Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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122.
Erziehungs- und Haushaltungsgrundsätze.

Die einzige Hütte, die an der Unruhe und an den Mühseligkeiten dieses Torenlebens keinen Teil nahm, war die Hütte der Gertrud.

Um zu erklären, wie das möglich gewesen, muß ich sagen: diese Frau hatte nach alter Großmutterart ihre kurzen Sprüche, mit denen sie gemeiniglich im Augenblick den rechten Weg fand, wo andere Leute, die sonst sich viel geschickter glaubten als sie, bei Stunden und Tagen plauderten, ob sie links oder rechts wollten.

Die vorzüglichsten Sprüche aber waren:

Zu allem schweigen, was einem nichts angeht.

Von dem den Mund nicht auftun, was man nicht wohl versteht.

Beiseits gehen, wo man zu laut oder zu leise redet.

Das wohl zu lernen suchen, was man wohl brauchen kann.

Mit Kopf und Herz immer am rechten Orte und nie an gar vielen sein, aber immer bei sich selber.

Denen, so man schuldig ist, und denen, die man liebt, mit Leib und Seele zu dienen.

Solche kleine Sprüche waren dieser Frau der Leitfaden zu einer häuslichen und bürgerlichen Weisheit, über die sich Bücher schreiben ließen, wenn es möglich wäre, ihre Weisheit zu besitzen, und doch Bücher schreiben zu können.

Im Sturm des aufgebrachten und verirrten Dorfes entging dieser Frau kein einziges Wort, das man nur hätte mißdeuten können; keines, bei dem man sie ins Spiel hinein ziehen, keines, ob dem man sie hassen, keines, bei dem man sie nur auslachen konnte.

Des Rudis Kinder waren jetzt fast alle Tage bei ihr, und lernten täglich immer mehr, auf sich selber und auf alles, was um sie her war, Achtung geben und Sorge tragen. Bei ihrem Spinnen und Nähen lehrte sie die guten Kinder auch noch zählen und rechnen. Zählen und Rechnen ist der Grund aller Ordnung im Kopfe – das war eine der Meinungen, die Gertrud am eifrigsten behauptete, und die in ihre Erziehung einen großen Einfluß hatten. Ihre Methode war diese: Sie ließ die Kinder während des Spinnens und Nähens ihre Fäden und Nadelstiche hinter sich und für sich (rück- und vorwärts) zählen, und mit ungleichen Zahlen überspringen, zusetzen und abziehen.

Die Kinder wetteiferten bei diesem Spiele untereinander, welches am geschwindesten und sichersten darin fortkomme. Wenn sie dann müde waren, sangen sie Lieder, und am Morgen und am Abend betete Gertrud mit ihnen kurze Gebete. Ihr liebstes Gebet und das, welches sie die Kinder zuerst lehrte, heißt also:

»O Gott, du frommer Gott!
Du Brunnquell aller Gaben!
Ohn' den nichts ist, was ist;
Von dem wir alles haben!
Gesunden Leib gib mir,
Und daß in solchem Leib
Die Seele unverletzt,
Nein das Gewissen bleib'!«


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