Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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41.
Der Ehegaumer zeigt dem Pfarrer Unfug an.

Aber der Ehegaumer,Ehegaumer (Verwahrer der ehelichen Treue) sind in der Schweiz Kirchenälteste, die nebst den Pfarrern auf die Handhabung von Religion, Sitten und Ordnung zu wachen haben. der an des Vogts Gasse wohnte, und den Aebi, den Christen und die andern Lumpen zwischen der Predigt ins Wirtshaus gehen sah, ärgerte sich in seinem Herzen, und gedachte in dieser Stunde an seinen Eid, den er geschworen hatte, acht zu geben auf allen Unfug und auf alles gottlose Wesen, und solches dem Pfarrer anzuzeigen. Und der Ehegaumer bestellte einen ehrbaren Mann, daß er acht geben sollte auf diese Burschen, ob sie vor der Predigt wieder aus dem Wirtshause gingen oder nicht; und da es bald zusammenläuten wollte, und noch niemand wieder herauskam, ging er zum Pfarrer, und sagte ihm, was er gesehen, und wie er den Samuel treu bestellt habe, acht zu geben. Der Pfarrer aber erschrak über diesen Bericht, seufzte still bei sich selber, und redete nicht viel. Da dachte der Ehegaumer, der Herr Pfarrer studiere noch an seiner Predigt, und redete bei seinem Glas Wein auch minder, als er sonst gewohnt war.

Endlich, als der Pfarrer eben in die Kirche gehen wollte, kam der Samuel, und der Ehegaumer sagte zu ihm: Du kannst jetzt dem wohlehrwürdigen Herrn Pfarrer alles selber erzählen.

Da sagte der Samuel: Gott grüß' Euch, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer!

Der Pfarrer dankte ihm, und sagte: Sind denn die Leute noch nicht wieder heim?

Samuel. Nein, Herr Pfarrer. Ich ging von dem Augenblick an, da mich der Ehegaumer bestellte, immer um das Wirtshaus herum, und es ist kein Mensch, außer der Vögtin, die in der Kirche ist, zum Hause herausgegangen.

Pfarrer. Sie sind also noch alle ganz gewiß im Wirtshause?

Samuel. Ja, Herr Pfarrer, ganz gewiß.

Ehegaumer. Da seht Ihr jetzt, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, daß ich mich nicht geirrt habe, und daß ich es habe anzeigen müssen.

Pfarrer. Es ist ein Unglück, daß an einem heiligen Tage solche Sachen einem Zeit und Ruhe rauben müssen.

Ehegaumer. Was wir taten, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, war unsere teure Pflicht.

Pfarrer. Ich weiß es, und danke euch für eure Sorgfalt; aber Nachbarn, vergesset doch ob einer kleinen, leichten Pflicht die schwerere und größere nicht. Acht auf uns selber zu haben und über unsre eigenen Herzen zu wachen, ist immer die erste und wichtigste Pflicht des Menschen. Darum ist es allemal ein Unglück, wenn solche böse Sachen einem Menschen Zerstreuungen veranlassen.

Nach einer Weile sagte er dann wieder: Nein, es ist doch nicht länger auszustehen, dieses grenzenlose Unwesen, und mit aller Nachsicht wird es immer nur ärger.

Darauf ging er mit diesen Männern zur Kirche.


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