Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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119.
Zu gut ist dumm.

Der Murrbär war, wie des Sigristen Volk sämtlich, hochmütig, und fürchtete erschrecklich, das Narrenstück könnte seine Frau ins Gefängnis bringen, welches seinen Ehren nachteilig wäre; darum schmiegte er sich im Anfang vor dem Maurer, so viel er konnte und mochte.

Murrbär. Meister Maurer, wir waren doch auch noch immer gute Freunde und Vetterleute. Meine Frau hat freilich nicht recht; aber sie erkennt es ja, und muß dir deine Ehre und deinen guten Namen wieder geben, so lieb er dir ist. Aber gib dich wieder zufrieden, es ist doch zuletzt nur ein Weibergeschwätz, und es mag sich gewiß nicht der Mühe lohnen, so ein Weites und Breites zu machen.

Maurer. Du nimmst mir gerade aus dem Maul, was ich sagen wollte; es ist, wie du sagst, ein Weibergeschwätz. Ich wollte lieber, es wäre nicht begegnet, und will gerne wieder gut Freund sein wie vorhin. Meine Frau und ich haben bei mehrerem Nachdenken auch gefunden, daß wir es zu weit getrieben, und es gar nicht nötig sei, daß deine Frau im Dorfe herumlaufe, und ihre Worte zurücknehme.

Sobald der Murrbär merkte, daß er von Lienhard nichts mehr zu befürchten habe, war er im Augenblick nicht mehr der Pudel, der sich schmiegte, sondern der Pudel, der knurrte, und die Zähne hervorließ. Er sagte jetzt zum Lienhard: Es ist gut, daß du wieder zu dir selber gekommen bist, damit man mit dir reden kann.

Der ehrliche Lienhard antwortete: Es ist mir leid, daß ich mich so wenig beherrschen kann.

Murrbär. Es ist gut, wenn in solchen Fällen unter zweien auch einer Verstand hat. Wenn ich vor ein paar Stunden mich so wenig zu beherrschen gewußt hätte wie du, es hätte Mord und Totschlag absetzen können. Aber ich dachte, es müsse einer der Gescheitere sein, und ich wolle dich nur auswüten lassen: es sei dann etwa morgen noch Zeit, zu sehen, was es für eine Bewandtnis habe, und ob dein Gerichtsherrenweib im Ernst über meine Frau so Urteil und Recht sprechen könne.

Lienhard. Es ist hiermit gut, daß ich aus mir selber gekommen, deiner Frau diese Arbeit zu schenken.

Murrbär. Vom Schenken möchte ich, wenn ich du wäre, so wenig reden, als ich könnte. Das ganze Dorf von unten und oben hat aufs Haar gesagt, was meine Frau. Ich weiß zwar wohl, du stehst jetzt gut im Schloß; aber denke daran, wenn der Junker vernimmt, daß ihr so den Meister spielen und Urteil sprechen wollt, er wird anders mit euch reden.

Lienhard. Ich übereilte mich hierin.

Murrbär. Und überall Maurer, ihr seid an allem selber schuld. Wenn an der ganzen Geschichte auch nichts wahr ist, als was ihr selber erzählt, daß die Kinder den Katzenschwanz bis hinter den Tisch, wo sie beteten, gezogen; so ist das schon nicht recht, und sollte einem Muster, wie deine Frau sein will, nicht entgehen. Hintenach, wenn man Geschwätzwerk veranlaßt hat, ist es dann gar schwer, den Leuten die Mäuler zu verstopfen.

Diese Sprache verwirrte den ehrlichen Lienhard gar sehr, daß er nicht wußte, wie er es mit der Katze im Fürfell anfangen sollte; und er wäre wahrlich wieder mit ihr heim spaziert, ohne etwas davon zu sagen, wenn der Murrbär ihn nicht endlich selbst gefragt hätte, was er im Fürfell habe; es sei, wie wenn er ein Kind vertragen wolle.

Der Maurer antwortete: Nein, es ist nur eine junge Katze. Meine Frau will sie deiner zum Gruße schicken, damit sie sehe, daß unsere alte eine ehrliche Katze ist, und brave, gute Mauser bringe.

Trag' du deine Katze, wenn ich dir gut zum Rate bin, nur wieder heim, und sag' deiner Frau: wir brauchten keine solchen Späße. Das ist verflucht unverschämt, und wie wenn ihr von neuem Händel suchtet! Das war das letzte Wort, das der Murrbär zum Maurer sagte.

Das ist doch eine Sprache, die der jetzt gegen mich nicht haben sollte, murmelte der Lienhard, als er jetzt mit seiner Katze im Fürfell wieder heimging. Und als er das ganze Gespräch der Gertrud wieder erzählte, rümpfte diese den Mund, und sagte zu ihm: Du weißt nie, wen du vor dir hast.


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