Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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53.
Je fehlerhafter der Mensch ist, desto unverschämter begegnet er denen, die auch fehlen.

Vogt. Du vermaledeiter Schlingel! was du für Streiche machst.

Flink. Es wird so gar übel nicht sein. Wie habe ich, zum Teufel! wissen können, daß die Kerls alle vor Tage zum Dorf hinaus fliegen werden? Hast du es ihnen befohlen?

Vogt. Ja eben, du Hund! Ich muß jetzt vielleicht deinen Fehler ausfressen.

Flink. Ich werde auch kaum leer davon kommen.

Vogt. Es ist verflucht!

Flink. Das war genau auch mein Wort, da ich hörte, daß sie fort seien.

Vogt. Ich mag jetzt nicht spaßen, Schlingel!

Flink. Ich eben auch nicht; aber was machen?

Vogt. Du Narr, nachdenken.

Flink. Es ist eine halbe Stunde zu spät für meinen Kopf.

Vogt. Wart', man muß nur nie verzagt sein. Es fällt mir etwas ein. Sag' du nur keck und mit Ernst, du habest den Befehl am Abend der Frau oder einem Kinde des Maurers gesagt. Sie richten wider dich nichts aus, wenn du mit Ernst daran setztest.

Flink. Mit dem habe ich nichts zu tun; es könnte fehlen.

Vogt. Nein, es könnte nicht fehlen, wenn du daran setzen würdest. Aber bei mehrerem Nachdenken fällt mir etwas ein, das noch besser ist.

Flink. Was denn?

Vogt. Du mußt zurücklaufen zum Maurer, dich grämen und jammern, und sagen, es könne dir übel gehen, daß du den Befehl versäumt habest; aber er könne dir mit einem einzigen guten Worte aus allem helfen, wenn er nur etwa einmal dem Junker sage: er habe den Zettel am Sonntag empfangen, und aus Mißverstand, da es heiliger Abend gewesen sei, es ihnen erst heute ansagen wollen. Das schadet dem Maurer kein Haar, und tut er es, so ist vollkommen geholfen.

Flink. Du hast recht; ich glaube, das würde angehen.

Vogt. Es fehlt gewiß nicht.

Flink. Ich muß gehen, ich habe noch Briefe. Aber ich will doch noch diesen Morgen zum Maurer gehen. Behüte dich Gott, Vogt. (Er geht.)

Der Vogt, der nun allein war, sagte zu sich selber: Ich erzählte es einmal jetzt, so wie abgeredet, im Schloß. Fehlt es dann, so sage ich, der Harschier habe es mir so erzählt.


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