Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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149.
Er versteht das Fragen besser als sie das Lügen.

Nachdem der Junker das alte und neue Verzeichnis miteinander verglichen, und die zweiundzwanzig Männer, welche Heu und Vieh falsch angegeben, mit Namen genannt hatte befahl er dem Weibel, die sechs, welche neben den sechzehn dastanden, die schon bekannt hatten, hervorzurufen.

Der Weibel tat es, und ihrer vier kamen sogleich; aber der Sigrist und der Schulmeister zauderten.

Sind diese nicht hier? sagte der Junker.

Jawohl sind sie hier, sagte leise der Meier.

Und »wohl freilich sind sie hier!« riefen jetzt laut etliche aus den hintersten Bänken.

Wer sagt Nein! antwortete der Sigrist; und er trat nun mit dem Schulmeister auch hervor, stellte sich dann ehrerbietig vor den Junker hin, machte in aller Ordnung eine Reverenz, und sagte dann, die Hände zusammenhaltend, und die Augen verkehrend: Ach, mein gnädiger Junker, ich mache doch auch keine Hand voll Futter, als ab dem armen Kirchhöfli; und hatte jetzt das Unglück, ob dem elenden bißchen Heu zu verirren, und es für weniger anzusehen, als es ist.

Der Junker sah ihn an, wie wenn er ihm sagen wollte: Du möchtest lügen, und kannst es nicht. Er ließ ihn einige Augenblicke so stehen und schwitzen; endlich sagte er: Du bist also verirrt, Sigrist?

Sigrist. Ja gewiß, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer.Es ist ein erschrockener Sigrist, dem der Leser verzeihen muß, daß er in diesem Zustande zu dem Junker »wohlehrwürdiger Herr Pfarrer« sagt.

Junker. Um wie viel?

Sigrist. Um ein Klafter.

Junker. Wie viel hast du Futter ab deinem Kirchhöfli?

Sigrist. Sie sagen jetzt, es seien zwei Klafter; und ich muß es wohl gelten lassen.

Junker. So? aber es wird doch wahr sein, was sie sagen?

Sigrist. Ae ja.

Junker. Und wie viel hast du angegeben?

Sigrist. Ein Klafter.

Junker. Also eins weniger, als du hattest.

Sigrist. Ich bin in Gottes Namen verirrt.

Junker. Unter allen Schelmen, die da sind, ist doch keiner um das Halbe verirrt wie du.

Sigrist. Es ist mir leid.

Junker. Halt dein Maul!

Da er jetzt schwieg, fing der Schulmeister an, und sagte: Ihr seid erzürnt, gnädiger Herr; aber ich bitte untertänigst um ein Wort.

Junker. Zwei, wenn du willst, und auch viere; aber die Wahrheit, wenn es dir lieb ist!

O gewiß die Wahrheit! gewiß alle Wahrheit! sagte der Schulmeister; und erzählte dann, wie vor ein paar Tagen ohne sein Wissen die eine Kuh aus dem Stall gekommen sei.

Junker. So? du bist also bei der Kuh verirrt, und dein Bruder beim Gras! Ihr seid beide schöne Herren.

Schulmeister. Es ist mir leid; aber ich habe einmal vergessen, daß der Metzger von Rebstal sie abgeholt hat.

Junker. Du mußt sehr am Gedächtnisse leiden!

Schulmeister. Die Zeit her gar sehr.

Junker. Ich hörte sonst immer, du habest ein gar gutes Gedächtnis, aber keinen Verstand.

Schulmeister. Es ist nicht mehr wie vorzeiten. Ueberhaupt aber nimmt sich meine Frau fast allein des Stalles an; ich habe in der Schule zu tun.

Junker. Du hättest also deine Frau sollen angeben lassen, wie viel Vieh du habest.

Schulmeister. Es ist wahr; aber . . .

Junker. Ich brauche keine Aber. Du bist Schulmeister, und die Jugend des Dorfes ist in deinen Händen; und du hast mit kaltem Blute eine Meineidaussage zweimal bestätigt.

