Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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2.
Eine Frau, die Entschlüsse nimmt, ausführt, und einen Herrn findet, der ein Vaterherz hat.

O Gertrud, Gertrud! es bricht mir das Herz, dir mein Elend zu sagen und deine Sorgen zu vergrößern: und doch muß ich es tun! Ich bin Hummel, dem Vogt, noch dreißig Gulden schuldig, und der ist ein Hund und kein Mensch gegen die, so ihm schuldig sind. Ach, daß ich ihn in meinem Leben nie gesehen hätte! Wenn ich nicht bei ihm einkehre, so droht er mir mit den Rechten, und wenn ich einkehre, so ist der Lohn meines Schweißes und meiner Arbeit in seinen Klauen. Das, Gertrud, das ist die Quelle unsers Elends.

O Lieber, sagte hierauf Gertrud, darfst du nicht zu Arner, dem Landesvater, gehen? Du weißt, wie alle Witwen und Waisen sich seiner rühmen. O Lieber, ich denke, er würde dir Rat und Schutz gewähren gegen diesen Mann.

O Gertrud, erwiderte Lienhard, ich kann nicht! ich darf nicht! Was wollte ich gegen den Vogt sagen, der Tausenderlei anbringt, und kühn ist und schlau, und hundert Helfershelfer und Wege hat, einen armen Mann vor der Obrigkeit zu verschreien, das man ihn nicht anhört?

Gertrud. O Lieber, ich habe noch mit keiner Obrigkeit geredet; aber wenn Not und Elend mich zu ihr führten, ich weiß, ich würde die Wahrheit gerade gegen jedermann sagen können. O Teurer, fürchte dich nicht! denke an mich und deine Kinder, und gehe!

O Gertrud, sagte Lienhard, ich kann nicht, und darf nicht; ich bin nicht unschuldig! Der Vogt wird sich kaltblütig aufs ganze Dorf berufen, daß ich ein liederlicher Tropf bin. O Gertrud, ich bin nicht unschuldig! Was will ich sagen? Niemand wird ihn vor den Kopf stoßen und aussagen, daß er mich zu allem verleitet hat. O Gertrud, könnt' ich's, dürft' ich's, wie gerne wollt' ich's! Aber tät' ich's, und mißläng's, denke, wie würde er sich rächen!

Gertrud. Aber auch wenn du schweigst, richtet er dich unausweichlich zugrunde. Lienhard, denke an deine Kinder, und gehe! Diese Unruhe unseres Herzens muß enden; gehe, oder ich gehe!

Lienhard. O Gertrud, ich darf nicht! Darfst du es, Gertrud – ach Gott! – darfst du es, so gehe schnell hin zu Arner, und sag' ihm alles!

Ja, ich will gehen, sagte Gertrud, und schlief keine Stunde in der Nacht; aber sie betete in der schlaflosen Nacht, und ward immer stärker und entschlossener, zu gehen zu Arner, dem Herrn des Ortes.

Und am frühen Morgen nahm sie den Säugling, der wie eine Rose blühete, und ging zwei Stunden weit zum Schlosse des Junkers.

Arner saß eben bei seiner Linde, vor der Pforte des Schlosses, als Gertrud sich ihm nahete. Er sah sie, er sah den Säugling auf ihrem Arme und Wehmut und Leiden und getrocknete Zähren auf ihrem Antlitz.

Was willst du, meine Tochter? wer bist du? sagte er so liebreich, daß sie Mut faßte zu reden.

Ich bin Gertrud, sagte sie, das Weib des Maurers Lienhard von Bonnal.

Du bist ein braves Weib, sagte Arner. Ich habe deine Kinder vor allen andern im Dorfe ausgezeichnet; sie sind sittsamer und bescheidener als alle übrigen Kinder, und scheinen auch besser genährt. Und doch höre ich, seid ihr sehr arm. Was willst du, meine Tochter?

O gnädiger Herr, mein Mann ist seit langer Zeit dem Vogt Hummel dreißig Gulden schuldig, und das ist ein harter Mann. Er verführt ihn zum Spiel und zu aller Verschwendung; und da er ihn fürchten muß, so darf er sein Wirtshaus nicht meiden, wenn er schon fast alle Tage seinen Verdienst und das Brot seiner Kinder darin zurücklassen muß. Gnädiger Herr, es sind sieben unerzogene Kinder; und ohne Hilfe und Rat gegen den Vogt ist's unmöglich, daß wir nicht an den Bettelstab geraten. Ich weiß, daß Sie sich der Witwen und der Waisen erbarmen; darum durfte ich es wagen, zu Ihnen zu gehen und Ihnen unser Unglück zu sagen. Ich habe aller meiner Kinder Spargeld bei mir, in der Absicht, es Ihnen zu hinterlegen, damit ich Sie bitten dürfe, Verfügungen zu treffen, daß der Vogt meinen Mann, bis er bezahlt sein wird, nicht mehr drängen und plagen dürfe.

Arner hatte längst einen Verdacht auf Hummel. Er erkannte sogleich die Wahrheit dieser Klage und die Weisheit der Bitte. Er nahm eine Schale Tee, die vor ihm stand, und sagte: Du bist nüchtern, Gertrud; trink diesen Tee, und gib deinem schönen Kinde von dieser Milch.

Errötend stand Gertrud da. Diese Vatergüte ging ihr ans Herz, daß sie ihre Tränen nicht halten konnte.

