Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

 << zurück weiter >> 

31.
Der Abend vor einem Festtage im Hause einer rechtschaffenen Mutter.

Gertrud war noch allein bei ihren Kindern. Die Vorfälle der Woche und der kommende festliche Morgen erfüllten ihr Herz. In sich selbst geschlossen und still bereitete sie das Nachtessen, nahm ihrem Mann und den Kindern und sich selber ihre Sonntagskleider aus dem Kasten, und bereitete alles auf morgen, damit dann am heiligen Tage sie nichts mehr zerstreue. Und da sie ihre Geschäfte vollendet hatte, setzte sie sich mit ihren Lieben an den Tisch, um mit ihnen zu beten.

Es war alle Samstage ihre Gewohnheit, den Kindern in der Abendgebetstunde ihre Fehler und auch die Vorfälle der Woche, die ihnen wichtig und erbaulich sein konnten, ans Herz zu legen; und heute war sie besonders eingedenk der Güte Gottes gegen sie in dieser Woche, und wollte diesen Vorfall, so gut ihr möglich war, den jungen Herzen tief einprägen, daß er ihnen unvergeßlich bleibe. Die Kinder saßen still um sie her, falteten ihre Hände zum Gebet, und die Mutter redete also mit ihnen: Ich habe euch etwas Gutes zu sagen, Kinder. Der liebe Vater hat in dieser Woche eine gute Arbeit bekommen, an der sein Verdienst viel besser ist, als an dem, was er sonst tun muß.

Kinder, wir dürfen hoffen, daß wir in Zukunft das tägliche Brot mit weniger Sorgen und Kummer haben werden. Danket, Kinder, dem lieben Gott, daß er so gut gegen uns ist; und denket fleißig an die alte Zeit, wo ich euch jeden Mundvoll Brot mit Angst und Sorgen abteilen mußte! Es tat mir da so manchmal im Herzen weh, daß ich euch so oft nicht genug geben konnte; aber der liebe Gott im Himmel wußte schon, daß er helfen wollte, und daß es besser für euch sei, meine Lieben, daß ihr zur Armut, zur Geduld und zur Ueberwindung der Gelüste erzogen würdet, als daß ihr Ueberfluß hättet. Denn der Mensch, der alles hat, was er will, wird gar zu gerne leichtsinnig, vergißt seines Gottes, und tut nicht das, was ihm selbst das Nützlichste und Beste ist. Kinder, denket doch, so lange ihr leben werdet, an diese Armut und an alle Not und Sorgen, die wir hatten; und wenn es jetzt besser geht, Kinder, so denket an die, so Mangel leiden, wie ihr Mangel leiden mußtet. Vergesset nie, wie Hunger und Mangel ein Elend sind, auf daß ihr mitleidig werdet gegen den Armen, und wenn ihr einen Mundvoll Überflüssiges habet, es ihm gerne gebet. Nicht wahr, Kinder, ihr wollet es gerne tun? – O ja, Mutter, gewiß gerne, sagten alle Kinder.


 << zurück weiter >>