Schulmeister. Aber in Gottes Namen! man kann doch auch etwas vergessen.

Junker. Schweige mit deinem »in Gottes Namen!« Kerl, wenn du nicht hättest betrügen wollen, du hättest in den Stall gehen können, zu sehen, ob du eine oder zwei Kühe habest; und ich meine, du solltest wissen, daß man schuldig ist, seine Augen zu brauchen, wenn man beim Eide etwas aussagen will.

Man hätte glauben sollen, das wäre jetzt für alle genug gewesen; aber der Kuhhändler Stoffel meinte es nicht. Er trat auf, und sagte: Aber ich, Junker, ich wenigstens bin völlig unschuldig; ich erwarte das Vieh, das ich angegeben habe, alle Tage.

Junker. Aber man hat dich doch nicht angefragt, wie viel Vieh du erwartest, sondern wie viel du jetzt habest.

Stoffel. Das ist wohl wahr; aber da ich das Vieh alle Stunden erwartete, so mußte ich wegen der Weide darauf zählen.

Junker. Nicht wahr, du hast acht Stücke mehr angegeben, als du hast?

Stoffel. Zu dienen, Ihr Gnaden.

Junker. Hast du diese acht Stücke schon wirklich alle gekauft?

Stoffel. Ganz sicher, Ihr Gnaden.

Junker. Von wem hast du sie gekauft?

Stoffel. Sie kommen mir von ungleichen Orten.

Junker. Auf wann erwartest du sie?

Stoffel. Spätestens in drei Tagen.

Junker. Alle acht Stücke?

Stoffel. Ganz sicher.

Junker. Ich hoffe, das sei wahr, was du mir da sagst.

Stoffel. Wenn die acht Stücke innert drei Tagen nicht kommen, so will ich es entgelten, wie es recht ist.

Junker. Dein Anbringen ist in seiner Ordnung, wenn es wahr ist.

In diesem Augenblicke standen jetzt noch ihrer vier auf, und sagten, sie hätten auch Vieh gekauft, und erwarteten dasselbe; aber die mehreren trauten nicht, schwiegen, und wollten mit dem Vieh auf dem Wege nichts zu tun haben. Hingegen der Schulmeister, der sich zuerst erklären ließ, was die fünf aussagten, juckte jetzt auch noch auf, und sagte, er erwarte auch wieder ein Stück Vieh, und er habe das seinige nur vertauscht.

Junker. Du sagtest eben, du habest es an den Metzger verkauft.

Schulmeister. Das macht nichts; er hat mir ein anderes versprochen.

So? sagte der Junker, und sah ihn spöttisch an; und fast in allen Bänken lachten die Bauern ob der Kuh, die der Schulmeister an den Metzger vertauscht hatte.

Den andern aber, die vor ihm gesagt hatten, daß sie Vieh erwarten, war angst ob seiner Dummheit, die, wie sie meinten, ihnen das Spiel verderbe.

Der Junker aber nahm jetzt wieder das Wort, und sagte: Ich halte eure Entschuldigungen ganz für gut, wenn sie wahr sind; aber nehmet euch in acht, daß ihr nicht lüget.

Sie bestätigten wieder, daß es gewiß wahr sei.

Junker. Ihr saget es freilich; aber mir kann das nicht genug sein. Ich behalte euch alle im Schlosse, bis es am Tage ist, ob ihr die Wahrheit oder die Unwahrheit geredet habt.

Das hatten sie jetzt nicht erwartet, und sie sahen einander an, wie wenn sie einander noch nie gesehen hätten.

Aber warum wollet Ihr uns nicht heim lassen? sagte Stoffel, der Kuhhändler.

Junker. Um des einzigen Grundes willen, weil ihr, wenn ich euch heim lasse, innert vierundzwanzig Stunden eine ganze Herde Vieh zutreiben könnet, ohne daß ihr jetzt ein einziges Stück davon gekauft habet.

