Heinrich Pestalozzi
Lienhard und Gertrud
Heinrich Pestalozzi

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160.
Es nahet ein Todbett.

Ich kehre von ihm weg zu der Hütte der Sterbenden. Ihr Mann lag in stummem, stillem Schweigen vor ihrem Bette. Sie bot ihm tröstend die Hand, nahm von ihm Abschied, wünschte ihm Gottes Segen, und bat ihn noch um Verzeihung.

Vogt. O Gott! ich muß dich um Verzeihung bitten; ich bin an deinem Elende schuld.

Vögtin. Und ich nicht weniger an dem deinen.

Jetzt weinten beide heiße Tränen. Nach einer Weile kam auch der Pfarrer zu ihnen. Er setzte sich neben sie hin, und vergoß Tränen, wenn sie weinte; redete kein Wort, wenn sie Schmerzen hatte; und war immer auf das, was sie jeden Augenblick nötig hatte, aufmerksam.

So war es bei allen Kranken; denn er glaubte, man müsse mit dem reinsten menschlichen Sinne den Grund der heiligen Lehre legen, ehe man ihre Worte in den Mund nehme. Er machte überhaupt immer gar wenig aus Worten, und sagte, sie seien wie der Rauch Zeichen des Feuers, nicht das Feuer selbst; und je reiner das Feuer, desto weniger Rauch; und je reiner die menschliche Lehre, je weniger Worte. Er sagte: Das viele Wortwesen ist ganz und gar nicht für den gemeinen Mann. Je mehr Worte, desto schwächer drückt man für ihn aus, was man für ihn im Herzen hat. Die vielen Worte bringen ihm alles durcheinander, und heben ihm jeden Augenblick hundert Nebensachen über die Hauptsache empor. Aber die Menschen unserer Zeit sind von früher Jugend an an das arme Wortwesen wie verkauft, und haben fast keinen Sinn mehr für den wortleeren, reinen Ausdruck der innern Güte und Frömmigkeit der Menschen, durch welche die äußern Zeichen derselben geheiligt werden.

Mein guter Pfarrer mußte sich jahrelang bei seinen Bauern gleichsam entschuldigen, daß er nicht allemal fast in eben dem Augenblicke, da er zur Stube hereintrat, überlaut zu beten anfing; aber nach und nach gewöhnten sie sich doch an ihn. Sein wehmutsvolles Schweigen, sein inniges Teilnehmen, sein Antlitz voll Liebe und Glauben drückte am Todbette den Menschen mehr, als keine Worte es konnten, den Geist seiner Lehre, das Glück und die Pflichten dieses und das Glück und die Hoffnungen jenes Lebens aus. Es war sein Grundsatz: nur derjenige, welcher aufmerksam auf die Umstände und Bedürfnisse des Menschen in diesem Leben ist, kann ihnen die Lehre von jenem Leben wohl ins Herz prägen. Deswegen suchte er seinen Nebenmenschen, so viel er konnte, das zu sein und das zu geben, was er sah, daß es in jedem Augenblick für sie das beste sei; und es war seine Gewohnheit, gar viel und gar lange zu sehen und zu hören, was der Mensch selber suche, wünsche, denke, verstehe und sei, ehe er viel mit jemand redete.

So kam es, daß er bei seinen Pfarrkindern gewöhnlich, und sogar beim Kranken- und Todbette völlig dasaß wie ein anderer Mensch, und meistenteils unter allen, die da waren, am wenigsten redete. Wenn er dann aber redete, so war er auch mit ganzer Seele bei jedem Worte, das er sagte; und es war, wie wenn er in den Geist der Sterbenden hineindringen, aus ihm herausbringen, und ihm auf die Zunge legen könnte, was er nur wollte. Auch waren in allen Haushaltungen die Todbette unvergeßlich, bei denen er gegenwärtig gewesen war.

Er äußerte den Wunsch, und die Vögtin hatte das Wort schon auf der Zunge, daß sie alle Armen, denen sie unrecht getan, noch bei sich sehen möchte.

Von ihr weg ging der Pfarrer heute noch zum Treufaug, nahm aber vorher über sich, den Vogt beim Junker zu entschuldigen, wenn er diesen Abend die Armen, die seine Frau zu sehen wünschte, zu sich bitten wolle.


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