Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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106.
Wenn so ein Pfarrer in die Gefängnisse und Zuchthäuser eines Reiches Einfluß hätte, er würde die Grundsätze, mit den Gefangenen umzugehen, in ein Licht setzen, das himmelrein leuchtete.

Da er ausgeredet hatte, stieg er von der Kanzel, saß noch eine Weile bei dem Unglücklichen, redete mit ihm brüderlich, wie er es heute den ganzen Tag getan hatte. Da der arme Mensch jetzt bald fort sollte, sah er ihm es an, daß er vor Ermattung und Schwäche fast einsinke, und vernahm, daß er noch ganz nüchtern sei. Du mußt nicht also an deinen Ort hin, sagte er alsobald, und ließ ihm sogleich aus dem Pfarrhause etwas zu essen und zu trinken in die Kirche hinunter bringen. Hans, der es brachte, stellte es gerade auf den Taufstein, bei dem sie standen. Aber dieses ärgerte den Sigrist; er stupste den Hans, und winkte ihm, er solle es doch anders wohin stellen. Dieser wollte auch ungesäumt folgen; aber der Pfarrer sagte: Hans, laß es nur stehen; das macht gar nichts.

Und der Pfarrer hatte recht. Was die Liebe heiliget, verunreinigt den Altar nicht; aber der Altar, auf dem die Liebe entheiliget wird, verunreiniget das Heilige, dem er selbst geweiht ist. Alles, auch das Heiligste, wird in der Hand der Lieblosigkeit unheilig, und der Wein und das Brot, das der Pfarrer in reiner Liebe herbrachte, stand mit Recht auf dem Taufstein.

Nachdem der Vogt also auf dem Taufsteine gegessen und getrunken hatte, und so alles mitleidig und liebreich um ihn herumstand, sagte der Pfarrer zu ihm: Willst du jetzt nicht auch gerne die Leute alle, von denen vielleicht wenige sind, die du nicht beleidigt und gekränkt hast, um Verzeihung bitten? – Ach, mein Gott, gerne, Herr Pfarrer, sagte der Vogt, wandte sich gegen die Umstehenden, und sprach: Verzeihet mir doch alle um Gottes willen! Er konnte nicht mehr reden, aber er sah sie alle so wehmütig und niedergeschlagen an, daß jedermann weich ward. Weiber und Männer streckten ihm von allen Seiten die Hände dar, und sagten: Es ist mehr als verziehen! Wie es ihn freute, daß ihm alles die Hand hinstreckte; wie er lange rechts und links mit beiden Armen nach allen Händen haschte, und mit hunderterlei Bewegungen zitternd eine jede drückte – das kannst du dir vorstellen, Leser, aber beschreiben kann ich es nicht. Nach einer Weile sagte der Pfarrer zum Vogt: Ich denke, Vogt, wir wollen jetzt in Gottes Namen gehen. Der Vogt sah ihn barmherzig (um Erbarmung flehend) an, und konnte nicht reden. Es muß in Gottes Namen einmal sein, erwiderte der Pfarrer, nahm ihn bei der Hand, machte ihn aufstehen, und sagte: Mit Zaudern machst du dir es nur schwerer; komm jetzt in Gottes Namen, und leide mit Geduld, was du zu leiden hast. Achte nicht, was um dich her ist, und was man um dich herum macht, und denke jetzt nur an dich selber.


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