Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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109.
Hausordnung und Hausunordnung.

Gertrud ging an diesem Morgen zu ihrem guten Nachbar, dem Hübelrudi, der nunmehr nicht mit den andern bei der Kirche arbeitete. Sie wußte, daß Armut und Niedergeschlagenheit dem Menschen allen Haushaltungsgeist so verderbe, daß, wenn er auch zufällig wieder zu etwas kommt, und er nicht Rat und Tat findet, ihm ein solches Glück so leicht als ein Aal im Wasser aus der Hand schlüpft. Und da sie der Großmutter auf dem Todbette versprochen hatte, sich seiner Kinder anzunehmen, so wollte sie keine Stunde versäumen, um dem Rudi, so viel sie konnte, zur Ordnung zu verhelfen, ehe schon wieder das Halbe durch Unordnung zugrunde gegangen sei.

Sie traf noch alle Kinder im Bett an, und der Rudi war eben aufgestanden. Die Kleider der Kinder lagen auf dem Boden umher, und die Katze saß auf dem Tische neben der schwarzen Schüssel, woraus sie gestern gegessen hatten. Gertrud fühlte die Größe des Verderbens einer solchen Unordnung, und sagte dann dem Rudi der Länge und Breite nach, wie weit das führe, und wohin es bringen werde. Er machte Augen, wie einer, der halb im Schlafe zuhört, als sie so mit ihm redete. Er war der Unordnung so ziemlich gewohnt, und meinte, weil er jetzt seine Matte wieder habe, so sei alles wieder ganz gut bestellt, so daß er lange nicht fassen konnte, was Gertrud jetzt mit ihrem Predigen wolle. Endlich begriff er sie, und antwortete nun mit Tränen in den Augen: Ach mein Gott! Nachbarin, du hast wohl recht; aber es war, weiß Gott, in unserm Elend nicht anders möglich. Ich saß in der letzten Zeit oft bei Stunden und Tagen herum, daß ich fast nicht mehr wußte, wo mir der Kopf stand, viel weniger, was ich angreifen sollte, und was ich beginnen möchte.

Gertrud. Das ist eben, was ich sage, und warum du dir jetzt mußt raten und helfen lassen.

Rudi. Ich will dir von Herzen danken, wenn du es tust.

Gertrud. Und ich will es von Herzen gerne tun, so viel ich es kann.

Rudi. Lohne es dir Gott für mich und meine Kinder!

Gertrud. Rudi, wenn deine Kinder recht erzogen werden sollen, so muß alles bis auf die Schuhbürste hinunter in eine andere Ordnung kommen. Aber wir wollen jetzt nicht schwatzen, sondern die Hände in den Teig stoßen. Es muß mir heute noch, ehe die Sonne untergeht, in der Stube aussehen, daß man sich nicht mehr darin kennt. Tisch, Fenster, der Boden, alles muß abgewaschen werden und an die Luft kommen. Man kann ja nicht einmal Atem schöpfen. Glaube mir, deine Kinder sehen unter anderm auch darum so übel aus, weil so viel hundertjähriger Mist in der Stube ist. Es ist ein Unglück, daß deine Frau selig auf die letzte Zeit auch gar allen Mut verlor, und alle Hausordnung ein Ende hatte. So arm man ist, so sollte man doch an seinem Mann und an seinen Kindern noch das tun, was nichts kostet.

Rudi. Die Großmutter hat es ihr tausendmal gesagt; aber sie ist auf die letzte Zeit vor Jammer wie ein Stock geworden, so daß ich fast denken muß, es sei für mich und die Kinder ein Glück gewesen, daß sie gestorben ist, wenn sie nicht wieder anders geworden wäre. Aber, Gertrud, wenn sie es noch erlebt hätte, wie es mir jetzt gegangen ist, sie wäre auch nach und nach wieder zu sich selber gekommen, und wieder geworden wie im Anfang. Sie kommt mir seit gestern nie aus dem Kopfe, und wo ich gehe und stehe, meine ich immer, sie sollte wieder da sein, und das Gute jetzt auch mit mir genießen, wie sie das Elend mit mir getragen.

Gertrud. Es ist ihr jetzt besser als uns allen, Rudi; und ich weiß nicht, ob es ihr auf der Welt so leicht wieder wohl geworden wäre. Wer so lange alles schwer aufgenommen wie sie, der kömmt nicht mehr so leicht zu sich selber.

