Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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45.
Die Frau sagt ihrem Manne große Wahrheiten, aber viele Jahre zu spät.

Die Vögtin erschrak über diese Reden ihres Mannes heftig; sie wußte aber nicht, was sie sagen sollte, und schwieg, so lange er redete, ganz still. Jetzt schwiegen beide eine Weile; endlich aber fing die Vögtin wieder an, und sagte zu ihm: Es ist mir angst und bang wegen allem, was du gesagt hast. Du mußt diesen Gesellen entsagen. Das Ding geht nicht gut, und wir werden älter.

Vogt. Du hast durchaus recht; aber es ist gar nicht leicht.

Vögtin. Es mag schwer sein oder nicht, es muß sein; sie müssen dir vom Hals.

Vogt. Du weißt wohl, wie viel mich an sie bindet, und was sie wissen.

Vögtin. Du weißt noch viel mehr von ihnen. Sie sind Schelme, und dürfen nichts sagen. Du mußt dich von ihnen losmachen.

Der Vogt seufzt, die Frau aber fährt fort: Sie fressen und saufen immer bei dir, und zahlen dich nicht; und wenn du besoffen bist, so lassest du dich noch von ihnen anführen wie ein Tropf. Denk' doch um Gottes willen nur, wie es gestern mit dem Joseph gegangen ist. Ich habe dir – ach mein Gott, wie gut habe ich es gemeint! – raten wollen; aber wie bist du mit mir umgegangen? Und ohne das sind auch gestern zwei Taler aus deinem Kamisolsack weiter spaziert, und sind nicht einmal aufgeschrieben. Wie lange kann das noch gehen? Wenn du bei deinen schlimmen Händeln nachrechnest, was nebenhin gegangen ist, so hast du bei allem verloren; und doch fährst du noch immer fort mit diesen Leuten, und oft und viel nur um deines gottlosen Hochmutes willen. Bald muß dir so ein Hund reden, was du willst, und bald ein anderer schweigen, wo du willst. Dafür fressen und saufen sie dann bei dir; und zum schönen Dank, wenn dich einer kann in eine Grube bringen, so tut er es. Ja vor alters, da dich alles fürchtete wie ein Schwert, da konntest du die Burschen in Ordnung halten; aber jetzt bist du ihrer nicht mehr Meister. Und zähle darauf, du bist ein verlorner Mann in deinen alten Tagen, wenn du dich von ihnen nicht los machst. Es steht so schlüpfrig um uns, als es nur sein kann. Sobald du weg bist, lachen und narren die Knechte, arbeiten nicht, und wollen nur saufen.

So sagte die Frau. Der Vogt aber antwortete auf alles kein Wort, sondern saß stillschweigend und staunend vor ihr, da sie so redete. Endlich stand er auf, und ging in den Garten, aus dem Garten in seine Brunnenmatte, aus dieser in den Pferdestall. Angst und Sorgen trieben ihn so umher; doch blieb er eine Weile im Pferdestall, und redete da mit sich selber:


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