Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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18.
Ein armer Knabe bittet ab, daß er Erdäpfel gestohlen hat, und die Kranke stirbt.

Rudi nahm jetzt den Kleinen an die Hand, und ging mit ihm. Gertrud war allein bei Hause, als sie kamen, und sah bald, daß der Vater und der Knabe Tränen in den Augen hatten. Was willst du, Nachbar Rudi? warum weinest du? warum weint der Kleine? fragte sie liebreich, und bot dem Kleinen die Hand.

Ach, Gertrud, ich bin im Unglück, antwortete Rudi. Ich muß zu dir kommen, weil der Rudeli euch etlichemal aus euerer Grube Erdäpfel genommen hat. Die Großmutter hat es gestern gemerkt, und er hat es ihr bekannt. Verzeih' es uns, Gertrud! Die Großmutter ist auf dem Todbett, ach, mein Gott! sie hat soeben Abschied von uns genommen. Ich weiß vor Angst und Sorgen nicht, was ich sage. Gertrud, sie läßt dich auch um Verzeihung bitten. Es ist mir leid, ich kann sie dir jetzt nicht zurückgeben; aber ich will gerne ein paar Tage kommen und dir dafür arbeiten. Verzeih' es uns! Der Knabe hat es aus dringendem Hunger getan.

Gertrud. Schweig' einmal hievon, Rudi! Und du, lieber Kleiner, komm, versprich mir, daß du niemanden etwas mehr nehmen wollest. Sie küßt ihn, und sagt: Du hast eine brave Großmutter; werde doch auch so fromm und brav wie sie!

Rudeli. Verzeihe mir, Frau! ich will, weiß Gott, nicht mehr stehlen.

Gertrud. Nein, Kind, tue es nicht mehr! Du weißt jetzt noch nicht, wie elend und unglücklich alle Diebe werden. Tue es doch nicht mehr! und wenn dich hungert, so komm lieber zu mir, und sage es mir; wenn ich kann, will ich dir etwas geben.

Rudi. Ich danke Gott, daß ich jetzt bei der Kirche zu verdienen habe, und hoffe, der Hunger werde ihn nun auch nicht mehr zu so etwas verleiten.

Gertrud. Es hat mich und meinen Mann gefreut, daß der Junker mit dem Verdienst auch an dich gedacht hat.

Rudi. Ach, es freut mich, daß die Mutter noch diesen Trost erlebt hat. Sage doch deinem Manne, ich wolle ihm ehrlich und treu arbeiten, und früh und spät, und ich wolle mir die Erdäpfel doch auch herzlich gern am Lohn abziehen lassen.

Gertrud. Davon ist keine Rede, Rudi; mein Mann tut das gewiß nicht. Wir sind, gottlob, durch den Bau jetzt auch erleichtert. Rudi, ich will mit dir zu deiner Mutter gehen, wenn es so schlimm ist. – Sie füllt dem Rudeli seinen Sack mit dürrem Obst, und sagt ihm noch einmal: Du Lieber, nimm doch niemanden etwas mehr! und geht dann mit dem Rudi zu seiner Mutter. Und als er unter einem Nußbaum Laub zusammenlas, die Decke ihres Bettes besser zu füllen, half ihm Gertrud Laub aufsammeln, und dann eilten sie zu ihr hin.

Gertrud grüßte die Kranke, nahm ihre Hand, und weinte.

Du weinest, Gertrud? sagte die Großmutter: wir sollten weinen. Hast du uns verziehen?

Gertrud. Ach, was verziehen? Kathrine, eure Not geht mir zu Herzen, und noch mehr deine Güte und Sorgfalt. Gott wird deine Treue und deine Sorgfalt gewiß noch an den Deinen segnen, du Gute.

Katharine. Hast du uns verziehen, Gertrud?

Gertrud. Schweig' doch hievon, Kathrine! Ich wollte, ich könnte bei deiner Krankheit dir in etwas helfen.

Katharine. Du bist gut, Gertrud. Ich danke dir; aber Gott wird bald helfen. Rudeli, hast du sie um Verzeihung gebeten? hat sie dir verziehen?

Rudeli. Ja, Großmutter; sieh' doch, wie gut sie ist. (Er zeigt ihr den Sack voll dürres Obst.)

Wie ich schlummere! sagte die Großmutter. Hast du sie auch recht um Verzeihung gebeten?

Rudeli. Ja, Großmutter, es war mir gewiß Ernst.

Katharine. Es übernimmt mich ein Schlummer, und es dunkelt vor meinen Augen; ich muß eilen, Gertrud, sagte sie leise und gebrochen. Ich wollte dich doch noch etwas bitten; aber darf ich? – dieses unglückliche Kind hat dir gestohlen – darf ich dich noch bitten, Gertrud – wenn ich tot sein . . . diesen armen verlassenen Kindern . . . sie sind so verlassen . . . (sie streckt die Hand aus, die Augen sind schon zu) – darf ich hoffen . . . folge ihr Rudeli . . . Sie verschied, ohne ausreden zu können.

Der Rudi glaubte, sie sei nur entschlafen, und sagte den Kindern: Rede keines ein Wort! sie schläft. Wenn sie sich auch wieder erholte! Gertrud aber vermutete, daß es der Tod sei, und sagte es dem Rudi.

Wie jetzt dieser und wie alle Kleinen die Hände zusammenschlugen, und trostlos waren, das kann ich nicht beschreiben. Leser, laß mich schweigen und weinen; denn es geht mir ans Herz, wie die Menschheit im Staube der Erde zur Unsterblichkeit reifet, und wie sie im Prunk und Tand der Erde unreif verwelket.

Menschheit, wäge doch, wäge doch den Wert des Lebens auf dem Todbette des Menschen! Und du, der du den Armen verachtest, bemitleidest und nicht kennest, sage mir, ob der also sterben kann, der unglücklich gelebt hat! Aber ich schweige, ich will euch nicht lehren, Menschen. Nur hätte ich gern, daß ihr selbst die Augen öffnetet und euch selbst umsähet, wo Glück und Unglück, Segen und Unsegen in der Welt ist.

Gertrud tröstete den armen Rudi, und sagte ihm noch den letzten Wunsch der edeln Mutter, den er in seinem Jammer nicht gehört hatte.

Der Rudi nimmt treuherzig ihre Hand: Wie mich die liebe Mutter reuet! Wie sie so gut war! – Gertrud, gelt, du willst auch an ihre Bitte denken?

Gertrud. Ich müßte ein Herz haben, wie ein Stein, wenn ich es vergessen könnte. Ich will an deinen Kindern tun, was ich kann.

Rudi. Ach, Gott wird dir vergelten, was du an uns tun wirst!

Gertrud kehrte sich gegen das Fenster, wischt ihre Tränen vom Angesicht, hebt ihre Augen gen Himmel, seufzt, nimmt dann den Rudeli und seine Geschwister, eins nach dem andern, mit warmen Tränen bei der Hand, besorgt die Tote zum Grabe, und geht erst, nachdem sie alles, was nötig war, getan hatte, wieder in ihre Hütte.


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