Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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56.
Es wird ernst, der Vogt muß nicht mehr Wirt sein.

Da der Vogt ins Schloß kam, ließ ihn Arner lange warten; endlich kam er heraus auf die Laube (Vorsaal), und fragte ihn mit Unwillen: Was ist das, warum hießest du heute die Leute alle ins Schloß kommen, ohne Befehl?

Ich glaubte, es wäre meine Pflicht, den Männern zu raten, Euer Gnaden für die Arbeit zu danken, antwortete der Vogt.

Arner erwiderte: Deine Pflicht ist, zu tun, was mir und meinen Untergebenen nützlich ist, und was ich dir befehle; aber gar nicht, arme Leute im Felde herumzusprengen, und sie Komplimente zu lehren, die nichts nützen, und die ich nicht suche. Das aber, warum ich dich habe hieher kommen lassen, ist, dir zu sagen, daß ich die Vogtsstelle nicht länger in einem Wirtshause lasse.

Der Vogt erblaßte, zitterte, und wußte nicht, was er antworten wollte; denn er hatte nichts weniger als einen so plötzlichen Entschluß erwartet.

Arner fuhr fort: Ich will dir die Wahl lassen, welches von beiden du lieber bleiben willst; aber in vierzehn Tagen will ich deinen Entschluß wissen.

Der Vogt hatte sich wieder etwas erholt, und dankte stammelnd für die Bedenkzeit.

Arner erwiderte: Ich übereile niemanden gern, und ich suche dich nicht zu unterdrücken, alter Mann; aber diese zwei Berufe schicken sich nicht zusammen.

Diese Güte Arners machte dem Vogte Mut. Er antwortete: Es haben doch bisher alle Vögte Ihrer Herrschaft gewirtet, und in allen Landen unsers Fürsten ist das eine allgemeine Sitte.

Arner aber war kurz, und sagte: Du hast jetzt meine Meinung gehört! nimmt dann den Taschenkalender, und sagt ferner: Heute ist der zwanzigste März, und in vierzehn Tagen wird der dritte April sein. Also auf den dritten April erwarte ich deine Antwort; weiter habe ich dermalen nichts zu sagen. Arner zeichnete noch den Tag in seinen Kalender, und ging dann in seine Stube.


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