Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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103.
Adam und Eva.

Es war recht gut, daß der Junker das befohlen hatte, denn am folgenden Morgen früh waren von vielen Stunden her alle alten Müßiggänger, alles junge Juheienvolk und alle neugierigen Weiber auf dem Wege nach dem Galgen zu Bonnal. Diese alle sperrten Maul und Augen auf, als sie allenthalben Wachen fanden, die sie wieder zurückwiesen.

»Es scheint, die Herren von Bonnal wollen ihren Galgen für sich allein haben, daß niemand hinzugehen darf. – Es darf doch eine Katze einen Altar anschauen; aber es scheint, es sei mit eurem Galgen nicht so. – Ha, dahinter steckt etwas; es ist nicht so richtig mit dem weggeleugneten Teufel, wie sie den Leuten haben angeben wollen« –

So sagte jeder auf seine Art seine Meinung. Einige verbissen das Maul; andere lachten über die lange Nase, die sie jetzt mit sich heimtragen sollten. Wer lustig heim ging, war das gemeine Volk und die jungen Leute, und wer das Maul hängte, waren die dicken Bauern mit den großen Stecken. Es blieb aber nicht einmal beim Maulhängen, sondern einige Männer und Weiber gelüsteten stärker, dahin zu kommen, wo man sie nicht haben wollte, und sannen auf List und Ränke, wie das möglich werden könnte.

Wenn wir jetzt aber doch nicht so heim gehen müßten, wie man uns da angeben will? sagte die Vögtin von Eubach zur Geschwornin von Kilchtal.

Geschwornin. Was können wir anders machen?

Die Vögtin. Du Narr, durch Abwege ins Dorf schleichen.

Geschwornin. Und dann?

Vögtin. Und dann uns unter dem Volke verstecken, und mit andern laufen, wo es hingeht.

Geschwornin. Wenn dann aber auch bei der Kirche Wächter sind?

Vögtin. Zeit bringt Rat, und ich habe allenfalls Geld im Sack.

Geschwornin. Ich will gerne die Hälfte zahlen, was es kostet, wenn es nur angeht.

Vögtin. Probieren ist Meister. Aber wollen wir unsere Männer mitnehmen oder sie daheim lassen?

Geschwornin. Daheim lassen und auslachen, das wäre meine Meinung.

Vögtin. Wir kommen aber eher durch, wenn mein Mann mitkömmt; denn die Wächter müssen ihn fürchten, weil er Vogt ist.

Geschwornin. So muß ich meinem Manne auch rufen.

He Vogt! he, Geschworner! ich habe mein Nastuch verloren; hat es keiner von euch gefunden? So rief jetzt die Vögtin, damit niemand merke, was sie wolle. – Du Narr, hättest du Sorge gehabt, antwortete der Vogt, und ging ohne zurückzusehen mit dem Geschwornen weiter. Stehe nur einen Augenblick still; du mußt mir deines geben, rief die Vögtin noch einmal, und lachte laut dazu. Schnurrend sah der Vogt zurück, und sagte: Was ist das? was hast du immer auf der Straße zu rufen? Sie aber winkte ihm, daß er merkte, sie wollte etwas anders als das Nastuch; und er stand still.

In Gelustsachen ist es seit Adams Zeiten her wahr: wenn die Weiber den Apfel vom Baume nehmen, so beißen die Männer auch darein. Der Vogt und der Geschworne folgen jetzt ihren Weibern durchs Tobel hinter den Reben durch, über Zäune und Stöcke, und kamen glücklich ungesehen ins Dorf. Sie waren aber nicht allein. Auf allen Seiten schlichen die Hochmütigsten und Kühnsten nach Bonnal, und bettelten sich um Geld und gute Worte in die bewachte Kirche hinein. Es schien zwar im Anfang, als wollte es ihnen fehlen; der Wächter bei der Türe war fast nicht zu bereden und zu bestechen. Nachdem aber einmal einer darin war, ging das Ding immer leichter. Zuletzt aber wollten ihm so viele kommen, daß es dem Wächter so angst ward, daß er niemanden mehr hineinlassen wollte; aber es war zu spät, er blieb nicht Meister. – Was? antworteten ihm jetzt Weiber und Buben; sind wir nicht so gut als die andern? Du mußt uns hineinlassen, oder die andern Fremden vor unsern Augen auch wieder hinausschaffen; anders gehen wir dir nicht von der Stelle! Still! still! antwortete der Wächter, ich will euch eben hineinlassen; aber verberget euch im Winkel, daß man euch nicht sehe. Und so kam zuletzt hinein, was hinein wollte.


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