Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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68.
Die untergehende Sonne und ein verlorener armer Tropf.

Die Sonne ging jetzt eben unter, und schien noch mit ihren letzten Strahlen auf die Seite der Anhöhe, auf der er eben saß. Um ihn her war das tiefere Feld und unten am Hügel alles schon im Schatten. Sie ging aber herrlich und schön unter, Gottes Sonne, ohne Wind und ohne Gewölk; und der Vogt, der in ihre letzten, herrlichen Strahlen, die auf ihn fielen, hineinsah, sagte zu sich selber: »Sie geht doch schön unter!« und staunte gegen sie hin, bis sie hinter dem Berge war. »Jetzt ist alles im Schatten, und bald ist es Nacht.« Eine Weile nachher rief er aus: »O mein Herz! Schatten, Nacht und Grausen ist um dich her. Dir scheint keine Sonne.« So mußte er zu sich selber sagen, ob er wollte oder nicht; denn der Gedanke schauerte ihm durch seine Seele, und er knirschte mit den Zähnen. Anstatt hinzufallen und anzubeten den Herrn des Himmels, der die Sonne wieder aus der Nacht hervor ruft; anstatt auf den Herrn zu hoffen, der aus dem Staube errettet, und aus den Tiefen erlöset – knirschte er mit den Zähnen. Da schlug die Glocke in Bonnal sechs Uhr, und die Maurer gingen vom Felde heim, und der Vogt folgte ihnen nach.


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