Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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39.
Eine Predigt.

Meine Kinder!

Wer den Herrn fürchtet, und fromm und aufrichtig vor seinen Augen wandelt, der wandelt im Lichte; aber wer des Herrn, seines Gottes, in seinem Tun vergißt, der wandelt in der Finsternis. Darum lasset euch nicht verführen; es ist nur einer gut, und der ist euer Vater. Warum laufet ihr in der Irre umher, und tappet in der Finsternis? Es ist niemand euer Vater als nur Gott. Hütet euch vor den Menschen, daß ihr von ihnen nicht Dinge lernet, die eurem Vater mißfallen. Selig ist der Mensch, dessen Vater Gott ist! Selig ist der Mensch, der sich vor dem Bösen fürchtet, und das Arge hasset! denn es geht denen nicht wohl, die Böses tun, und der Arge verstrickt sich in seiner Arglist. Es geht denen nicht wohl, die ihren Nächsten drücken und drängen; nein, es geht dem Menschen nicht wohl, über den der Arme zu Gott schreit. Wehe dem Elenden, der im Winter den Armen speiset, und in der Ernte das Doppelte von ihm wieder abnimmt! Wehe den Gottlosen, der den Armen im Sommer Wein aufdringt, und im Herbst von ihm zweimal so viel wieder fordert! Wehe ihm, wenn er dem Armen sein Stroh und sein Futter abdrückt, daß er sein Land nicht mehr bauen kann! Wehe ihm, wenn die Kinder des Armen um seiner Hartherzigkeit willen Brot mangeln! Wehe dem Gottlosen, der den Armen Geld leiht, daß sie seine Knechte werden, ihm zu Gebote stehen, ohne Lohn arbeiten und doch zinsen müssen! Wehe ihm, wenn sie vor Gericht und Recht für ihn aussagen, falsches Zeugnis geben, und Meineide schwören, daß er recht habe. Wehe ihm, wenn er Bösewichte in seinem Haus versammelt, und mit ihnen dem Gerechten auflauert, ihn zu verführen, daß er auch werde wie sie, und daß er seines Gottes und seines Weibes und seiner Kinder vergesse, und verschwende bei ihnen den Lohn seiner Arbeit, auf den die Mutter samt den Kindern hoffet. Und wehe auch dem Elenden, der sich also von den Gottlosen verführen läßt, und in seinem Unsinn verschwendet das Geld, das in seiner Haushaltung nötig ist! Wehe ihm, wenn sein Weib über ihn zu Gott seufzt, daß sie nicht Milch hat, den Säugling zu nähren; wehe ihm, wenn der Säugling um seines Saufens willen serbt; wehe ihm, wenn die Mutter über seiner Kinder Brotmangel, und über unvernünftig aufgebürdete Arbeit weint! Wehe dem Elenden, der das Lehrgeld seiner Söhne verspielt! Wenn sein Alter kommen wird, werden sie zu ihm sagen: Du warst nicht unser Vater, du lehrtest uns nicht Brot verdienen; womit können wir dir helfen? Wehe denen, die mit Lügen umgehen, und das Krumme gerad' und das Gerade krumm machen; denn sie werden zuschanden werden! Wehe euch, wenn ihr der Witwe Aecker und des Waisen Haus zu wohlfeil gekauft habt – wehe euch! denn der Witwe und des Waisen Vater ist euer Herr, und die Armen, die Witwen und die Waisen sind ihm lieb; und ihr seid ihm ein Greuel und ein Abscheu, darum daß ihr böse seid und hart mit den Armen! Wehe euch, die ihr euer Haus voll habet von dem, was nicht euer ist! Ob ihr gleich jauchzet beim Saufen des Weins, der in den Reben des Armen gewachsen ist; ob ihr gleich lachet, wenn elende, hungernde Menschen ihr Korn mit Seufzen in euere Säcke ausschütten; ob ihr gleich spöttelt und scherzet, wenn euer Unterdrückter sich vor euch wie ein Wurm windet, um den zehnten Teil eures Raubes von euch wieder um Gottes willen auf Borg bittet, ob ihr euch gleich gegen alles das verhärtet, so ist es euch doch keine Stunde wohl in eurem Herzen. Nein, es ist dem Menschen nicht wohl auf Gottes Erdboden, der den Armen aussaugt. Möge er sein, wer er will; möge er über alle Gefahr, über alle Verantwortung und über alle Strafe auf der Erde hinaus sein; möge er sogar Richter im Lande sein, und Elende, die besser sind, als er, mit seiner Hand gefangen nehmen, und mit seinem Munde anklagen; möge er sogar sitzen und richten, selber über sie auf Leben und Tod, und sprechen das Urteil auf Schwert und Rad: er ist schlimmer als sie. Wer den Armen aus Uebermut drückt, und elenden Leuten Fallstricke legt, und die Häuser der Witwen aussaugt, der ist schlimmer als Diebe und Mörder, deren Lohn der Tod ist. Darum ist dem Menschen auf Erden, der das tut, auch keine Stunde wohl in seinem Herzen. Er irrt auf Gottes Erdboden umher, belastet mit dem Fluche des Brudermörders, der seinem Herzen keine Ruhe läßt; er irrt umher, und will und sucht immer die Schrecken seines Inwendigen vor sich selber zu verbergen. Mit Saufen und Prassen, mit Mutwillen und Bosheiten, mit Hader und Streit, mit Lug und Betrug, mit Zoten und Possen, mit Schmähen und Schimpfen, mit Aufhetzen und Hinterreden will er sich selbst die Zeit, die ihm zur Last ist, vertreiben. Aber er wird die Stimme seines Gewissens nicht immer ersticken, er wird dem Schrecken des Herrn nicht immer entgehen können; er wird ihn überfallen wie ein Gewaffneter, und ihr werdet ihn sehen zittern und zagen wie einen Gefangenen, dem der Tod droht.

