Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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40.
Ein Beweis, daß die predigt gut war; item, vom Wissen und Irrtum, und von dem, was es heiße den Armen drücken.

Der Vogt Hummel aber ergrimmte über die Rede des Pfarrers, die er über den Gottlosen gehalten hatte, in seinem Herzen; und am Tage des Herrn, den die ganze Gemeinde in stiller Feier heiligte, tobte und wütete er, schimpfte und redete er greuliche Dinge über den Pfarrer. Sobald er vom Tische des Herrn heimging, sandte er sogleich zu den gottlosen Gesellen seines Lebens, daß sie geschwind zu ihm kommen sollten. Diese waren bald da, und führten mit dem Vogt lasterhafte, leichtfertige Reden über den Pfarrer und über seine christliche Predigt.

Der Vogt fing zuerst an. Ich kann das verdammte Schimpfen und Sticheln nicht leiden, sagte er.

Es ist auch nicht recht, es ist Sünde; besonders an einem heiligen Tage ist es Sünde, daß er es tut, sagte Aebi.

Und der Vogt: Er weiß es, der Bösewicht, daß ich es nicht leiden kann; aber desto mehr tut er es. Es muß ihm ein rechtes Wohlleben sein, wenn er die Leute mit seinem Predigen und mit seinem Verdrehen alles dessen, was er nicht versteht, und was ihn nichts angeht, recht in Zorn und Wut bringen kann.

Aebi. Einmal der liebe Heiland und die Evangelisten und die Apostel im Neuen Testament haben niemanden geschimpft.

Christen. Das mußt du nicht sagen; sie haben auch geschimpft, und noch mehr als der Pfarrer.

Aebi. Das ist nicht wahr, Christen.

Christen. Du bist ein Narr, Aebi! Ihr blinden Führer, ihr Schlangen, ihr Otterngezüchte, und so Tausenderlei. Du verstehst die Bibel schön, Aebi.

Bauern. Ja, Aebi, es ist wahr, sie haben auch geschimpft.

Christen. Ja; aber Rechtshändel, die sie nicht verstanden, und Rechnungssachen, die vor der Obrigkeit ausgemacht und in der Ordnung sind, ahndeten sie doch nicht; und zudem, es waren andere Leute, die das wohl durften.

Bauern. Es versteht sich, es waren andere Leute.

Christen. Ja, es mußten wohl andere Leute sein; denn sonst hätten sie es nicht dürfen. Denket, wie sie es einst einem Annas – ja Annas hieß er – und hintennach auch seiner Frau machten. Nur daß sie eine Lüge sagten, sind sie zu Boden gefallen, und waren tot.

Bauern. Ist das auch wahr, um einer Lüge willen?

Christen. Ja, so wahr ich lebe, und da vor euch stehe.

Aebi. Es ist doch schön, wenn man die Bibel versteht.

Christen. Ich danke es meinem Vater unter dem Boden. Er war zwar, leider Gott erbarm! eben nichts Sonderbares. Er hat uns unser ganzes Muttergut durchgebracht bis auf den letzten Heller; und das könnte ich noch wohl verscherzen, hätte er sich nur nicht mit dem gehängten Uli so eingelassen. So etwas trägt man Kind und Kindeskindern nach. Aber lesen konnte er in der Bibel wie ein Pfarrer, und das mußten wir auch können; er ließ es keinem nach.

Aebi. Es hat mich tausendmal gewundert, wie er auch so ein Schlimmling hat sein können, da er doch so viel wußte.

Bauern. Ja, es ist freilich wunderlich.

Jost (ein Fremder, der eben im Wirtshaus ist). Ich muß nur lachen, Nachbarn, daß ihr euch hierüber verwundert. Wenn vieles Wissen die Leute brav machen würde, so wären ja eure Anwälte (Advokaten) und Tröler, eure Vögte und Richter, mit Respekt zu melden, immer die Bravsten.

Bauern. Ja, es ist so, Nachbar, es ist so.

Jost. Glaubt es nur, Nachbarn, es ist zwischen Wissen und Tun ein himmelweiter Unterschied. Wer aus dem Wissen allein sein Handwerk macht, der hat wahrlich sehr acht zu geben, daß er das Tun nicht verlerne.

