Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

 << zurück weiter >> 

134.
In welch hohem Grade ein Verbrecher Mensch bleiben, und seine geistliche und weltliche Herrschaft interessieren kann.

Aber der Pfarrer schrieb es dem Junker selber. Er gab dem Michel, der ehedem mit dem Vogte so enge verbunden, aber seit kurzem so gut mit dem Lienhard geworden war, ein Fürbittschreiben an den Junker, und sagte darin, wenn er nur eine halbe Stunde selber mit dem Michel reden werde, so sei seine Fürbitte gewiß überflüssig.

In eben diesem Briefe meldete er dem Junker, daß er den Vogt diese Nacht heimgelassen habe, und warum.

Der Junker ließ den Michel warten, bis er Zeit fand, sich mit ihm einzulassen. Es vergingen fast zwei Stunden. Unterdessen machte der Michel allerlei Kalender, und war eben im Stall, und pfiff den Pferden vor, als der Junker unter die Linde kam, und ihn rief.

Arner sah den Michel ernsthaft vom Kopf bis zu den Füßen an; der Michel stand aber auch da mit der Miene eines Mannes, der in seinem Innern Ruhe hat und Stärke. Er zeigte, daß er hoffe, Verzeihung zu erhalten, und auch, daß er fühle, dieser Verzeihung wert zu sein. Arner befahl ihm, umständlich alles zu erzählen, worin er verwickelt sei. Der Michel tat es im Augenblick, ohne sich zu bedenken, und erzählte, wie er unter seinem Großvater für den Vogt und die andern Bauern aus der Schloßscheuer ganze Säcke voll Korn ab den Garben getreten, an Seilen in den Schloßgraben hinuntergelassen, und von da ins Wirtshaus, wo das Ablager war, getragen habe; wie er wohl hundertmal des Nachts die Schloßzeichen ab den besten Eichen und Tannen gezimmert, und den Bauern geholfen habe, sie als eigenes Holz auf die Säge zu führen; wie sie hundertmal im Wirtshaus mit den Schloßknechten um Werkzeug, Seile, Säcke, Körbe und anderes dergleichen gespielt und gesoffen hätten. Er erzählte dann ferner, wie noch jetzt viele Bauern Kleider trügen, die mit solchen gestohlenen Säcken gefüttert seien; wie ganze Räder und halbe Wägen und halbe Pflüge und eine Menge Naben, Pflugeisen, Riestern, Stoßkarren, Tragbahren, Güllenfässer, Wein- und Bierfässer in den Bauernhäusern stünden, die das Schloßzeichen haben, oder doch zeigen, daß es ausgekratzt und ausgehauen worden sei; wie darum auch alle Handwerksleute es so mit dem Vogt gehalten, und für ihn umsonst Schmiede-, Schlosser-, Wagner-, Zimmermanns-, Tischler-, Schneider- und Schusterarbeit verrichtet hätten, weil er ihnen immer allerhand solchen Abgang aus dem Schloß um einen Spottpreis habe verschaffen können.

Das gerade, offene Wesen und der Mut, mit dem er das Böse von sich selber gleich ungescheut wie von den andern sagte, und die Kenntnis, die er von allen Umständen und von den Ursachen aller Unordnungen im Dorf zeigte, brachte den Junker dahin, daß er mit einem Zutrauen mit ihm redete, welches vermögend gewesen wäre, aus dem Michel einen braven Kerl zu machen, wenn er es nicht schon gewesen wäre.

Er fragte ihn einst mitten im Gespräche über diese tausenderlei Bosheiten, warum es auch so schwer sei, die Leute von einem so unglücklichen Leben abzubringen?

Und Michel antwortete ihm: Der Mensch ist immer mit gar vielen Fäden an sein Leben angebunden; und es braucht gar viel, ihm neue anzuspinnen, die ihn so stark als die alten auf eine andere Seite hinziehen.