Aber selig ist der Mensch, der keinen Teil hat an seinem Tun! Selig ist der Mensch, der nicht schuld ist an der Armut eines seiner Nebenmenschen! Selig ist der Mensch, der von keinem Armen Gaben oder Gewinn in seiner Hand hat! Selig seid ihr, wenn euer Mund rein ist von harten Worten und eure Augen von harten Blicken! Selig seid ihr, wenn der Arme euch segnet, und wenn Witwen und Waisen Tränen des Dankes über euch zu Gott weinen! Selig ist der Mensch, der in der Liebe wandelt vor dem Herrn, seinem Gott, und vor allem seinem Volk! Selig seid ihr, ihr Frommen! kommet und freuet euch beim Mahle des Herrn der Liebe! Der Herr, euer Gott, ist euer Vater. Die Pfänder der Liebe aus seiner Hand werden euch erquicken, und das Heil eures Herzens wird wachsen, weil eure Liebe gegen Gott, euern Vater und gegen die Menschen, eure Brüder, wachsen und stark werden wird.

Aber ihr, die ihr ohne Liebe wandelt und in euerm Tun nicht achtet, daß Gott euer Vater ist, daß eure Nebenmenschen Kinder eures Gottes sind, und daß der Arme euer Bruder ist – ihr Gottlosen, was tut ihr hier? Ihr, die ihr morgen wieder wie gestern den Armen drücken und drängen werdet, was tut ihr hier? Wollt ihr das Brot des Herrn essen und seinen Kelch trinken, und sagen, daß ihr ein Leib und ein Herz, ein Geist und eine Seele mit euern Brüdern seid? Verlasset doch diese Vorhöfe, und meidet das Mahl der Liebe! Bleibet, bleibet von hinnen, daß der Arme nicht beim Mahle des Herrn über euerm Anblick erblasse, und daß er in der Stunde seiner Erquickung nicht denken müsse, ihr werdet ihn morgen erwürgen. Gönnet, ach gönnet ihm doch diese Stunde des Friedens, daß er Ruhe habe vor euch, und euch nicht sehe; denn der Arme zittert vor euch, und dem Waisen klopft das Herz, wo ihr um den Weg seid. – Aber warum rede ich mit euch? Ich verschwende umsonst meine Worte. Ihr geht nicht von da weg, wo ihr Menschen kränken könnet. Wo ihr sie vor euch zitternd und angstvoll sehet, da ist euch wohl, und ihr meinet, es müsse wie ihr niemand Ruhe haben in seinem Herzen. Aber ihr irret euch! Siehe, ich wende mich von euch weg, als ob ihr nicht da wäret; und ihr, Arme und Gedrückte in meiner Gemeinde, wendet euch von ihnen weg, als ob ihr sie nicht sähet, als ob sie nicht da wären. Der Herr ist da, auf den ihr hoffet; der Herr ist da. Glaubet und trauet auf ihn, und die Frucht eurer Trübsale und eurer Leiden wird euch zum Segen werden. Glaubet und trauet dem Herrn, eurem Gott, und fürchtet euch nicht vor den Gottlosen! Aber hütet euch vor ihnen! Geduldet euch lieber, traget lieber allen Mangel, leidet lieber Schaden, als daß ihr Hilfe suchet bei dem Hartherzigen; denn die Worte eines harten Mannes sind Lügen, und seine Hilfe ist eine Lockspeise, womit er den Armen fängt, um ihn zu töten. Darum fliehet den Gottlosen, wenn er euch lächelnd grüßet, wenn er seine Hand euch bietet, und die eure schüttelt und drückt. Wenn er euch alle seine Hilfe anträgt, so fliehet; denn der Gottlose verstrickt den Armen. Fliehet vor ihm, und bindet nicht mit ihm an! Aber fürchtet ihn nicht, wenn ihr ihn sehet stehen fest und groß, wie die hohe Eiche fest und groß; fürchtet ihn nicht!