Es entstand jetzt eine große Stille.

Junker. Was bedeutet diese Stille?

Es antwortete zuerst niemand;, nach einer Weile aber sagte der Stoffel: Ja, meine Käufe sind noch nicht alle vollkommen richtig.

Junker. Du sagtest doch soeben, daß dir das Vieh – nicht wahr, acht Stücke? – bis übermorgen sicher kommen werde.

Stoffel. Ja, wenn ich heimgehen kann, so bin ich sicher, daß mir dann alle kommen.

Junker. Aber da ich dich jetzt nicht heim lasse, so kommen dir jetzt nicht alle acht?

Stoffel. Nein, so bin ich nicht sicher, daß mir alle acht kommen.

Junker. Aber es kommen dir doch auch sicher sieben, wenn du dableibst?

Der Stoffel antwortete kein Wort.

Junker. Siehe, wenn dir nur sechs kommen, so will ich zufrieden sein.

Aber es erfolgte wieder keine Antwort.

Junker. Es werden dir doch sicher fünf kommen?

Wieder keine Antwort.

Junker. Aber du antwortest nicht? Du wirst doch wohl sicher vier oder wenigstens drei erhalten.

Stoffel. Alle acht, wenn ich Bericht schicken kann.

Junker. Was für Bericht?

Stoffel. Nur, daß man sie mir schicken soll.

Junker. Aber gelt, ohne diesen Bericht kömmt dir kein einziges Stück?

Stoffel. Nein, ich glaube es nicht.

Junker. Ich glaube es auch nicht, und habe es nie geglaubt, so wenig als ich glaube, daß der Schulmeister dem Metzger seine Kuh vertauscht hat. Oder wie ist es, Schulmeister, wenn du im Schloß bleibst, kömmt dir dann die Kuh, die der Metzger dir an die deinige vertauscht hat?

Der Schulmeister antwortete kein Wort, und der Junker fuhr fort: Und ihr andern, damit ich es kurz mache – nicht wahr, die ganze Herde Vieh, die ihr erwartet und gekauft habt, ist erlogen? und ihr habet geschwind heim gehen wollen, um euch durch den ersten besten Juden oder Christen, der zu euch gelaufen kommt, das Vieh, das euch mangelt, zutreiben zu lassen? Aber es ist traurig, daß ihr meinet, es sei dann alles gut, wenn ihr eure Obrigkeit nur mit einem Lug hintergehen könnet. Schämet euch! Ich weiß, daß in allen diesen Bänken kein Mann sitzt, der nicht in seiner Seele überzeugt wäre, daß von allem, was ihr mir habet angeben wollen, kein einziges Wort wahr ist; und doch habet ihr eine ganze halbe Stunde lang mir alles, wie wenn es pure, reine Wahrheit wäre, vor der ganzen Gemeinde ins Angesicht behaupten dürfen; und wenn ich euch heimgelassen hätte, das Spiel auszumachen, so wäre es euch noch eine Freude gewesen, euer Gespött über mich zu treiben. Aber glaubet nur nicht, daß es Glück und Segen in euer Dorf und in eure Haushaltungen bringen werde, wenn ihr also mit eurer Obrigkeit umgeht.

In allen Bänken fing jetzt das Volk an, unwillig zu werden, und zu sagen, sie hätten das nicht tun sollen. Selbst der Hartknopf gab ihnen jetzt unrecht, und behauptete, wenn er hundert Klafter Heu gehabt hätte, so hätte er es angegeben. Er hatte freilich keinen Schuh breit Land, und war ein Strumpfweber. Aber seine Nachbarn antworteten ihm dennoch auf diese Rede, er drehe den Mantel nach dem Winde, und habe erst diesen Morgen noch gesagt: wenn es doch nur Gottes Wille sei, daß die Vorgesetzten glücklich seien und ihnen nichts Unrechtes auskomme; woraus sich klar zeige, daß er gewußt habe, was sie im Schilde führen.


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