Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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105.
Etwas aus des Pfarrers Predigt.

Erst dann fing der Pfarrer an, und redete mit dem Volke über den Vogt, über sich selbst, über das Elend der Sünde und über das Glück des Rechttuns. Es war, wie wenn er einem jeden aus dem Herzen redete; wie wenn er einem jeden in seine Wohnstube hineindringe, und abmale, wie er mit Weib und Kind, mit Vater und Bruder, mit Knecht und Magd umgehe; wie mancher mit Unvorsichtigkeit und Lieblosigkeit, mit Nachlässigkeit und Leichtsinn links und rechts um sich her aus guten Leuten böse mache, aus kleinen Fehlern große veranlasse, und so selber die Liebsten, die er in der Welt habe, anstatt glücklich, ruhig und zufrieden, unglücklich und elend mache, und in eine bedauernswürdige Lage versetze. So war der Vogt in der Hand des Pfarrers ein Spiegel, um das Leben seiner Gemeinde schaubar zu machen. Das Volk sah in dem unglücklichen Manne sich selber, und der Segen des Herrn war mit dem Pfarrer. Ihrer viele vergaßen ob seiner Rede den Vogt, und fühlten jetzt nur sich selber, und dachten jetzt nur an sich selber. Ein paar Stellen aus seinem Vortrage muß ich doch hersetzen. Sie lauten also: Liebe Menschen! Keines von euch allen meine ja, daß ihm dieses nicht auch hätte begegnen können. Hebet eure Augen auf, und sehet, warum steht der arme Mann vor euch? Antwortet! Warum anders, als weil er hochmütig, geizig, hartherzig und undankbar gegen Gott und Menschen war? So hebet nun eure Augen auf vor dem Angesichte Gottes, und redet: Wer unter euch ist nicht geizig, hartherzig und undankbar? Redet, redet! Rede, Mann, Weib! stehe auf und rede! Ist einer unter euch nicht hochmütig, nicht geizig, nicht hartherzig, nicht undankbar? Er stehe auf! er sei unser Lehrer! Ich will zu seinen Füßen sitzen, und ihn hören und ihm anhangen, wie ein Kind seinem Vater anhanget. Denn ich, o Herr, bin ein Sünder, und meine Seele ist nicht rein von allem dem Bösen, um deswillen der arme Mann vor euch leidet.

Ueber den Unterschied zwischen der Sünde in ihrem Anfang und zwischen der größten Verwilderung, in welcher der Vogt lebte, sagte er ihnen folgendes Gleichnis: Es ist ein großer Unterschied zwischen einer Kornähre und einem ganzen Viertel Frucht. Aber wenn du die Aehre säest, und übers Jahr schneidest, so hast du vielleicht hundert; und säest du hundert wieder, so hast du im zweiten Jahre von einer einzigen Aehre dein Viertel Frucht. Liebe Menschen, wenn der Same des Bösen in uns lebt, keimt und wurzelt, so trägt er Frucht; und wie die einzige Aehre mit Zeit und Jahren ein Viertel Frucht bringt, so wird deine Sünde, o Mensch, mit Zeit und Jahren stark und schwer in dir. Darum halte den Unterschied des Samenkornes und der Frucht, die du mit Vierteln missest, nicht größer als er ist; und denke nicht, daß du nicht ob jeder Sünde werden könnest, was dieser arme Tropf, wenn du nicht mit Mühe und Arbeit ihren Samen in dir selber zu ersticken und auszurotten trachtest.

Ein andermal sagte er: Meine Kinder, sehet jetzt die Gerechtigkeit der Welt, und zittert. Die Gerechtigkeit der Erde zermalmet, zerknirscht und tötet. Weinet über den Elenden und über alle Menschen, die in die Hand der Gerechtigkeit fallen, und bittet Gott, daß sich die Fürsten je länger je mehr dieser Armen und Elenden erbarmen, und ihre Leiden nie größer machen, als die Not es erfordert. Und, meine Kinder, werdet selber immer menschlicher, schonender und gewissenhafter gegen solche Unglückliche, und glaubet, das Beispiel der Knechte, die mit ihren Mitknechten, welche im Unglück sind, Mitleid zeigen, muß auch auf die Herren der Erde wirken, daß auch sie mitleidig und schonend gegen Unglückliche werden.


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