Rudi. Das ist auch wahr.

Gertrud. Was jetzt das beste ist, das du zum Andenken deiner Frau selig tun kannst, und was ihr jetzt im Himmel Trost und Freude sein wird, ist dieses, daß du deine Kinder sorgfältig auferziehest, damit sie nicht so unglücklich werden wie ihre Mutter. Glaube mir, es kommt, weiß Gott, in der Jugend auf Kleinigkeiten an. Ob ein Kind eine halbe Stunde früher oder später aufstehe; ob es seine Sonntagskleider die Woche über in einen Winkel werfe, oder sorgfältig und sauber zusammen an einen Ort lege; ob es gelernt, Brot, Mehl und Butter in der Woche richtig abzuteilen, und mit dem Gleichen auszukommen; oder ob es hierüber unachtsam bald mehr bald weniger gebrauche, ohne es zu wissen – solche Sachen sind es, welche hundertmal machen, daß eine Frau mit dem besten Herzen samt Mann und Kindern ins größte Unglück kommt. Ich muß dir sagen – du weißt aber wohl, daß ich es nicht in böser Meinung nachrede – deine Frau ist eben gar nicht zur Hausordnung erzogen worden. Ich kannte des alten Schoders Haushaltung; es ist mehr in derselben verfault und zugrunde gegangen, als recht ist, und man sagen darf.

Rudi. Sie ist in der Jugend zu viel im Pfarrhause gewesen.

Gertrud. Auch das ist wahr.

Rudi. Es hat mir hundertmal die Augen übertrieben, wenn sie das Betbuch oder die neue Erklärung der Offenbarung in die Hand nahm, und die Kinder nicht gewaschen und gekämmt waren; und ich selber alle Tage in die Küche mußte, das Feuer auf dem Herde zu schürgen, wenn ich nicht gefahren wollte, daß sie mir mit ihrer Vergeßlichkeit noch das Haus anzünde.

Gertrud. Wenn man es mit den Büchern recht macht, so müssen einer Frau die Bücher sein wie der Sonntagsrock und die Arbeit wie die Werktagsjüppe.

Rudi. Ich muß über mein Elend jetzt selber lachen. Sie hatte eben diese Sonntagsjüppe alle Tage an, und erzog die Kinder, als wenn Beten und Lesen alles wäre, für das man auf der Welt lebt.

Gertrud. Damit macht man just, daß sie das Beten und Lesen dann wieder vergessen, wenn sie es recht nötig hätten.

Rudi. Das ist uns leider just begegnet. Weil sie da krank geworden, und nirgends kein Brot mehr da war, so rührte sie auch kein Buch mehr mit den Kindern an, und weinte nur, wenn ihr eines vor die Augen kam.

Gertrud. Laß dir das jetzt zur Warnung dienen, Rudi, und lehre eben deine Kinder vor allem Schwatzen Brot verdienen.

Rudi. Ich bin völlig dieser Meinung, und ich will sie jetzt von Stund' an zur Näherin schicken.

Gertrud. Du mußt sie erst kleiden. So wie sie jetzt sind, müssen sie mir nicht zur Stube hinaus.

Rudi. Kaufe ihnen doch Zeug zu Röcken und Hemden; ich verstehe es nicht. Ich will das Geld heute noch entlehnen.

Gertrud. Nichts entlehnen, Rudi. Das Zeug will ich kaufen, und im Heuet zahlst du es.

Rudi. Warum nicht entlehnen?

Gertrud. Weil es zur guten Hausordnung gehört, nie etwas von einem Nagel an den andern zu hängen, und weil unter Hunderten, die leihen, nicht zehn sind, die nicht wieder dafür brandschatzen, und besonders dich. Du bist zu gut; es würden sich geschwind genug Blutsauger an dich machen, und dich in allen Ecken rupfen.

Rudi. Gottlob, daß sie etwas zu rupfen finden.

Gertrud. Ich möchte darüber nicht spaßen. Du mußt im Ernst auf alle Weise suchen, daß du das behaltest, was Gott dir und deinen Kindern nach so langem Leiden wieder gegeben.

Der Rudi stutzte eine Weile, und sagte dann: Ich teile einmal die Matte mit dem Vogt, so lange er lebt; und dagegen wirst du doch nichts zu sagen haben?

Gertrud. Was ist jetzt das?

