Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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158.
Ein aufgelöstes Rätsel und Arners Urteil über einen privilegierten Mörder.

Sie gingen mit ihm zum Spott den weitesten Weg über den Kirchhof. Der Kuni Friedeli und der Rütihans trugen ihn. Sie waren aber noch nicht weit, so tat auf einmal dem Kuni Friedeli der Arm weh. Der Doktor schien ihm zehnmal schwerer als im Anfang. Der Kopf war ihm voll von der Drohung, die er gegen diejenigen ausgesprochen hatte, die ihn anrühren würden, und meinte aufs wenigste, der Arm werde ihm für sein Lebtag lahm werden. Fast ohnmächtig stellte er den Mann unter der Linde ab, und griff hastig nach dem Orte, wo ihm der Arm schmerzte; und fand dann, daß ein messingener Knopf an seinem Wams just zwischen das Tragband und das Schulterbein gekommen war, und ihn gedrückt hatte.

Der Junker hatte dem Treufaug schon etlichemal seine Henkerstropfen zu brauchen verboten; jetzt aber verbot er es ihm nicht mehr. Brauche sie von jetzt an, so viel du willst, und so viel du kannst, sagte er zu ihm, und laß dir dafür bezahlen, was die Narren dafür zahlen wollen; ich will dir hierin nichts mehr in den Weg legen. Das einzige, was ich von dir fordere, ist dieses: wenn jemand unter deinen Händen stirbt, so mußt du ihm sein Grab machen. Da du aber alt, abgesoffen und vom Husten geplagt bist, daß du wohl nicht mehr graben kannst, so will ich dich auch in diesem Stücke schonen. Du kannst, wenn du graben solltest, nur einem Taglöhner deinen grauen Rock mit den vielen Knöpfen und deine schwarze Perücke leihen; und dieser kann dann in diesem Aufzuge für dich deinem Verstorbenen das Grab machen. Aber du mußt auf einem Stuhle neben ihm sitzen, vom ersten Karststreich an, bis er damit fertig ist; und das muß sein! Und wenn du mir jemand verschweigst, der unter deinen Händen gestorben ist, so sperre ich dich in einen Ort ein, wo du weder Sonne noch Mond sehen wirst.

Hiemit kehrte er sich von ihm weg, und ließ ihn gehen.


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