Diese Antwort überraschte den Junker, daß er sich einen Augenblick von ihm wegkehrte, und dieselbe von Wort zu Wort wiederholte. Er sagte dann zu sich selber: Es ist wahr, die Fäden, womit ein Verbrecher an sein altes Leben angebunden ist, abzuschneiden, und ihm neue anzuspinnen, die ihn zu einem bessern Leben führen sollen, ist das einzige Mittel, den Verbrecher zu bessern; und es ist wahr, wenn man dieses Mittel nicht braucht, so ist alles, was man sonst an ihm tut, wie ein Tropfen Wasser ins Meer.

Er redete noch über eine Stunde mit ihm, und ließ sich besonders die Geschichte mit dem Gespenst in des Hoorlachers Haus gar weitläufig erzählen.

Des Michels eigene Worte hierüber lauteten also: Der Hoorlacher hat das Haus Anno 1767 von Wagner Leupi um 450 Gulden gekauft, und für mehr als 300 Gulden darin verbaut; der Vogt hat ihm, da er noch lebte, 600 Gulden dafür angeboten. Nachdem er aber gestorben war, wollte er es nicht mehr; und er ließ durch mich und den Ständlisänger aussprengen, der Hoorlacher sei keines natürlichen Todes gestorben, und man habe hinter seinem Bette den abgehauenen Strick noch gefunden, an dem er erstickt sei. Innert acht Tagen war die ganze Gegend von diesem Gerüchte voll, und man setzte noch hinzu: sein Nachbar, der Kirchmeier, habe den Strick selber ins Pfarrhaus getragen; aber der Pfarrer habe ihm verboten, davon zu reden, weil der Hoorlacher jetzt doch schon begraben sei, und es nur Aergernis erwecken würde. Auf dieses hin schickte der Vogt alle Monate ein paarmal einen von uns ins Haus, die Nachbarn zu erschrecken, als ob ein Gespenst darin wäre. Das tat er mehr als ein Jahr lang, bis kein Mensch mehr das Haus vergebens genommen hätte; dann kaufte er es der Hoorlacherin aus Mitleiden, wie er sagte, um 200 Gulden ab, und versprach, diesen Greuel aus dem Dorfe zu bannen, und zwei Kapuziner wohl hundert Stunden weit herkommen zu lassen. Aber er redete nur mit dem Saufwaldbruder in der Haberau ab, ließ ihn acht Tage lang sich im Hause verstecken, und dann und wann sich an den Fenstern zeigen und Grimassen machen. Indessen fraßen, soffen und spielten wir alle Nacht mit dem Bruder, und taten so laut, daß der Wächter Leuthold es endlich merkte. Er erkannte vor den Fenstern alle drei Stimmen, und kam am folgenden Morgen mit dem Geschwornen Kalberleder, seinem Bruder und dem Hügi auf den Schlag zwölf Uhr mitten im Jubilieren vor das Haus. Der Pfaff war, sobald sie anklopften, wie der Blitz verkrochen, und ich auf dem Dache, und von da über den Birnbaum hinunter und fort. Der Vogt kroch in den Ofen; aber er konnte ihn nicht zumachen, weil schon Holz darin war. Die vier Männer stießen die Türen mit Gewalt auf, und waren im Augenblick mit einem Licht und einem Hunde in der Stube; und des Vogts Katze flüchtete sich vom Tisch weg zu ihrem Meister in den Ofen. Dieser wußte nicht, was es war, und tat einen erbärmlichen Schrei. Da ist der Vogt! riefen die Kerls, zündeten ihm mit dem Lichte zum Ofen hinaus, und zwangen ihn, damit sie ihm den Spaß nicht ausbrächten, das Geld, das er bei sich hatte, mit ihnen zu teilen.

Endlich befahl der Junker dem Michel, ihm bis übermorgen ein Verzeichnis zu bringen von den im Schlosse gestohlenen Sachen, die jetzt noch im Dorfe sich befänden. Hierauf entließ er ihn freundlich.


 << zurück weiter >>