Gehet hin, ihr Lieben, in euren Wald, an den Ort, wo die hohen alten Eichen standen, und sehet, wie die kleinen Bäume, die unter ihrem Schatten serbten, jetzt zugenommen haben, wie sie grünen und blühen. Die Sonne scheint jetzt wieder auf die jungen Bäume, und der Tau des Himmels fällt auf sie in seiner Pracht, und die großen, weiten Wurzeln der Eiche, die alle Nahrung aus der Erde sogen, faulen jetzt, und geben den jungen Bäumen Nahrung, die im Schatten der Eiche serbten. Darum hoffet auf den Herrn; denn seine Hilfe mangelt denen nie, die auf ihn hoffen. Der Tag des Herrn wird über den Gottlosen kommen, und an demselben Tage wird er, wenn er den Unterdrückten und Elenden ansehen wird, heulen und sprechen: Wäre ich wie dieser einer! Darum trauet auf den Herrn, ihr Betrübten und Unterdrückten, und freuet euch, daß ihr den Herrn erkennet, der das Mahl der Liebe eingesetzt hat; denn durch die Liebe traget ihr der Erde Leiden wie einen Schatz von dem Herrn, und unter euren Lasten wachsen eure Kräfte und euer Segen. Darum freuet euch, daß ihr den Herrn der Liebe erkennet; denn ohne Liebe würdet ihr erliegen und werden wie die Gottlosen, die euch plagen und betrügen. Lobpreiset den Herrn der Liebe, daß er das Abendmahl eingesetzt, und unter seinen Millionen auch euch zu seinem heiligen Geheimnis berufen hat! Lobpreiset den Herrn! Die Offenbarung der Liebe ist die Erlösung der Welt. Liebe ist das Band, das den Erdkreis verbindet. Liebe ist das Band, das Gott und Menschen verbindet. Ohne Liebe ist der Mensch ohne Gott, und ohne Gott und ohne Liebe, was ist der Mensch? Dürft ihr es sagen, dürft ihr es aussprechen, dürft ihr es denken, was der Mensch ist ohne Gott und ohne Liebe? Ich darf es nicht sagen, ich kann es nicht aussprechen. Nicht Mensch – Unmensch ist der Mensch ohne Gott und ohne Liebe. Darum freuet euch, daß ihr den Herrn der Liebe erkennet, der den Erdkreis von der Unmenschlichkeit zur Liebe, von der Finsternis zum Licht und vom Tod zum ewigen Licht berufen hat! Freuet euch, daß ihr den Herrn erkennet, und betet für alle die, so ihn nicht erkennen, daß sie zur Erkenntnis der Wahrheit und zu eurer Freude gelangen!

Meine Kinder, kommet zum heiligen Mahl eures Herrn. Amen!

Nachdem der Pfarrer dieses gesagt, und fast eine Stunde seine Gemeinde christlich gelehrt hatte, betete er mit ihnen, und die ganze Gemeinde nahm das Nachtmahl des Herrn. Der Vogt Hummel aber diente zu beim Nachtmahl des Herrn. Und nachdem alles Volk dem Herrn gedankt hatte, sangen sie wieder ein Lied, und der Pfarrer segnete die Gemeinde, und ein jeder ging in seine Hütte.


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