Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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17.
Die kranke Frau handelt vortrefflich.

Und die Kranke erkannte ihn an seinem Husten und sagte: O Gott, Rudi, es ist der Vogt. Gewiß sind das Brot und der Anken (Butter), wovon du mir Suppen kochest, noch nicht bezahlt.

Rudi. Um Gottes willen, bekümmere dich nicht, Mutter! es ist nichts daran gelegen. Ich will ihm arbeiten und in der Ernte schneiden, was er will.

Ach, er wartet dir nicht, sagte die Mutter. Und der Rudi geht aus der Stube zum Vogt; die Kranke aber seufzt bei sich selber und sagt: Seit unserm Handel – Gott verzeih' ihn dem armen verblendeten Tropf! – ist mir immer ein Stich ins Herz gegangen, wenn ich ihn sah; und – ach Gott! – in meiner nahen Stunde muß er noch vor mein Fenster kommen und husten. Es ist Gottes Wille, daß ich ihm ganz, daß ich ihm jetzt verzeihe; und den letzten Groll überwinde, und für seine Seele bete. Ich will es tun. – Gott, du leitest den Handel; verzeih' ihm! Vater im Himmel, verzeih' ihm!

Sie hört jetzt den Vogt laut reden, erschrickt und sagt: Ach Gott! er ist zornig. O du armer Rudi! Du kommst um meinetwillen unter seine Hände. Sie hört ihn noch einmal reden, und sinkt in Ohnmacht.

Der Rudeli springt aus der Stube zum Vater, und ruft ihm: Vater! komm doch, komm doch! die Großmutter ist, glaub' ich, tot.

Der Rudi antwortete: Herr Jesus! Vogt, ich muß in die Stube.

Und der Vogt: Ja es tut not; das Unglück wird gar groß sein, wenn die Hexe einmal tot sein wird.

Der Rudi hörte nicht, was er sagte, und war schnell in der Stube. Die Kranke erholte sich bald wieder; und wie sie die Augen öffnete, sagte sie: Er war zornig, Rudi; er will dir gewiß nicht warten?

Rudi. Nein, Mutter, es ist etwas recht Gutes. Aber hast du dich auch wieder recht erholt?

Ja, sagt die Mutter, ernsthaft und wehmütig ihn ansehend. Was Gutes kann dieser bringen? Was sagst du? Willst du mich trösten und du allein leiden? Er hat dir gedroht.

Rudi. Nein, weiß Gott, Mutter! er hat mir angesagt, ich sei Taglöhner beim Kirchbau, und der Junker zahle einem des Tags 25 Kreuzer.

Die Mutter. Herr Gott! ist das auch wahr?

Rudi. Ja gewiß, Mutter! und es ist da mehr als für ein ganzes Jahr Arbeit.

Die Mutter. Nun sterbe ich leichter, Rudi. Du bist gut, mein lieber Gott! Sei doch bis an ihr Ende ihr guter Gott! Und, Rudi, glaub' es doch ewig fest: Je größer Not, je näher Gott! Sie schwieg jetzt eine Weile; dann sagte sie wieder: Ich glaube, es sei mit mir aus; mein Atem nimmt alle Augenblicke ab. Wir müssen scheiden, Rudi; ich will Abschied nehmen.

Der Rudi bebt, zittert, nimmt seine Kappe ab, fällt auf seine Kniee vor dem Bette seiner Mutter, faltet seine Hände, hebt seine Augen gen Himmel, und kann vor Tränen und Schluchzen nicht reden.

Dann sagt die Mutter: Fasse Mut, Rudi, zu hoffen aufs ewige Leben, wo wir uns wiedersehen werden. Der Tod ist ein Augenblick, der vorüber geht! ich fürchte ihn nicht. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und daß er, mein Erretter, wird über meinem Staube stehen; und nachdem sich meine Haut wiederum wird über das Gebein gezogen haben, alsdann werde ich in meinem Fleische Gott sehen. Meine Augen werden ihn sehen, und nicht eines andern.

Der Rudi hat sich wieder erholt und sagte: So gib mir deinen Segen, Mutter! Will's Gott, komme ich dir auch bald nach ins bessere Leben.

Und dann die Mutter: Erhöre mich, Vater im Himmel! und gib deinen Segen meinem Kinde, dem einzigen, so du mir gegeben hast, und das mir so innig lieb ist. Rudi! mein Gott und mein Erlöser sei mit dir; und wie er Isaak und Jakob um ihres Vaters Abraham willen Gutes getan hat, ach so möge er auch um meines Segens willen dir Gutes tun die Fülle, daß dein Herz sich wieder erfreue und frohlocke, und seinen Namen preise! Höre mich jetzt, Rudi, und tue, was ich sage! Lehre deine Kinder Ordnung und Fleiß, daß sie in der Armut nicht verlegen, unordentlich und liederlich werden. Lehre sie auf Gott im Himmel vertrauen und bauen, und Geschwister aneinander bleiben in Freude und Leid; so wird es ihnen auch in ihrer Armut wohl gehen. Verzeihe auch dem Vogt! und wenn ich tot und begraben sein werde, so gehe zu ihm hin, und sage ihm, ich sei mit einem versöhnten Herzen gegen ihn gestorben; und wenn Gott meine Bitte erhöre, so werde es ihm wohl gehen, und er werde noch zur Erkenntnis seiner selbst kommen, ehe er von hinnen scheiden werde. Nach einer Weile sagte dann die Mutter wieder: Rudi, gib mir meine zwei Bibeln, mein Gebetbuch und eine Schrift, die unter meinem Halstuch in einem Schächtelchen liegt.