Rudi. Ich habe es in Gottes Namen dem Pfarrer versprochen, dem Vogt, so lange er lebe, für eine Kuh Heufutter ab der Matte zu geben. Er ist ein armer, alter Tropf, und ich könnte ihn nicht in dem Elende sehen, in welchem ich selber war.

Gertrud. Es kommt doch noch besser heraus, als es tönte. Ich meinte, du wollest die Matte mit ihm teilen; jetzt bleibst du doch beim Futter.

Rudi. Nein, daran kam mir kein Sinn. Die muß, so Gott will, auf Kind und Kindeskinder hinunter mein bleiben; aber das Futter, das will ich ihm in Gottes Namen zukommen lassen, wie ich es dem Pfarrer versprochen.

Gertrud. Ich will dich gar nicht daran hindern; aber doch dünkt mich, du hättest zuerst sehen können, ob es der Vogt so gar nötig habe, ehe du es versprochen.

Rudi. Der Pfarrer hat das auch gesagt; aber wenn du so wie ich die Großmutter auf ihrem Todbette noch für ihn beten gehört hättest, daß es ihm wohl gehe, du würdest ihm gewiß auch helfen, so viel du könntest.

Gertrud. Hat sie noch auf ihrem Todbette für ihn gebetet?

Rudi. Ja, Gertrud, und das mit tausend Tränen.

Gertrud. Ach, dann ist es recht, daß du es tust.

Während der Rudi so mit ihr redete, hieß Gertrud die Kinder aufstehen, wusch ihnen Gesicht und Hände, kämmte sie mit einer Sorgfalt und Schonung, die sie nicht kannten, und ließ sie auch ihre Kleider ordentlicher anlegen, als sie sonst gewohnt waren. Darauf ging sie in ihre Hütte, kam mit ihrem Zuber und mit Besen und Bürste zurück, fing dann an, die Stube zu reinigen, und zeigte auch dem Rudi, wie er dasselbe machen und angreifen müsse, und was die Kinder ihm dabei helfen können. Dieser gab sich alle Mühe, und nach ein paar Stunden ging es ihm mit dieser Arbeit so gut, daß ihn Gertrud jetzt allein machen ließ, und wieder heimging. Beim Weggehen sagte sie noch: Wenn dir deine Kinder dann brav geholfen haben, so schicke sie auf den Abend zu mir.

Der Rudi wußte nicht, was er sagen und machen wollte, als sie jetzt fort war, so eigen war es ihm ums Herz. Eine Weile hielt er mit den Händen stille, bürstete und fegte nicht, sondern staunte, und dachte bei sich selber: Es wäre mir einmal in Gottes Namen, wie wenn ich im Himmel wäre, wenn ich so eine Frau hätte. Als er dann auf den Abend ihr seine Kinder schickte, gab er seit Jahren das erste Mal wieder acht, ob ihre Hände und ihr Gesicht sauber, und ihre Haare und Kleider in der Ordnung seien, so daß sich die Kinder selber darüber verwunderten, und die Nachbarn, die sie so ordentlich aus dem Hause gehen sahen, sagten: Er will gewiß bald wieder ein Weib nehmen.

Die Kleinen fanden des Maurers Kinder alle an ihrer Arbeit. Diese empfingen sie fröhlich und freundlich; aber sie hörten deswegen keinen Augenblick auf zu arbeiten. Machet, daß ihr bald Feierabend bekommt, so könnet ihr euch dann mit diesen Lieben lustig machen, bis es sechs Uhr schlägt, sagte ihnen Gertrud. Das denke ich, wir wollen eilen, Mutter; die Sonne scheint wie im Sommer, erwiderten die Kinder. Aber gebt acht, daß euer Garn nicht gröber werde, antwortete die Mutter. Du mußt gewiß eher einen Kreuzer mehr als weniger von dem meinigen lösen, sagte Lise. Und auch von unserm! riefen aus allen Ecken die andern Kinder. Ich will gerne sehen, ihr Prahlhanse, erwiderte die Mutter.

