger aus dem Elsaß hörte. Dieser erzählte vor einem ganzen Tisch voll Leute, es habe ein Einsiedler in einem Fabelbuch die ganze Welt abgemalt, und er könne das Buch fast auswendig. Wir baten ihn, er möchte uns auch eine von diesen Fabeln erzählen, und da erzählte er uns eben die, an welche du mich jetzt mahnst.

Vogt. Nun, wie heißt sie denn, du Plauderer?

Nickel. Sie heißt – ich kann sie zum Glücke noch –

»Es klagte und jammerte das Schaf, daß der Wolf, der Fuchs, der Hund und der Metzger es so schrecklich quälten. Ein Fuchs, der eben vor dem Stalle stand, hörte die Klage, und sagte zum Schaf: Man muß immer zufrieden sein mit der weisen Ordnung, die in der Welt ist; wenn es anders wäre, so würde es gewiß noch schlimmer sein.«

»Das läßt sich hören,« antwortete das Schaf, »wenn der Stall zu ist; aber wenn er offen wäre, so würde es dann keine Wahrheit für mich sein.«

Daraus zog er die Lehre »es sei freilich gut, daß Wölfe, Füchse und Raubtiere da seien; aber es sei auch gut, daß man die Schafställe ordentlich zumache, und daß die guten, schwachen Tiere gegen die Raubtiere gute Hirten und Schutzhunde hätten.«

»Behüte mir Gott meine Hütte!« setzte der Pilger hinzu. Es gibt eben allenthalben viele Raubtiere und wenige gute Hirten. Heiliger Gott! du weißt, warum es so ist; wir müssen schweigen.« Seine Kameraden wiederholten: »Ja wir müssen wohl schweigen . . .« und beteten dann: »Heilige Mutter Gottes! bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Absterbens, Amen!«

Es rührte uns alle, als die Pilger so beteten, sonst weiß man wohl, das: »Heilige Mutter Gottes, bitte für uns!« rührt uns Reformierte nicht viel; aber jetzt rührte es uns innig.

Vogt. Ich glaub's wohl.

Nickel. Es nimmt mich wunder, daß du's glaubst.

Vogt. Warum das nicht? Eine innige Schafbarmherzigkeit muß freilich auch Schafköpfe und Schafherzen innig rühren. Aber bei dieser herzlichen Schafsmeinung müßten dann auch Wölfe und Füchse und alle Tiere dieser Art vor Hunger krepieren.

Nickel. Es wäre eben auch nicht schade um sie.

Vogt. Weißt du das so gewiß?

Nickel. Nein – ich bin ein Narr – sie müßten nicht vor Hunger krepieren; sie würden noch immer Aase und Gewild finden, und das gehört ihnen und nicht zahmes Vieh, das mit Mühe und Kosten erzogen und gehütet werden muß.

Vogt. So ließest du sie doch auch nicht ganz vor Hunger krepieren? Das ist noch viel für einen Freund der zahmen Tiere. Aber es friert mich; komm in die Stube.

Nickel. Ich kann nicht; ich muß weiter.

Vogt. Nun so behüte euch Gott, Nachbarn! auf Wiedersehen!

Er geht hinein. Rubel und Nickel bleiben noch eine Weile stehen, und Rubel sagt zum Nickel: Du hast ihm Gesalzenes aufgestellt.

Nickel. Ich wollte, es wäre noch dazu gepfeffert gewesen, daß es ihn bis morgen auf der Zunge brennte.

Rubel. Du würdest vor acht Tagen nicht so mit ihm geredet haben.

Nickel. Und er würde vor acht Tagen nicht so geantwortet haben.

Rubel. Das ist auch wahr. Er ist zahm geworden wie mein Hund, als er das erste Mal das Nasband trug.

Nickel. Wenn die Maß voll ist, so überläuft sie; das war noch immer bei einem jeden wahr, und wird es auch beim Vogt werden.

Rubel. Behüte Gott einen vor Aemtern. Ich möchte nicht Vogt sein mit seinen zwei Höfen.

Nickel. Aber wenn dir jemand einen halben anböte und den Vogtdienst dazu, was würdest du machen?

Rubel. Du Narr!

Nickel. Du Gescheiter! was würdest du machen? Gelt, du würdest dem, der dir ihn anböte, geschwind einschlagen, das Tuch mit den zwei Farben um dich wickeln, und dann Vogt sein?

Rubel. Meinst du es so?

Nickel. Ja, ich meine es so.

Rubel. Wir schwatzen die Zeit weg. Behüte Gott, Nickel!

Nickel. Behüte Gott, Rubel!


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