Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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38.
Die reine, stille Größe eines wohltätigen Herzens.

Fehlt dir etwas, Rudi? Wenn es etwas ist, da wir dir helfen können, so sag' es, sagten Lienhard und Gertrud zu ihm.

Nein, es fehlt mir jetzt nichts; ich danke euch, antwortete der Rudi. Aber sichtbar erstickte er das tiefe Seufzen des Herzens, das immer empordringen wollte.

Mitleidig und traurig sahen ihn Lienhard und Gertrud an, und sprachen: Du seufzest doch, und man sieht es, dein Herz ist über etwas beklemmt.

Sag' es doch! ach, sag' es doch, Vater! sie sind ja so gut, bittet ihn der Kleine. Tu' es doch, und sag' es, wenn wir helfen können, bitten ihn Lienhard und Gertrud.

Darf ich es? erwiderte der Arme. Ich habe weder Schuhe noch Strümpfe, und sollte morgen mit der Mutter zum Grabe, und übermorgen ins Schloß gehen.

Lienhard. Daß du dich auch so grämen magst über dieses! Warum sagtest du doch das nicht auch geradezu? Ich kann und will dir ja das gern geben.

Rudi. Wirst du mir, ach mein Gott! nach allem, was vorgefallen ist, auch glauben, daß ich es dir unversehrt und mit Dank wieder zurückgeben werde?

Lienhard. Schweige doch hievon, Rudi! Ich glaube dir noch mehr als das; aber dein Elend und deine Not haben dich zu ängstlich gemacht.

Gertrud. Ja, Rudi, trau' auf Gott und Menschen, so wird dir leichter ums Herz werden, und du wirst dir in allen Umständen besser helfen können.

Rudi. Ja, Gertrud, ich sollte wohl meinem Vater im Himmel mehr trauen, und euch kann ich nicht genug danken.

Lienhard. Rede nicht hievon, Rudi.

Gertrud. Ich möchte deine Mutter noch sehen.

Sie gehen mit einer schwachen Lampe an ihr Bett; und Gertrud und Lienhard und der Rudi und der Kleine, alle mit Tränen in den Augen, staunen in tiefem, stillem Schweigen eine Weile sie an, decken sie dann wieder zu, und nehmen fast ohne Worte herzlich Abschied voneinander. Und im Heimgehen sagte Lienhard zu Gertrud: Welche Tiefe des Elends! Es geht mir ans Herz. Nicht mehr in die Kirche gehen können! nicht mehr um Arbeit bitten, nicht mehr dafür danken können, weil man keine Kleider, nicht einmal Schuhe und Strümpfe dazu hat!

Gertrud. Wenn der Mann nicht unschuldig an seinem Elend wäre, er müßte verzweifeln.

Lienhard. Ja, Gertrud, er müßte verzweifeln, gewiß er müßte verzweifeln, Gertrud! Wenn ich meine Kinder so um Brot schreien hörte, und keines hätte, und schuld daran wäre – Gertrud, ich müßte verzweifeln; und ich war auf dem Weg zu diesem Elend.

Gertrud. Ja, wir sind aus großen Gefahren errettet.

Indem sie so redeten, kamen sie neben dem Wirtshaus vorbei, und das dumpfe Gewühl der Säufer und Prasser ertönte in ihren Ohren. Dem Lienhard klopfte das Herz schon von ferne; aber ein Schauer durchfuhr ihn und ein banges Entsetzen, als er sich ihm näherte. Sanft und wehmütig sah ihn Gertrud jetzt an, und beschämt erwiderte Lienhard den wehmütigen Anblick seiner Gertrud, und sagte: O des herrlichen Abends an deiner Seite! Ach! wenn ich jetzt auch hier gewesen wäre. So sagte er.

Die Wehmut der Gertrud wächst jetzt zu Tränen, und sie hebt ihre Augen gen Himmel. Lienhard sieht es; Tränen steigen auch ihm in die Augen und gleiche Wehmut in das Antlitz wie seiner Geliebten. Auch er hebt seine Augen gen Himmel, und beide hefteten eine Weile ihr Antlitz auf den schönen Himmel. Sie sahen mit wonnevollen Tränen den hellleuchtenden Mond an, und noch wonnevollere innere Zufriedenheit versicherte sie, daß Gott im Himmel die reinen und unschuldigen Gefühle ihrer Herzen gerne sehe.

Nach dieser kleinen Verweilung gingen sie in ihre Hütte. Alsobald suchte Gertrud Schuhe und Strümpfe für den Rudi, und Lienhard brachte sie ihm noch am gleichen Abend. Da er wieder zurück war, beteten sie noch ein Vorbereitungsgebet zum heiligen Nachtmahl, und entschliefen in gottseligen Gedanken. Am Morgen standen sie früh auf, und freuten sich des Herrn, lasen die Leidensgeschichte des Heilands und die Einsetzung des heiligen Abendmahls, und lobten Gott in der frühen Stunde vor dem Aufgange der Sonne am heiligen Tage. Dann weckten sie ihre Kinder, warteten noch ihr Morgengebet ab, und gingen zur Kirche.

Eine Viertelstunde vor dem Zusammenläuten stand auch der Vogt auf. Er konnte den Schlüssel zum Kleiderkasten nicht finden, fluchte Entsetzen und Greuel, stieß den Kasten auf mit dem Schuh, kleidete sich an, ging zur Kirche, setzte sich in den ersten Stuhl des Chors, nahm den Hut vor den Mund, blickte mit den Augen in alle Ecken der Kirche, und betete zugleich unter dem Hute. Bald darauf kam auch der Pfarrer. Da sang die Gemeinde zwei Stücke von dem Passionslied »O Mensch, bewein' dein Sünde groß,« und wie es weiter lautet. Dann trat der Pfarrer auf die Kanzel und predigte und lehrte an diesem Tage seine Gemeinde also:


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