Bauern. Ja, Nachbarn, es ist so; was einer nicht treibt, das verlernt er.

Jost. Natürlich, und wenn einer den Müßiggang treibt, so wird er nichts nütze; und so geht es denen, die sich aus Müßiggang und Langerweile auf Frägeln und Schwatzen legen. Gebt nur acht, die meisten dieser Bursche, die immer bald Kalender- und bald Bibelhistorien, bald die alten und bald die neuen Mandate in der Hand oder im Mund haben, sind Tagdieben. Wenn man mit ihnen etwas über Hausordnung, Kinderzucht, Gewinn und Gewerb reden will; wenn sie Rat geben sollen, wie dieses und jenes, das jetzt notwendig ist, anzugreifen wäre, so stehen sie da wie Tröpfe, und wissen nichts und können nichts. Nur da, wo man müßig ist, in Wirtshäusern, auf Tanzplätzen, bei dem Sonn- und Feiertagsgeschwätz, da wollen sie sich dann zeigen. Sie bringen aber Quacksalbereien, Dummheiten und Geschichten an, an denen hinten und vornen nichts wahr ist; und doch ist es weit und breit eingerissen, daß ganze Stuben voll brave Bauern bei Stunden so einem Großmaul, das ihnen eine Lüge nach der andern aufbindet, zuhören können.

Aebi. Es ist bei meiner Seele so, wie der Nachbar da sagt, und deinen Vater, Christen, hat er durch und durch abgemalt. Vollkommen so hatten wir es mit ihm. Dumm war er in allem, was Holz und Feld, Vieh und Futter, Dreschen und Pflügen und alles dergleichen betraf, wie ein Ochs, und zu allem, was er angreifen sollte, träg wie ein Hammel. Aber im Wirtshaus und bei den Kirchständen,Die Plätze, wo die Bauern, Mann und Weib, jung und alt, am Sonntag zwischen den Predigten und am Abend, leider Gott erbarm! lange Zeit zusammenstehen und schwatzen. bei LichtstubetenNächtliche Zusammenkünfte von Personen verschiedenen Alters und Geschlechts zur Unterhaltung durch Gespräche und gesellschaftliche Spiele. und auf den Gemeindplätzen redete er wie ein Weiser aus dem Morgenland, bald vom Doktor Faust, bald vom Herrn Christus, bald von der Hexe von Endor, oder der von Hirzau, und bald von den Stiergefechten in Mastricht und den Pferderennen in London. So toll und dumm er alles machte, und so handgreiflich er Lügen aufband, so hörte man ihm dennoch immer gern zu, bis er fast gehenkt wurde. Da hat endlich sein Kredit mit dem Erzählen abgenommen.

Jost. Das ist ziemlich spät.

Aebi. Ja, wir waren lange Narren, und zahlten ihm manchen guten Krug Wein für lauter Lügen.

Jost. Ich denke, es wäre ihm besser gewesen, ihr hättet ihm keinen bezahlt.

Aebi. Bei Gott! ich glaube selbst, wenn wir ihm keinen bezahlt hätten, so wäre er nicht unter den Galgen gekommen. Er hätte alsdann arbeiten müssen.

Jost. So ist ihm eure Gutherzigkeit eben übel bekommen.

Bauern. Jawohl, in Gottes Namen!

Jost. Es ist ein verflucht verführerisches Ding um das müßiggängerische Histörlein-Aufsuchen und Histörlein-Erzählen, und gar heillos, die Bibel in diesem Narrenzeitvertreib hineinzuziehen.

Leupi. Mein Vater hat mich einst tüchtig geprügelt, da ich über so einem Histörlein – ich glaube, es war auch aus der Bibel – vergessen hatte, das Vieh ab der Weide zu holen.