Und Rudi stand von seinen Knieen auf, und brachte alles der Mutter.

Da sagte sie: Bringe mir jetzt auch die Kinder alle.

Er brachte sie vom Tisch, wo sie saßen und weinten, zu ihrem Bett, und auch diese fielen vor dem Bette der Mutter auf ihre Kniee nieder.

Da sagte sie zu ihnen: Weinet nicht so, ihr Lieben! euer Vater im Himmel wird euch erhalten und euch segnen. Ihr wäret mir lieb, ihr Teuren; und es tut mir weh, daß ich euch so arm und ohne eine Mutter verlassen muß. Aber hoffet auf Gott, und trauet auf ihn in allem, was euch begegnen wird; so werdet ihr an ihm immer mehr als Vaterhilfe und Muttertreue finden. Denket an mich, ihr Lieben! Ich hinterlasse euch zwar nichts; aber ihr wäret mir lieb, und ich weiß, daß ich euch auch lieb bin. Da, meine Bibeln und mein Gebetbuch sind fast alles, was ich noch habe; aber haltet es nicht gering! Kinder, es war in meinem schweren Leben mir tausendmal Trost und Erquickung. Lasset Gottes Wort auch euer Trost sein, Kinder, und euere Freude, und liebet einander, und helfet und ratet einander, so lange ihr leben werdet, und seid aufrichtig, treu, liebreich und gefällig gegen alle Menschen; so wird es euch wohlgehen im Leben. Und du, Rudi! behalte dem Betheli die größere und dem Rudeli die kleinere Bibel, und dem Kleinen die zwei Gebetbücher zum Angedenken von mir. Ach, dir habe ich keines, Rudi! Aber du hast keines nötig; du vergissest meiner nicht. Dann ruft sie noch einmal dem Rudeli: Gib mir deine Hand, du Lieber! Gelt, du nimmst doch niemanden etwas mehr?

Nein doch auch, Großmutter!! glaube es mir doch auch, ich werde gewiß niemanden etwas nehmen! sagte der Rudeli mit heißen Tränen.

Nun, ich will es dir glauben, und zu Gott für dich beten, sagte die Mutter. Sieh, Lieber, da gebe ich deinem Vater ein Papier, das mir der Herr Pfarrer gab, bei dem ich diente. Wenn du älter sein wirst, so lies es, und denke an mich, und sei fromm und treu.

Es war ein Zeugnis von dem verstorbenen Pfarrer in Eichstätten, daß die kranke Katharine zehn Jahre bei ihm gedienet und ihm, sozusagen, geholfen habe, seine Kinder erziehen, nachdem seine Frau ihm gestorben war; daß der Katharine alles anvertraut worden sei, und daß sie alles wohl so sorgfältig als seine Frau selig regiert habe. Der Pfarrer danke ihr dafür, und gebe ihr das Zeugnis, daß sie wie eine Mutter an seinen Kindern gehandelt habe. Er werde es in seinem Leben nicht vergessen, was sie in seinem Witwerstand an ihm getan habe. – Sie hatte auch wirklich ein beträchtliches Stück Geld in diesem Dienste erworben, und solches ihrem seligen Manne an die Matte gegeben, die der Vogt ihnen hernach wieder abprozessiert hat. Nachdem sie dem Rudi dieses Papier gegeben hatte, sagte sie ferner: Es sind noch zwei gute Hemden da. Gib mir keines von diesen ins Grab. Das, so ich trage, ist recht. Meinen Rock und meine zwei Fürtücher lasse, sobald ich tot sein werde, den Kindern verschneiden. Und dann sagte sie bald darauf: Sieh doch sorgfältig zu Betheli, Rudi; es ist wieder so flüssig. Halte die Kinder doch immer rein mit Waschen und Kämmen, und suche ihnen doch alle Jahre Ehrenpreis und Holunder, ihr Geblüt zu verbessern; es ist so verdorben. Wenn du immer kannst, so halte für sie eine Geiß den Sommer durch. Das Betheli kann sie jetzt hüten. Du dauerst mich, daß du so allein bist; aber fasse Mut, und tue, was du kannst. Der Verdienst an dem Kirchbau erleichtert dich jetzt auch wieder. Ich danke Gott auch für dieses.

Die Mutter schwieg jetzt, und der Vater und die Kinder blieben noch eine Weile auf ihren Knieen, und der Vater und die Kinder beteten alle Gebete, die sie konnten. Dann standen sie auf von ihren Knieen, und Rudi sagte zu der Mutter: Mutter, ich will dir jetzt auch das Laub in die Decke holen. Sie antwortete: Das hat jetzt keine Eile, Rudi; es ist gottlob jetzt wärmer in der Stube, und du mußt mit dem Kleinen jetzt zum Maurer.

Der Rudi winkt nun dem Betheli aus der Stube und sagt: Gib auf die Großmutter acht! und wenn ihr etwas begegnet, so schicke das Anneli mir nach; ich werde bei dem Maurer sein.


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