Und Arner ließ sie jetzt die Taten des Vogts und seiner Mitgesellen und die Not und die Sorgen vieler Jahre erzählen, hörte aufmerksam zu, und einmal fragte er sie: Wie hast du, Gertrud, das Spargeld deiner Kinder retten können in aller dieser Not?

Da antwortete Gertrud: Das war wohl schwer, gnädiger Herr; aber es mußte mir sein, als ob das Geld nicht mein wäre, als ob es mir ein Sterbender auf seinem Todbette gegeben hätte, daß ich es seinen Kindern aufbehalten sollte. So, fast ganz so sah ich es an. Wenn ich zuzeiten der dringendsten Not den Kindern Brot daraus kaufen mußte, so ruhete ich nicht, bis ich mit Nachtarbeit wieder so viel nebenhin erspart, und den Kindern wieder erstattet hatte.

War das allemal wieder möglich, Gertrud? fragte Arner.

O gnädiger Herr, wenn der Mensch sich etwas fest vornimmt, so ist ihm mehr möglich, als man glaubt; und Gott hilft im äußersten Elend, wenn man redlich für Not und Brot arbeitet, mehr als Sie, gnädiger Herr, in ihrer Herrlichkeit es glauben und begreifen können.

Arner war durch und durch von der Unschuld und von der Tugend dieses Weibes gerührt, fragte aber immer noch mehr, und sagte: Gertrud, wo hast du dieses Spargeld?

Da legte Gertrud sieben reinliche Päcklein auf Arners Tisch, und bei jedem Päcklein lag ein Zettel, von wem alles sei; und wann Gertrud etwas davon genommen, so stand es aufgeschrieben, und ebenso, wie sie es wieder zugelegt habe.

Arner las diese Zettel aufmerksam durch. Gertrud sah es, und errötend sagte sie: Ich hätte diese Papiere wegnehmen sollen, gnädiger Herr.

Arner lächelte und las fort; aber Gertrud stand beschämt da, und sichtbarlich pochte ihr Herz ob diesen Zetteln; denn sie war bescheiden und demütig, und grämte sich auch über den mindesten Anschein von Eitelkeit.

Arner sah ihre Unruhe, daß sie ihre Zettel nicht beiseite gelegt hatte; er fühlte die reine Höhe der Unschuld, die beschämt dasteht, wenn ihre Tugend und ihre Weisheit bemerkt wird, und beschloß dem Weib mehr, als es bat und hoffte, Gnade zu erweisen; denn er erkannte ihren Wert, und daß unter Tausenden kein Weib ihr gleich käme. Er legte jetzt einem jeden Päckchen etwas bei, und sagte: Bring' deinen Kindern ihr Spargeld wieder, Gertrud; und ich lege aus meiner Börse dreißig Gulden beiseite für den Vogt, bis er bezahlt ist. Gehe nun hin, Gertrud; morgen werde ich ohnehin in dein Dorf kommen, und da werde ich dir Ruhe schaffen vor dem Hummel.

Gertrud konnte vor Freuden nicht reden; kaum brachte sie stammelnd ein gebrochenes schluchzendes »Gott lohne es Ihnen, gnädiger Herr« hervor. Dann kehrte sie mit ihrem Säugling auf dem Arme und mit ihrem Trost im Herzen nach Hause zurück. Sie eilte, betete und dankte Gott auf dem langen Wege, und weinte Tränen des Dankes und der Hoffnung, bis sie in ihrer Hütte war.

Lienhard sah sie kommen, und las den Trost ihres Herzens in ihren Augen. Bist du schon wieder da? rief er ihr entgegen. Es ist dir wohl gegangen bei Arner.

Wie weißt du es schon? sagte Gertrud.

Ich sehe es dir an, du Gute; du kannst dich nicht verstellen.

Das kann ich wirklich nicht, sagte Gertrud; und möchte auch nicht, wenn ich es könnte, dir die gute Botschaft einen Augenblick vorenthalten. Da erzählte sie ihrem Manne die Güte von Vater Arner, wie er ihren Worten glaubte, und ihr Hilfe versprach; dann gab sie ihren Kindern Arners Geschenke, und küßte ein jedes wärmer und heiterer, als es lange nicht mehr geschehen war, und sagte ihnen: Betet alle Tage, daß es Arner wohl gehe, Kinder, wie ihr betet, daß es mir und dem Vater wohl gehe. Arner sorgt, daß es allen Leuten im Lande wohl gehe; er sorgt, daß es auch euch wohl gehe; und wenn ihr brav, verständig und arbeitsam sein werdet, so werdet ihr ihm lieb sein, wie ihr mir und dem Vater lieb seid.

Von dieser Zeit an beteten die Kinder des Maurers, wenn sie am Morgen und am Abend für ihren Vater und für ihre Mutter beteten, auch für Arner, den Vater des Landes.

Gertrud und Lienhard faßten nun neue Entschlüsse für die Ordnung ihres Hauses und für die Bildung ihrer Kinder zu allem Guten, und dieser Tag war ihnen ein seliger Festtag. Lienhards Mut stärkte sich wieder, und am Abend machte ihm Gertrud ein Essen, das er liebte; und sie freuten sich beide des kommenden Morgens, der Hilfe Arners und der Güte ihres himmlischen Vaters.

Auch Arner sehnte sich nach dem kommenden Morgen, eine Tat zu tun, wie er tausend tat, um seinem Dasein einen Wert zu geben.


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