Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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107.
Menschlichkeit und Gerechtigkeit beieinander.

Dann gingen sie miteinander zur Gerichtstätte, und der Pfarrer betete laut auf dem ganzen Wege dahin, und alles Volk begleitete ihn in stummem Stillschweigen. So herrschet stummes Stillschweigen um den Sarg des Bürgers, dessen verlassene Kinder ein gerührtes Volk mitleidig zum Grabe ihres Vaters begleitet. Die Stunde der stillen Rührung, während welcher die Totenglocke von Bonnal läutete, tat dem Vogt und allem Volke wohl. Siehe, es war nicht die Strafe eines wütenden Tieres, das man nur von der Erde vertilgt, damit es nichts mehr auf ihr schade; es war die Strafe eines Menschen, mit der man ihn selber und seinen Nächsten weiser und besser machen wollte, als sie zuvor waren.

Der Vogt stand da, entblößt an Haupt und Füßen, und sprach dreimal laut die Worte nach: Hier habe ich verdient zu verfaulen! – Mit starker Stimme antwortete ein Gerichtsmann: Ja du hast verdient, daß hier deine Gebeine verfaulen, und die Vögel des Himmels dein Fleisch essen. Dreimal antwortete er wieder: Ich habe es verdient! – Er hat Gnade! Knecht der Gerechtigkeit, töte ihn nicht! rief jetzt mit lauter Stimme der Richter mit dem Stabe. – Was soll ich ihm denn tun? erwiderte der Knecht der Gerechtigkeit. – Du sollst ihn binden an den Balken des Galgens, und seine Hand an einem Pfahle fest machen, und die Finger des Meineidigen dreimal mit unauslöschlicher, schwarzer Farbe anstreichen! Der Knecht der Gerechtigkeit tat jetzt, was ihm befohlen war, und stand dann mit entblößtem Schwerte hinter dem Unglücklichen.

Indessen wandte sich der Richter mit dem Stabe, und sagte mit lauter Stimme zum Volke: Höre, versammeltes Volk! dein Herr und Vater läßt dir sagen: wer unter euch eine solche Schande nicht mehr fürchtet als den Tod, der gehet mit seinem Haus, mit seinen Kindern und mit seinem Geschlechte dem Elende entgegen, in welchem ihr jetzt diesen armen Mann sehet. Dann redete der Pfarrer fast die ganze Stunde mit dem Volke, das noch in keiner Kirche mit mehr Aufmerksamkeit und Rührung vor ihm gestanden.

Der Vogt war fast atemlos und zum Einsinken erschöpft. Als es der Pfarrer merkte, rief er seinem Hans, und sagte ihm: Du mußt den kleinen Wagen hierher bringen und ein Bettstück darauf. Der Hans tat es, und brachte Bett und Wagen. Da die Stunde jetzt vorüber war, und man den Vogt von seinen Banden losließ, nahm ihn der Pfarrer bei der Hand, und sagte: Steig jetzt in Gottes Namen hier ein; denn ich sehe, daß du es nötig hast, und fast nicht heimgehen könntest. Es ist wahr, sagte der Vogt, es zittert alles an mir, dankte, stieg dann in den Wagen, und sagte: Ich habe das nicht verdient. Der Pfarrer ging unter allem Volk mit dem armen Tropf neben dem Wagen bis ins Gefängnis nach Bonnal, wohin man ihn führte, und ließ dann auch das Bett aus seinem Wagen hineintragen, bis man ihm eines aus seinem Hause bringen würde.


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