Die Kinder des Rudi standen da, sperrten Mund und Augen auf ob der schönen Arbeit und dem fröhlichen Wesen in dieser Stube. Könnet ihr auch spinnen? fragte jetzt Gertrud. Ach nein! antworteten die Kinder. Gertrud erwiderte: So müßt ihr es lernen, ihr Lieben. Meine Kinder ließen sich es nicht abkaufen, und sie sind am Samstag so lustig, wenn jedes so seine etlichen Batzen bekommt. Das Jahr ist lang, ihr Lieben; und wenn man so alle Wochen etwas verdient, so gibt es am Ende des Jahres viel Geld, und man weiß nicht, wie man dazu gekommen ist. – Ach, bitte, lehre es uns auch! sagten die Kinder, und schmiegten sich an den Arm der guten Frau. Das will ich gerne, antwortete Gertrud. Kommt nur alle Tage, wenn ihr wollt; ihr sollet es bald können. Indessen hatten die andern Feierabend gemacht, versorgten ihr Garn und ihre Räder, und sangen mitunter:

Feierabend, Feierabend, lieb' Mutter,
Feierabend im Haus!
Zu Nacht gehn wir alle gern nieder,
Am Morgen steht alles froh auf.

Die Kinder der Gertrud nahmen dann ihre Gäste bei der Hand, und heiter wie der Abend sprangen jetzt alle Kinder auf allen Seiten der Matte herum, längs dem Hag und rund um die Bäume. Aber die Kinder der Gertrud wichen sorgfältiger als die des Rudi dem Kote im Wege und den Dornen am Hage aus, und trugen Sorge zu den Kleidern. Sie banden ihre Strümpfe, und schnallten ihre Schuhe, wenn sie ihnen losgingen, und wenn des Rudis Kinder so etwas nicht achteten, sagten ihnen die Guten sogleich: Du verlierst deine Schnalle, dein Strumpfband! oder: du machst dich kotig, du zerreißest die Kleider hier in den Dornen usw. Des Rudis Kinder aber, welche die ordentlichen Guten liebten, lächelten bei allem, was diese ihnen sagten, und folgten, wie man kaum den Eltern folgt; denn sie sahen, daß sie alles, was sie ihnen sagten, selber taten, und es weder böse noch hochmütig meinten. Auf den Schlag sechs Uhr eilten die Kinder der Gertrud unter das Dach, wie die Vögel, wenn die Sonne untergegangen ist, in ihr Nest eilen. Wollet ihr mit uns? wir gehen jetzt beten, sagten sie zu des Rudis Kindern. Ja, wir wollen, und auch noch deiner Mutter »Behüte Gott« sagen, antworteten diese. Nun das ist recht, daß ihr kommt, sagten diese, und zogen dann den KatzenschwanzEin Kinderspiel, bei welchem die Kinder sich hintereinander in eine Reihe aufstellen, das vorderste den Zug anführt, und alle den Richtungen und Krümmungen folgen, die dieses einschlägt, bis sie laufend oder hüpfend an ein gewisses Ziel gelangen. mit ihnen durch die ganze Matte, die Stiege hinauf und bis an den Tisch, wo sie sich dann zum Beten hinsetzten. – Müsset ihr um sechs Uhr nicht auch heimgehen zum Beten, ihr Lieben? fragte jetzt Gertrud des Rudis Kinder. – Wir beten erst, wenn wir ins Bett gehen, sagte das älteste. – Und wann müßt ihr denn ins Bett gehen? fragte Gertrud. – Was weiß ich! antwortete jenes, und ein anderes: So, wenn es anfängt, dunkel zu werden. – Nun, so könnet ihr noch mit uns beten; aber dann ist es auch Zeit, daß ihr nach Hause gehet, sagte Gertrud. Es macht nichts, wenn es schon dunkel ist; wir fürchten uns nicht, antwortete das älteste; und wir sind ja alle beieinander, setzte ein anderes hinzu. Die Kinder der Gertrud beteten dann der Ordnung nach noch mit ihrer Mutter, und diese ließ auch des Rudis Kinder die Gebete beten, die sie konnten, und begleitete sie dann bis zum Hausgatter. Habet recht Sorge, daß keines falle, ihr Lieben, und grüßet mir den Vater, und kommet bald wieder. Ein andermal will ich euch ein Spinnrad bereit machen, wenn ihr das Spinnen lernen wollet. So sagte ihnen Gertrud beim Abschiede, und sah ihnen nach, bis sie um die Ecke herum waren. Die Kinder aber schrien ihr, so weit man sie hören konnte, zurück: Behüte Gott!« und »danke Gott!« und »schlafe wohl, du liebe Frau!«


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