Jost. Er hatte auch recht. Tun, was in der Bibel steht, ist unsereinem seine Sache, und davon erzählen des Pfarrers. Die Bibel ist ein Mandat, ein Befehl; und was würde der Kommandant zu dir sagen, wenn er einen Befehl ins Dorf schickte, man sollte Fuhren in die Festung tun, und du dann, anstatt in den Wald zu fahren und zu laden, dich in ein Wirtshaus setztest, den Befehl zur Hand nähmst, ihn abläsest, und den Nachbarn bei deinem Glas Wein bis auf den Abend erklärtest, was er ausweise und wolle?

Aebi. Ha, was würde er mir sagen? Alle Schand und Spott würde er mir sagen, und mich ins Loch werfen lassen, daß ich ihn für einen Narren gehalten hätte.

Jost. Und just das sind die Leute auch wert, die aus lauter Müßiggang, und damit sie im Wirtshaus Histörlein erzählen können, in der Bibel lesen.

Christen. Ja, aber man muß doch darin lesen, damit man den rechten Weg nicht verfehle.

Jost. Das versteht sich; aber die, so bei allen Stauden stille stehen, und vor allen Brunnen und Marksteinen und Kreuzen, die sie auf dem Weg antreffen, Geschwätz treiben sind nicht die, welche auf dem Wege fortwandeln wollen.Man verwundert sich wahrscheinlich über die Ernsthaftigkeit des Gesprächs, an welchem ausgezeichnete Lumpen und Säufer teilnehmen; aber es gibt Gesichtspunkte von Sachen, welche diese Leute interessieren wie unsereinen, und Augenblicke, wo sie sehr ernsthaft und nach ihrer Art sehr naiv und richtig von allen Dingen reden und urteilen; und man ist sehr irrig, wenn man den liederlichen Bauer und Säufer sich immer als einen besoffenen Trunkenbold ohne Verstand und ohne Teilnehmung an ernsten Sachen vorstellt. Er ist nur alsdann so beschaffen, wenn er wirklich zu viel getrunken hat, und das war jetzt noch nicht der Fall.

Aebi. Aber wie ist denn das, Nachbar? Man sagt sonst, man trage an nichts zu schwer, das man wisse; aber es dünkt mich, man könne am Vielwissen auch zu schwer tragen.

Jost. Ja freilich, Nachbar. Man trägt an allem zu schwer, was einen an etwas Besserm und Notwendigerm versäumt. Man muß alles nur wissen um des Tuns willen; wenn man sich aber darauf legt, um des Schwatzens willen viel wissen zu wollen, so wird man gewiß nichts nütze. Es ist mit dem Wissen und Tun wie mit einem Handwerk. Ein Schuhmacher zum Beispiel muß arbeiten, das ist seine Hauptsache. Er muß aber auch das Leder kennen und seinen Einkauf verstehen; das ist das Mittel, durch welches er in seinem Handwerk wohl fährt. Und so ist es in allem. Tun und Ausüben ist für alle Menschen immer die Hauptsache; Wissen und Verstehen ist das Mittel, durch welches sie in ihrer Hauptsache wohl fahren. Aber darum muß sich auch alles Wissen des Menschen nach dem richten, was er auszuüben und zu tun hat, oder was für ihn die Hauptsache ist.

Aebi. Jetzt fange ich es bald an zu merken. Wenn man den Kopf mit zu vielem und fremdem voll hat, so hat man ihn nicht bei seiner Arbeit und bei dem, was allemal am nötigsten ist.

Jost. Eben das ist es. Gedanken und Kopf sollten einem jeden bei dem sein, was ihn am nächsten angeht; ich wenigstens mach' es so. Ich habe keine Wassermatten; darum liegt es mir nicht schwer im Kopf, wie man wässern muß, und bis ich eigenes Gehölz habe, sinne ich gewiß nicht mit Mühe nach, wie man es am besten besorge; aber meine Güllenbehälter sind mir wohl im Kopf, weil sie meine magern Matten fett machen. So würde es in allen Ecken gut gehen, wenn ein jeder das Seine recht im Kopf hätte. Man kömmt immer früh genug zum Vielwissen, wenn man lernt recht wissen; und recht wissen lernt man nie, wenn man nicht in der Nähe bei dem Seinigen und bei dem Tun anfängt. Auf diese Weise kömmt das Wissen in seiner Ordnung in den Kopf, und man kömmt gewiß weit im Leben, wenn man so anfängt; aber beim müßigen Schwatzen von Kalenderhistorien oder andern Träumen aus den Wolken und aus dem Mond lernt man gewiß nichts als liederlich werden.

Aebi. Man fängt das in der Schule an.

Während des ganzen Gesprächs stand der Vogt am Ofen, staunte, wärmte sich, hörte kaum, was sie sagten, und sprach nur wenig und ganz verwirrt in das, was sie redeten. Er vergaß sogar den Wein bei seinem Staunen; darum währte auch das Gespräch mit dem Aebi und dem Fremden so lange. Vielleicht aber hat er seinen Kram nicht gerne ausgeleert, bis der Fremde ausgetrunken hatte, und fort war; denn er fing endlich auf einmal an, und sagte ihnen, als ob er es bei seinem langen Staunen auswendig gelernt hätte: »Der Pfarrer kömmt immer mit dem, daß man die Armen drücke. Wenn das, was er die Armen drücken heißt, niemand täte, so wären – mich soll der Teufel holen, wenn es nicht so ist! – gar keine Armen in der Welt. Aber wo ich mich umsehe, vom Fürsten an bis zum Nachtwächter, von der ersten Landeskammer bis zur letzten Dorfgemeinde, sucht alles seinen Vorteil, und drückt jedes gegen das, was ihm im Wege steht. Der alte Pfarrer hat selbst Wein ausgeschenkt wie ich, und Heu und Korn und Hafer so wohlfeil an die Zahlung genommen, als ich es immer bekomme. Es drückt in der Welt alles den Niedern; ich muß mich auch drücken lassen. Wer etwas hat, oder zu etwas kommen will, der muß drücken, oder er muß das Seine wegschenken und betteln. Wenn der Pfarrer die Armen kennte wie ich, er würde nicht so viel Kummer für sie haben; aber es ist ihm nicht um die Armen. Er will nur schimpfen, und die Leute hintereinander richten und irre machen. Ja, die Armen sind Bursche! Wenn ich zehen Schelme nötig habe, so finde ich eilf unter den Armen.Der Erzschelm vergißt, daß die reichen Schelme für sich selbst schaffen, und sich darum nicht brauchen lassen. Ich wollte wohl gerne, man brächte mir mein Einkommen auch alle Fronfasten richtig ins Haus; ich würde zuletzt wohl auch lernen, es fromm und andächtig abnehmen. Aber in meinem Gewerb, auf einem Wirtshaus und auf Bauernhöfen, wo alles auf den Heller ausgespitzt sein muß, und wo man einen auch in allen Ecken rupft, da hat es eine andere Bewandtnis. Ich wette, wer da gegen Taglöhner und Arme nachsichtig und weichmütig handeln wollte, der würde um Habe und Gut kommen; denn das sind allenthalben Schelme.«

So redete der Vogt, und verdrehete sich selber in seinem Herzen die Stimme seines Gewissens, die ihn unruhig machte, und ihm laut sagte, daß der Pfarrer recht habe, und daß er der Mann sei, der allen Armen im Dorf den Schweiß und das Blut unter den Nägeln hervordrücke. Aber wie er auch mit sich selber künstelte, so war ihm doch nicht wohl. Angst und Sorgen quälten ihn sichtbar. Er ging in seiner Unruhe beklemmt die Stube hinauf und hinunter. Alsdann sagte er wieder: »Ich bin so erbittert über des Pfarrers Predigt, daß ich nicht weiß, was ich tue, und es ist mir sonst nicht wohl. Ist es auch so kalt, Nachbarn? Es friert mich immer, seitdem ich daheim bin.«

Nein, sagten die Nachbarn, es ist nicht kalt; aber man sah dir es in der Kirche schon an, daß dir nicht wohl ist. Du sahest todblaß aus.

Vogt. Sah man nur es an? Ja es war mir schon da wunderlich. Ich kriege das Fieber; es ist mir so blöde. Ich muß saufen; wir wollen in die Hintere Stube gehen während der Predigt.


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